Liebe Unfähig,
Zitat: Manchmal denke ich, ich habe narzistische Züge bzw. Züge einer Borderlinestörung an mir. Was denkt ihr darüber? Ich habe mich, besonders jetzt in den letzten Tagen nach der Trennung, intensiv damit auseinandergesetzt. Diese Ängste, die dort beschrieben werden, würden genau darauf zutreffen.
Bist Du eigentlich in therapeutischer Behandlung? Kann ich Dir nur ans Herz legen denn die Einsicht allein führt einen nicht zu sich selbst und ganz allein zu seinen Gefühlen zu finden, halte ich für schwer bis unmöglich.
Es kann sein, dass Du borderline-Züge hast, das kann Dir hier aber niemand beantworten. Habe einiges drüber gelesen...Borderline beinhaltet wohl immer auch Narzissmus (so jedenfalls ein Autor). Narzissten und Borderliner unterscheiden sich ja darin, dass Borderliner die Verschmelzung, dass von Dir genannte "Wir" ersehnen, während Narzissten es vermeiden. Im Grunde ist es aber m.E. nicht so wichtig, welchen Diagnosstempel Du Dir nun aufdrückst, sondern dass Du die Probleme angehst (z.B. herauszufinden, wohin Du Dich, ganz unabhängig von einem Partner entwickeln möchtest). So eine Diagnose kann ja auch wieder zu dem führen, was ich im letzten Beitrag zu erklären versuchte: Du identifizierst Dich noch mehr mit Deiner "Krankheit". Du hast diesen Verschmelzungswunsch, daran gilt es zu arbeiten...Im Grunde ist es nicht so wichtig, ob man das nun Abhängigkeit, Boderline etc. nennt. Wichtiger ist, sich in anderem Verhalten zu üben. Und ganz wichtig ist, dabei nachsichtig mit Dir selbst zu sein.
Zitat:Oh das ist es. Ich möchte mich in erster Linie für mich ändern. Mein Leidensdruck ist so hoch, dass ich so nicht mehr sein möchte. Nur darüber hinaus habe ich dann noch jemanden an der Seite gehabt, der wirklich ALLES für mich getan hat und mich bedinungslos geliebt hat, und ich habe es kaputt gemacht. Natürlich möchte ich mich für mich ändern, aber genauso möchte ich ihn auch behalten.
Ja aber Veränderung braucht einfach Zeit Unfähig. Und um ehrlich zu sein: es klingt ein wenig so, als würdest Du Deinen Ex idealisieren. Will ihn Dir nicht "madig" reden- auf keinen Fall aber Du tendierst hier stark dazu, Dich selbst maßlos anzuklagen und ihn zu idealisieren. Selbstreflektion st sehr gut, Selbstanklage weniger konstruktiv. Versuche doch mal, anders mit Deinen Defiziten umzugehen. Hilfreich dabei ist immer, sich vorzustellen, Du seist Dein eigenes Kind. Würdest Du es verurteilen, anschreien weil es sich so langsam und mühevoll entwickelt? Ermutige Dich selbst, behandel Dich wie ein verletztes Vöglein, dass verarztet werden muss...
Es tut mir so leid zu lesen, dass Du so leidest, gerade weil ich genau weiß, wie das ist, nämlich kaum auszuhalten. Darum warte nicht länger damit, Dir Hilfe zu suchen: Therapeut, Bücher, geführte Meditationen etc. Gehe ganz sanft mit Dir um. Es kommt bei mir so an, als gingest Du sehr hart mit Dir ins Gericht- so hart hast Du Dich dann wahrscheinlich auch Deinem Ex gegenüber verhalten?
Zitat:Ruhe meint er halt nur wirklich endgültig. Ich soll ihn komplett in Ruhe lassen. Ich weiss, dass ich es respektieren müsste. Das schlimmste daran ist einfach nur, dass er denkt, ich liebe ihn nicht. Er denkt, er ist mir egal, weil ich ihn so behandel. Und ich will ihm einfach zeigen, dass er das nicht ist.
Das ist nur zu verständlich, geht aber nicht Knall auf Fall. Das sind einfach zu große Extreme (die tatsächlich an Boderlerline erinnern): einerseits behandelst Du ihn- nach eigener Aussage in der Beziehung schlecht, andererseits möchtest Du ihm dann panikartig zeigen, dass Du ihn liebst. Ich glaube, das hast Du an anderer Stelle schon einmal genau so beschrieben, heißt, es ist vielleicht ein Muster von Dir. Und ich frage mich gerade, ob Du auch mit Dir selbst so umgehst: Die verletzte Unfähig in Dir drin denkt sie sei Dir egal weil Du sie so behandelst. Sie fühlt sich aber durch entsprechendes Verhalten geliebt, nicht durch Worte.
