Zitat von Blanca:Diese Liste sollte man gemeinsam machen und besprechen, spätestens ehe man eine gemeinsame Wohnung anmietet. Der Aufwand dafür ist überschaubar und zugleich ist es eine perfekte Gelegenheit, Seiten des Partners kennenzulernen, über die man sich bislang keine Gedanken gemacht hat.
Aber nur weil man einmal etwas besprochen hat, heißt dies ja nicht (Stichwort ONS, Affären etc), daß sich die Dinge für den einen oder anderen nicht ändern können.
Ein sehr junges Paar, erste Beziehung, gerade mal 1 Jahr zusammen, wird einen ONS zumeist anders bewerten, als ein Paar, welches miteinander die goldene oder diamantene Hochzeit gefeiert hat, bei welchen vielleicht der eine Teil schon verstorben ist.
Was ja durchaus immer mal wieder im Forum thematisiert wird, Stichwort neue Zeit, Schnellebigkeit etc, ist, daß es zunehmend weniger Sinn für Paare macht, einen beruflichen Lebensentwurf zu leben. In dem Moment, in dem wir Scheidungen vom Stigma befreit haben, in dem wir anerkannt haben, daß sich Pläne ändern, haben wir die große Frage der wirtschaftlichen Auseinandersetzung aufgeworfen. Gleichzeitig gibt es kaum noch Jobs, die bequem eine Familie und eventuell eine zweite Familie (dauerhaft) finanzieren.
Höhere Lebenserwartungen und bessere Ausbildungen auf allen Seiten verändern die Situation zudem.
Damit aber ist die Beziehung zu einem Feld geworden, in dem bestimmte Entscheidungen nicht einmal oder aller paar Jahre ausgehandelt werden müssen, sondern es ein fast tägliches Miteinander Kommunizieren um die jeweils heute geltende Balance, Angemessenheit etc geben müßte.
Dafür aber braucht es zwei Dinge, die oft genug nicht im richtigen Maße vorhanden sind:
Selbstverantwortung. Um diese Form von Beziehung zu leben, ist es Grundvoraussetzung, sich bewußt mit den eigenen Wünschen, Gefühlen und Träumen auseinanderzusetzen. Das ist zunächst erst einmal nicht immer besonders angenehm, weil nicht jeder Wunsch per se erfüllbar ist, wir aus Angst vor Ablehnung im Moment, Ziele und Wünsche für die Zukunft eher wegschieben und vielen eben auch das innere Formulieren, um es dann eben auch im außen zu vertreten, aus sehr verschiedenen Gründen schwer fällt.
Statt dessen machen wir Dinge für unseren Partner, in der Annahme (!) dieser wünsche sich dieses, um dann im Gegenzug darauf zu hoffen, bzw ein Recht ableiten zu wollen, daß dieser sich dann aber eben auch unseren Wünschen, welche wir selbstverständlich nie genau geäußert haben, genauso beugt. Da nie wirklich konkret und offen Stellung bezogen wird, gerät das ganze früher oder später in eine Schieflage aus welcher sich Unmutsgefühle, fehlende Wertschätzung und Ressentiments bilden.
Selbstverantwortung ist ohnehin schon ein schwieriges Konzept, wird aber um so viel schwieriger, weil die allgemeine Vorstellung von Liebe eine der Selbstverantwortung fast diametral gegenüberstehende ist. So lange wir partnerschaftliche Liebe als Erlösung betrachten, wir uns in Retterphantasien, Kugelmenschen und endlich dem fehlenden Puzzlestück ergehen, so lange wird da zusammen mit der Selbstverantwortung kein Schuh draus. Ich kann schlecht gleichzeitig in jemandem Erlösung erblicken und diesem aber Grenzen und Abgrenzung entgegensetzen wollen.
Der Feuerwehrmann, der mit der Axt meine Haustür aufbricht (meine Mauern der Einsamkeit einreißt), um mich aus dem brennenden Haus zu retten (Lebenssinn Partnerschaft), dem kann ich schlecht sagen, daß ich es bevorzugt hätte, wenn er statt der Axt, halt den Schlüsseldienst gerufen hätte, weil mir etwas an der Haustür liegt.
Das zweite, was nicht im richtigen Maß vorhanden ist, ist Mut. Jeder von uns sucht die ganz große Liebe, das einmalige Ding, daß, was für den Rest der eigenen (wohlgemerkt) Tage für immer hält. Wenn man genau hinhört, dann liegt die Betonung auf für immer und selten auf Liebe. Große Liebe wird zudem nicht mit großen Gefühlen übersetzt, sondern groß isses nur, wenn es eben hält. Das ist Vollkaskomentalität. Die Stabilität, die wir in uns selbst und im Wandel finden sollten, suchen wir zumeist im Außen und auch nur als Statik. Der andere, darf sich überhaupt nicht ändern, auf beiden Seiten.
All das eben weil vielen der Mut fehlt. Das Vertrauen auf sich selbst, daß, selbst, wenn es schief geht, man eben einen anderen, neuen Weg beschreitet.
Für all Deine Beispiele kann jedes Paar, welches sich aus zwei selbstverantwortlichen, mutig vertrauenden Menschen zusammensetzt, eine eigene, konkrete Lösung finden, die je nach dem täglich oder jährlich neu verhandelt wird. Dafür braucht es aber ein anderes Verständnis von Liebe und ein großes Verständnis für sich selbst.
Denn: in Wirklichkeit ist es völlig egal, ob ein ONS, der nie herauskommt schon ein Fremdgehen ist, dem anderen etwas wegnimmt oder auch nicht (da keine Kenntnis), sondern es kommt nur darauf an, wie die beiden, deren Beziehung es betrifft, da für sich selbst ausgehandelt haben.
Gleiches gilt für Karrierechancen oder Nahtoderfahrungen.
Alles Liebe.