Liebe Issi,
es wird dir vielleicht emotionale Erleichterung verschaffen, dich mit bestimmten Krankheitsbildern zu befassen und darin echte oder vermeintliche Erklärungen zu finden, aber bedenke, dass dies vor allem dein Muster bedient, um IHN zu kreisen anstatt bei dir zu bleiben. Ihn zu verstehen bringt dich aber eher davon weg als dahin,
deine Bedürfnisse erfüllt zu bekommen und
deine Grenzen zu wahren.
Generell sollte man Verhalten, welches sich vollumfänglich durch nicht ausreichende Gefühle in Kombination mit einem eher selbstbezogenen Charakter erklären lässt, nicht als Persönlichkeitsstörung etikettieren. Mit so etwas wäre ich vorsichtig.
Es scheint deine Gedanken immer wieder dorthin zu ziehen, bei ihm eine vermeidende Bindungsangst zu verorten. Ich verstehe den Drang nach Erklärungen, möchte dich dennoch erneut ermutigen bei dir zu bleiben und bei dem was DU brauchst. Denn dich zu verbiegen schadet dir - ganz egal ob du dich für jemanden verbiegst der schwer gestört ist oder ob du dich für jemanden verbiegst dem du nicht so wichtig bist, das Ergebnis ist das selbe, eine krumme und schiefe Issi der am Ende alles weh tut.
Zitat von Issi:Angst, nie mehr vertrauen zu können. Mich nie mehr zu verlieben. Nie mehr jemanden zu finden. Und wenn, dass es dann wieder ein idiot ist.
Ja, das sind ganz normale Gedanken jetzt, fühlt sich schlimm an aber es ist nicht gefährlich, Issi! Das gehört zum Liebeskummer leider dazu, es ist jedoch nur Gefühl und Angst - es ist NICHT die Realität.
Zitat von Issi:Aber diese Schmerzen, dass ich das Gefühl habe, mir reißt jemand das Herz raus, die sind neu.
Es ist wirklich so, dass Trennungen aus destruktiven Beziehungen oftmals ganz besonders schmerzlich sind. Das liegt an der Gemengelage der miteinander verwobenen Probleme. Man muss nicht nur das Ende einer Beziehung verkraften, was ja schon traurig und schmerzvoll genug ist, sondern auch die zusätzlichen Schäden am Selbstwert realisieren und bewältigen, die man durch seine eigenen Anteile, nämlich sich schlecht behandeln zu lassen, mitverursacht hat. Kein Wunder also dass das alles doppelt und dreifach schmerzt. Die gute Nachricht ist aber, dass man sehr viel daraus lernen kann!
Erinnerst du dich, was ich dir anfangs zur Intensität deiner Gefühle geschrieben habe: durch das Affärenartige eurer Beziehung sind deine Gefühle besonders hoch geputscht. Durch seine stete Nicht-Erreichbarkeit hat sich dein Verlangen nach ihm immer mehr gesteigert bis zu beginnender Selbstaufgabe. Es war so schlimm, dass du schon richtig krank davon geworden bist. Kaum erholt, gab es eine Neuauflage - mit ganz viel innerer Hoffnung und emotionalem Druck bei dir, dass es JETZT aber doch klappen wird... Nun prasselt also nicht nur der akute Trennungsschmerz auf dich ein mit der geballten Ladung doppelt geplatzter Hoffnungen und Wünsche und die Amputation deiner Gefühle für ihn, sondern auch dein zu erwachen beginnender Schmerz über dich selbst, dich nicht beschützt zu haben ... das IST doch ein ziemliches Paket und es ist kein Wunder dass es dir jetzt gerade so schlecht geht. Hab ein bisschen Verständnis für dich!
Zitat von Issi:Mein Vater war toll!
Das freut mich zu lesen. Es ist sehr schade, dass er jetzt nicht für dich da sein kann. Mir hat es schon öfter geholfen, mit verstorbenen Vertrauenspersonen innere Zwiesprache zu halten. Vielleicht findest du ja auch in der Vorstellung etwas Trost, was er dir in dieser Situation sagen würde, oder wie er dir beistehen würde, wenn er könnte.
Zitat von Issi:Ich hab Angst vor dem Telefonat! Gleichzeitig würde ich aber schon gerne wissen, was er zu sagen hat. Was soll ich jetzt machen?
Was meinst du denn selbst dazu?