Besorge Dir doch mal entsprechende Literatur:" Ich hasse Dich, verlass mich nicht" ist so ein Titel, der vielleicht zu Deiner Situation passt? (ich selbst habe es nicht gelesen, hatte es aber mal vor und der Titel erinnert mich einfach an Dich).
Ich
Zitat:Wenn Gedanken wie "Ich wünsche mir eine Familie" auftauchen, dann lass es so stehen aber versuche Dich wieder gedanklich auf Dich allein zu konzentrieren. Befrage Dich immer wieder nach Deinen Sehnsüchten, Zielen...Und schreibe all das auf. Z.B. "Ich möchte eine Fortbildung machen"
Unfähig
Zitat:Du hast recht. Immer wenn ich mich frage, was ich gerne im Leben möchte, taucht das Wort Familie auf. Das ist eigentlich das einzige, was ich möchte. Ein funktionierendes WIR, mit allem was dazu gehört.
Das war bei mir genauso. Es ist ja auch ein Wunsch, den fast alle Menschen haben und also vollkommen ok. Du musst ihn nicht unterdrücken, Du kannst ihn haben...Aber sieh es einfach so: der Reihenfolge nach...erst musst Du gesund werden, stärker werden...Dann irgendwann ergibt sich alles andere...Für eine Familie muss man nicht wie verrückt "kämpfen"...Ja, Beziehung ist nicht immer leicht, man muss sich manchmal ins Zeug legen...aber für Dich scheint es ein existentieller Kampf zu sein? Und der hat mit der Realität wohl wenig zu tun. Schnapp Dir ein wenig Frieden...er ist auch da :trost: Du bist nicht nur die ungerechte Unfähig, die alles zerstört hat...In Dir steckt auch eine Fähig...aber Du musst ihr erlauben, sich auch mal hin und wieder zu zeigen :)
Zitat: Das ist also für mich eine der schwierigsten Übungen, meine Ziele oder Sehnsüchte zu erarbeiten.
Und genau dabei kann Dir eine Therapie helfen...Den Fokus immer wieder auf Dich selbst zu richten, emotional bei Dir zu bleiben (wenn das gelingt, entwickeln sich die Ziele von ganz alleine). Stell es Dir so vor: Du bist ein ausgehungertes Vögelchen...Und das hat einen soooo unermesslichen Hunger....Und bevor es nicht gegessen hat, hat es auch keinerlei Interesse fliegen zu lernen. Darum musst Du Dich selbst jetzt mit Samthandschuhen pflegen :)
Jetzt gerade bist Du sicherlich ganz extrem bei ihm...und ein guter Thera würde Dir helfen, Deine Trauer, Deine Bedürfnisse etc. zu fühlen....Meistens ist man erst imstande, eigene Ziele zu erarbeiten, wenn man auch emotional in sich ruht, andernfalls tut man all das nur mechanisch. Ich habe es oft in Threa erlebt, dass ich zu meinem Schmerz kam....mir die Augen ausheulte...und danach ploppten dann erst eigene Wünsche und Bedürfnisse auf.
Zitat: Es ist ja nicht so, dass ich mir diese Fragen nicht stelle. Aber es kommt nichts dabei heraus irgendwie. Ich mache Sport und treffe auch Freunde. Dabei bemerke ich aber auch, dass man trotz vielen Menschen um einen herum trotzdem einsam sein kann.
Und man kann sich auch mit sich selbst in bester Gesellschaft fühlen :wink: Aber das wohlige Gefühl stellt sich erst ein, wenn Du nicht mehr vor Dir selbst wegrennst. Dass Du das tust, bedeutet wohl, dass ganz viel Traurigkeit in Dir steckt, der Du ausweichst.
Ich
Zitat:So ist es möglich, dass es Dir mehr als vertraut ist, um oder gegen die Liebe zu kämpfen, anstatt um und für Dich zu kämpfen. Du leidest sehr unter dieser Situation aber damit aufzuhören und Dich für Dich selbst einzusetzen ist Dir vielleicht völlig unvertraut und diese unbekannte Landschaft macht Dir Angst?
Unfähig
Zitat:Oh ja, da ist was dran. Kannst du mir das nochmal etwas näher erklären bitte?
