Zitat von wheresizzy12:Es war dieses "Kinder" - Beispiel, das nun verfrüht aufkam.
Und genau bei dem Thema gibt es auch keinen Kompromiss mehr, den man finden könnte. Denn "ein bißchen" atheistisch bzw. religiös erziehen gibt es nun mal nicht: Entweder man tut es konsequent, oder man läßt es.
Wenn ich lese, mit welcher Rigorosität Du alles Religiöse ablehnst - auch außerhalb der Erziehung - so sehe ich nicht, wie Deine Freundin da Raum finden soll, eben diese ihre Seite auszuleben, ohne sich ständig zurücknehmen oder gar innerlich verbiegen zu müssen. Selbst wenn sie das äußerlich irgendwie schaffen sollte, so wird es innerlich an ihr nagen, bis es zum Stachel im Herzen geworden ist. Spätestens dann steht Eure Beziehung auf einem Prüfstein.
Ein religiöser Mensch wird immer danach trachten, seine Kinder entsprechend zu erziehen - was für ein Wischiwaschi-Glaube wäre es denn, täte er das nicht?
Ich kann aber auch nachvollziehen, wie sehr Dir das in all Deiner Religionsphobie gegen den eigenen Strich gehen würde.
Es gibt da keinen tragfähigen Kompromiss. Gelebter Glaube setzt eine gewisse Lebensführung voraus und die ist nicht möglich, wenn man mit jemand zusammenwohnt, der schon an der bloßen Existenz eines Glaubens so dermaßen Anstoß nimmt, wie Du das tust. Umgekehrt wirst Du die Gefühle Deiner Freundin immer wieder empfindlich verletzen, je betonter Du religiöse Einstellungen und Befindlichkeiten ignorierst und je gezielter Du Dich davon distanzierst.
Dabei pflegt Deine Freundin sogar noch einen relativ lockeren Umgang mit ihren christlichen Werten - wenn Sachen lese wie
Zitat von wheresizzy12:Sie meinte beispielsweise eine kirchliche Heirat war ihr zwar immer wichtig, aber wenn es mit uns weiterhin gut laufen würde, wäre es für sie auch ohne ok.
Zitat von wheresizzy12:Zunächst einmal meinte sie, dass sie vielleicht damit leben könnte, ihre Kinder nicht zu taufen. Sie kann es nicht versprechen, aber überlegt sich das.
so sind schon das Kompromisse, die tief ins Eingemachte gehen und daher für überzeugte Christen, die ihren Glauben konsequent durchziehen, so nicht in Frage kommen. In der Tat klingt das ein wenig nach "Religion Light", allerdings gibt es da noch etwas, das mich aufhorchen ließ:
Zitat von wheresizzy12:Ich habe meine Meinung vertreten und sie hat sich persönlich davon angegriffen gefühlt, weil sie bisher nicht wusste, dass ich so "radikale Ansichten" vertete. Und mir war es bis dahin wirklich noch nicht klar, dass Religion doch diese große Bedeutung in ihrem Leben hat. Jedenfalls haben wir an diesen zwei Tagen nur gestritten, geweint, kaum geschlafen.
Ich kann nachvollziehen, wie sie sich dabei gefühlt haben muß. Ernsthaft gläubige Menschen identifizieren sich so sehr mit ihrer Religion, daß sie
sich insgesamt in Frage gestellt sehen, wenn jemand
eben diese angreift.
Christen finden enormen Halt in der Vorstellung (die Du natürlich nicht teilst), daß Gott sie unter jeden und allen Umständen unbedingt anzunehmen bereit ist, daß er sogar seinen eigenen Sohn Mensch werden und die Passion erleiden ließ, um ihre Sünden hinwegzunehmen und ihnen so die Unendlichkeit dieser seiner Liebe zu zeigen. So gesehen ist es zunächst mal eine Religion der Liebe - unabhängig davon, was Menschen aus dieser Vorstellung dann über die Jahrhunderte konkret gemacht haben und ja: Mir ist durchaus bewußt, daß der 30jährige Krieg weite Teile Süddeutschlands noch vor wenigen Jahrhunderten buchstäblich entvölkert hat, um nur mal ein Beispiel außerhalb der berüchtigten Hexenprozesse zu nennen.
