Hey @DerSchlumpf ,
also, auch mir tut es sehr leid, dass du in dieser Situation bist. Zuerst einmal möchte ich dir sagen, dass ich mich in vielen Aspekten deiner Frau ähnlich vorkomme. Das, was sie zum Sex sagt, dass was sie zum Aufarbeiten deiner Kindheit sagt, dass sie sich stark weiterentwickelt hat, dass ihre Familie sehr wichtig für sie ist, und last but not least, die offene Beziehung.
Ich möchte erst einmal das Augenmerk darauf richten, dass das mit der offenen Ehe ja bei weitem nicht das erste und das einzige Problem bei euch ist. Insofern würde ich, glaub ich, das als erstes mal als Argument hernehmen, um Druck rauszunehmen und Zeit zum Klar werden zu gewinnen: Es macht absolut keinen Sinn, eine desolate Ehe zu öffnen. Die Konflikte werden erst mal mehr werden, die emotionale Belastung wird erst mal zunehmen, es wird erst mal zu schwierigen Situationen kommen, wenn die Kommunikation eh schon so mittel ist, wird das nicht funktionieren.
Dann wollen wir uns mal ans Entwirren machen.
Fangen wir trotzdem von hinten, mit der offenen Ehe an.
Wie gesagt, ihren Wunsch und ihre Argumente kann ich 100% verstehen. Kannst du es auch? Ich denke, unabhängig davon, ob es für dich in Frage kommt oder nicht, denke ich, dass es wichtig ist, sein Gegenüber zu verstehen. Aus dem gleichen Grund würde ich dir raten, dich ein wenig zum Thema schlau zu lesen, und wirklich auch bei dir zu schauen, welche Überzeugungen und Werte hier bei dir wirklich angesprochen sind, und ob das für dich wirklich so klar und eindeutig ist, wie du hier schreibst. Schau mal, ob du eine Schicht tiefer schauen kannst.
Du sagst z.B., dass du die Treue als einen Grundpfeiler eurer Ehe siehst/empfindest. Kannst du erklären, warum das so ist? Weiter sagst du, dass du überhaupt kein Bedürfnis hast, so etwas deinerseits auszuleben. Stimmt das wirklich? Alles offene Fragen. Wenn das bei dir genauso ist, dann ist das so.
Falls du nach dieser Erforschung des Themas immer noch der gleichen Überzeugung bist, dann würde ich das genauso kommunizieren: Wenn sie die Ehe in diesem wichtigen Punkt nicht so weiterführen möchte, wie vereinbart, dann ist sie beendet. Dieses "Das ist Drohung und Erpressung" ist halt kindische Schuldumkehr, und das kannst du ihr auch genauso sagen.
Ok, weiter.
Sie will mehr "weiblichen" Sex.
Schick. Klingt wieder so, als würde sie es sich unter einem schicken Schlagwort ziemlich einfach machen.
Sex ist in ganz vielen sehr langjährigen Beziehungen ein großes Konfliktthema. Auch in meiner Ehe war das so. Und ja, auch ich habe mich oft mehr oder weniger subtil zum Sex genötigt gefühlt. Ebenfalls ist fehlende Lust auch oft ein Anzeiger, dass etwas nicht stimmt in der Ehe. Ich glaube, dass an dem Klischee viel dran ist: "Frauen brauchen Verbindung, um Sex haben zu wollen und Männer wollen Sex haben, um Verbindung zu spüren"
Das wäre halt der Ausgangspunkt gewesen, um in intensive Gespräche zu gehen. Eine Ansage von ihr, und du bleibst ratlos zurück, ist halt wenig.
Womit wir beim nächsten Punkt sind: Irgendwie scheint mir die Gesprächskultur bei euch nicht so wirklich gut? Sie scheint ihr Ding zu machen, und du stehst ratlos daneben, und weißt nicht so recht, wie du die Dinge ansprechen/ durchsetzen kannst, die dir wichtig sind?
Weiter die Sache mit euren sehr unterschiedlichen Herkunftsfamilien und deinem Eindruck, dass sie ihrer Herkunftsfamilie loyaler gegenübersteht, als dir. Loyalität ist ja jetzt irgendwie auch nur so ein Schlagwort, so eine Worthülse. Kannst du eine Situation schildern, und warum genau du sie in dieser Situation als illoyal enpfunden hast?
Auch die "Forderung", dass du deine Vergangenheit Therapeutisch aufarbeiten mögest, kommt mir merkwürdig, evtl. übergriffig vor. Siehst du selber denn hier wirklich Handlungsbedarf?
Und zum Schluss, ihre etwas esoterischen Weiterbildungen.
Ja, das sähe ich auch recht kritisch, es handelt sich hier halt oft um geschlossene Weltbilder, in denen rationalere Partner dann evtl. keinen Platz mehr haben, bzw. abgewertet werden.
Zumindest kann man konstatieren, dass ihr euch diesbezüglich in sehr unterschiedliche Richtungen entwickelt habt, was eine Ehe ja auch erst mal aushalten muss.
Gibt es denn genug Gemeinsamkeiten? Gemeinsame Unternehmungen, gemeinsame Hobbies? Gibt es Dinge, über die ihr gut und gerne zusammen reden könnt? Oder hört der eine dem anderen nur höflich zu, weil ihn das Leben, die Person und die Interessen des anderen nur noch am Rande interessieren?
Also, abschließend:
Nimm dir ein paar Wochen um zu schauen, ob deine Haltung bezüglich offener Ehe wirklich so klar ist, und auch, ob ihr der Schritt wirklich so wichtig ist. Wenn ja, dann braucht ihr euch mE gar keine weiteren Gedanken machen.
Falls einer von euch doch bereit sein sollte, seine Einstellung zu ändern, würde ich zu allererst mal an den ganzen anderen Punkten arbeiten.
Ich meine, ihr sein fast euer ganzes, nicht mehr so junges Leben zusammen, das ist erst mal eine große Leistung, die sehr gewürdigt werden sollte, selbst wenn es jetzt nicht mehr gemeinsam weitergeht. Jedenfalls halte ich es für völlig normal, dass ihr euch nach dieser sehr langen Zeit zusammensetzen müsst, und schauen, wie ihr die nächsten 40 Jahre miteinander verbringen möchtet.
Wie auch immer es ausgeht, ich wünsche euch alles gute.