Ich hab versucht es mit meinem eigenem Beispiel zu erklären: ich habe darunter gelitten, immer für Familienangehörige sorgen zu müssen. Aber als ich es nicht mehr musste, da stand ich blöd da und wusste kaum etwas mit mir anzufangen. So hätte ich mir den nächsten Beziehungs-Problemfall suchen können und da weiter kämpfen können um mich nicht um meine Belange kümmern zu müssen. Absurd, da es eigentlich Freude machen sollte, sich um sich selbst zu kümmern aber es war mir so unvertraut (unbekannte Landschaft).
Ich kenne Deine Geschichte nicht, aber Menschen, die schlecht für sich selbst sorgen können, haben oftmals in der Kindheit einfach keinerlei Feedback, Spiegelung bekommen, wenn sie sich irgend einer Sache gewidmet haben...Daraus kann die Unfähigkeit entstehen, sich selbst wahr- und ernst zu nehmen. Sehr früh wurde einem somit die Botschaft vermittelt "Was du tust, hat keine Wichtigkeit" (Man wird einfach nicht gesehen) und in der Folge nimmt man selbst es auch nicht wichtig...und ist immer auf andere Menschen konzentriert...
Genuaso kann es sein, dass Du aus Deiner Kindheit konfliktreiche Beziehungen gewohnt bist und das dann halt als Erwachsene fortführst.
Der springende Punkt bei mir selbst war, dass ich erkannte, dass es bei mir nicht nur mit einer Selbstwertproblematik, sondern mit bloßer Gewohnheit zu tun hatte. Ich hatte vor vielen Jahren wie Du eine sehr kranke Beziehung und litt drunter...Danach hatte ich eine Beziehung zu diesem super süßen und lieben Mann und konstruierte immer Konflikte...Ich glaube, dass ich mich gewissermaßen zuhause im Konflikt fühlte. Es tat weh, war aber mein Metier :wink: Alles in mir war quasi auf Konflikt konditioniert- emotional, gedanklich (Gewohnheit, alle Energien für Beziehungsgedanken zu verschwenden. Was gäbe dazu mehr Anlass als Konflikte? :wink: ) und die "Landschaft" einer friedlichen Beziehung war für mich ein fremdes Gebiet auf dem ich mich nicht auskannte. Also konstruierte ich Stress (unbewusst)- das war mir vertraut. Das "konnte" ich, das war meine "Stärke" :wink: :D Ist es jetzt etwas klarer für Dich?
Du schreibst, wie lieb Dein Freund gewesen sei aber vielleicht wirft Dich eine konfliktfreie Beziehung auf Dich selbst zurück? Du hättest ja mit dieser schönen Basis alle Möglichkeiten, Dich auf Dich zu besinnen, Dich Deinen Interessen zu widmen, Schönes mit Deinem Partner zu teilen...Bist darin aber möglicherweise nicht geübt? Wenn in der Beziehung "alles schön" und friedlich ist, gibts sozusagen keine Ausrede mehr, sich seinen eigenen Baustellen zu widmen: Lebenssinn, Eigenständigkeit, Freude an sich selbst...Und dann...Zack! schafft man wieder ein Problem und ist wieder mitten drin im vertrauten Beziehungswirrwarr und alle Energien werden gewohnheitsmäßig dafür verballert, diese selbst geschaffenen Konflikte wieder zu lösen.
Frage Dich vielleicht einmal, wer Du bist wenn Du nicht in Beziehung "denkst", wenn Du im Geiste keine Beziehungsfragen zu lösen hast...Da ist wahrscheinlich ersteinmal nicht viel und diese Leere macht natürlich Angst. Und wie ich schon schrieb, tauchen auch nicht plötzlich wie aus dem Nichts die eigenen Themen, Interessen auf, sobald Du aufhörst, Dich auf eine Beziehung zu fixieren...Es muss langsam erarbeitet werden...macht aber auch Spaß...Jahrelange Al.koholiker trinken nicht nur um einen Schmerz zu ertränken, sondern trinken ab einem gewissen Punkt auch deshalb weil sie (konstruktives) Handeln (Aktivität) gar nicht mehr gewohnt sind...Alles Neue macht Angst...und so greift man wieder zur Flasche (Passivität- sich von Außen etwas zufügen)....
Ende der Rede :)
Es tut mir Leid, dass Dein Freund nun die Nase voll hat. Das ist sicherlich ein großer Schock für Dich...aber vielleicht ist es auch eine Chance für Dich, Dich nun um Dich selbst zu kümmern...
Horch mal: Wolfsheim: Kein Zurück :trost:
Gute Nacht zusammen :)