Wir müssen das nicht vertiefen und mir ist auch vollkommen klar, daß jemand, der nicht an Gottes Existenz glaubt und für den die Bibel allenfalls ein Märchenbuch ist, dessen Urtext noch dazu in mittelalterlichen Klöstern vermutlich mehrfach gezielt umgeschrieben wurde, um sich den Vorstellungen damaliger Kirchenführer zu unterwerfen und entsprechend mißbrauchen zu lassen, sich regelrecht verar....t fühlt, wenn man ihm mit dieser Vorstellung daherkommt.
Fakt ist, daß hier kein Raum für Kompromisse bleibt:
- entweder man glaubt an Gottes Existenz und steht dazu oder man tut es nicht
- entweder man glaubt an Gottes Wirken und steht dazu oder man tut es nicht
- entweder man will diesen Glauben in einer Gemeinschaft ausleben, um Rückhalt darin zu finden, oder man will das nicht.
- entweder man erzieht seine Kinder in diesem Glauben oder man lehnt das ab.
Wo siehst Du da Spielraum für Verhandlungen, ohne dass einer von beiden sich innerlich kreuz und quer verbiegen muß?
Gott existiert entweder, oder halt nicht.
Sein Wirken war real, oder halt nicht.
Man fügt sich in die Gemeinschaft der Gläubigen ein, oder halt nicht.
Man will seine Kinder als Christen heranwachsen sehen, oder halt nicht.
Der einzige Punkt, wo ich etwas Raum sehe, ist die Gemeinschaft. Du fliegst nicht aus der Kirche, wenn Du da nicht jeden Sonntag auftauchen solltest und sofern Du nicht viel Kontakt mit anderen Gläubigen unterhältst, entfällt auch deren soziale Kontrolle. Allerdings erinnere ich mich noch recht gut, daß in meiner Jugendzeit eine Lektorin von von ihrem sonntäglichen Amt ausgeschlossen wurde, nachdem Mitglieder unserer Pfarrgemeinde unseren Kaplan darauf aufmerksam gemacht hatten, daß sie mit ihrem Freund zusammengezogen sei. So eine "wilde" Ehe forderte die katholische Lebensführung offen heraus und daher sollte sie nicht mehr von der Kirchenkanzel lesen dürfen.
In den meisten Gemeinden würde man sowas angesichts schwindender Mitgliedszahlen heutzutage vermutlich geflissentlich übersehen, aber im Kern bestehen solche Vorstellungen fort. Je gläubiger ein Mensch ist, desto provozierter wird er sich fühlen, wenn andere seine religiös motivierten Wertvorstellungen offen in Frage stellen, daher war und ist die Aktion von damals für mich zumindest logisch nachvollziehbar (also aus der Brille des Kaplans gesehen, der damals für die Ausbildung und Organisation der LektorInnen zuständig war).
Deine Freundin wirkt auf mich schon extrem kompromissbereit, aber ich bezweifle, daß Ihr Euch damit einen Gefallen tut. Es besteht die Gefahr, daß sie sich aus Zuneigung zu Dir innerlich verbiegt, um Eure Beziehung nicht aufgeben zu müssen. Umgekehrt ginge es Dir vermutlich nicht besser und ehrlich gesagt, wenn das Kinderthema jetzt schon für so eine Furore sorgt, so würde ich mich an Eurer Stelle ernsthaft fragen, wieviel Sinn eine Fortsetzung Eurer Geschichte macht. Solange Ihr noch eine Fernbeziehung führt, kann jeder von Euch sein Ding in Ruhe ausleben - wohnt Ihr erst mal zusammen, geht das nicht mehr so ohne weiteres und es wäre schade, wenn Ihr dann feststellen müßt, daß ihr es besser gleich aufgrund unüberwindbarer Gegensätze hättet lassen sollen.
An Eurer Stelle würde ich das Thema jetzt mal eine Zeitlang ruhen lassen, vielleicht sogar eine generelle Auszeit vereinbaren - und dann in Ruhe abwägen, was Euch wirklich wichtig ist und ob Ihr unter diesen Voraussetzungen wirklich mit der Beziehung fortfahren, lieber gute Freunde bleiben oder den Kontakt ganz abbrechen wollt, wenn letzteres nicht möglich ist.
Sorry, daß ich keine besseren Nachrichten für Euch habe, aber so sehe ich es.