Liebe Odette,
ich habe leider nicht so viel Zeit fürs Forum, daher packe ich es etwas grob formuliert und mit weniger Grautönen und ein bisschen mehr Schwarz-Weiß als mir selber lieb ist in eine Kurzform:
Anderthalb Jahre Beziehung sind im Grunde noch immer (erweiterte) Kennenlernphase. Es ist okay, wenn nach ein bis zwei Jahren die Schmetterlinge nicht mehr fliegen, aber Ups und Downs finde ich in so einer frühen Phase schon ein Alarmzeichen. Dass dein eigenes Verhalten, Nichtigkeiten zum Eskalieren zu bringen, eine mächtige rote Flagge ist, brauche ich dir nicht zu sagen, da bist du reflektiert genug.
Zitat von Odette: So wie wir sind, waren wir nicht immer. Es war eine Spirale die nur abwärts ging.
Schau hin, liebe Odette. Eine Beziehung fängt rosarot harmonisch an. Die Schokoladenseite ist vorn. Mit der Zeit legt sich das zugunsten der normalen, echteren Seiten einer Person. Ihr wart am Anfang verliebte Schokoseiten, jetzt spiralt ihr nicht abwärts, sondern lernt euch nur authentischer kennen, und dass du das als Abwärtsspirale interpretierst, zeigt womöglich bloß, dass eure Kompatibilität geringer ist als anfangs gedacht und erhofft.
Eine Paartherapie nach anderthalb Jahren ... gut, darüber kann man streiten. Ich persönlich finde es nicht sinnvoll.
Zitat von Soloperme: Ich denke, wenn hier Julia von ihrem Romeo geschrieben hätte, ihre und andere grosse Liebesgeschichten waeren zu Tode analysiert worden.
Zu Recht, denn deren große "Liebe" dauerte gerade mal eine knappe Woche und führte zu mehreren Toten. Im Grunde ist diese Geschichte eher eine Mahnung, sich nicht von hormoneller Verblendung zu grobem Blödsinn hinreißen zu lassen. In jedem Fall ist es das Gegenteil einer erfolgreichen Liebesgeschichte.
Für die Liebe kämpfen? Hielt ich in meinen frühen 30ern für normal oder sogar für etwas, das ein Beweis für den tollen eigenen Charakter ist - heute denke ich, in den meisten Fällen ist das bloß ein Symptom dafür, dass man sich verrennt oder glaubt, den anderen ändern/retten zu können. Für eine langjährige Ehe mit Familie und gemeinsam aufgebauten materiellen Werten, würde ich sagen lohnt es sich zu "kämpfen". Für eine erweiterte Kennenlernphase, die immer schon schwierig war und jetzt in die totale Schieflage abdriftet? Nein. Da würde es sich meiner Meinung und heutigen Erfahrung nach eher lohnen, die Trennung durchzuziehen und die Kraft in die eigene Genesung und danach in eine Neuorientierung zu stecken.
Dein Kandidat zeigt ziemlich viel Wasch-mich-aber-mach-mich-nicht-nass-Verhalten, sehe da diese typische bindungsängstliche Dynamik: zu viel Nähe treibt ihn weg, Unverbindlichkeit lockt ihn an und motiviert ihn wieder mehr Verbindlichkeit zu schaffen, aber dann bitte auch wieder nicht zu viel.
Depression, die Diagnose die du anzweifelst, ist eine klassische Komorbidität bei verschiedenen anderen möglichen Diagnosen. Du bist klug und reflektiert, ich denke wenn du dich mit der Thematik beschäftigst wirst du schon eigene Ideen dazu entwickelt haben. Falls nicht, die Beschäftigung mit Persönlichkeitsstilen (! nicht -störungen) kann ein guter Impuls zur Selbsterkenntnis sein. Das Buch von Rainer Sachse finde ich da sehr empfehlenswert.
Bitte sprich mit deiner Therapeutin über das Ruminieren. Das ist grausam, ich neige leider auch dazu. Es frisst so viel Zeit, Kraft und raubt Lebensqualität. Es wird aber besser, wenn man konsequent anfängt sich zu fragen, ob Dinge und vor allem Menschen (!) einem Kraft geben oder Kraft rauben. Und dann auch entsprechend anfängt, auszusortieren.
Liebe Odette, aus meiner Sicht steckst du in einer vertrauten, daher auf verdrehte Art dich bestätigenden Dramaschleife, die dein Kandidat mit ähnlicher Virtuosität mitzieht wie du selbst. Ihr tanzt um Nähe und Distanz und überhöht künstlich eure gegenseitige Bedeutung. Für mich liest sich das weder romantisch, noch charakterstark, sondern selbstschädigend. Ich weiß ja nicht, wie stark dein Kinderwunsch ist, aber wenn dir das sehr wichtig ist, solltest du nicht auf diejenigen hören, die dir Geschichten davon erzählen wie sie mit Anfang 40 noch Mutter wurden, sondern vielleicht auf diejenigen, bei denen es schon mit 34 nicht mehr geklappt hat.
Zitat von Odette: Wir schlafen nicht mit andern, und haben kein Interesse andere Kontakte kennen zu lernen.
Ich weiß, der Tenor im Thread ist nicht so plump wie mein Beitrag, aber ich habe wie gesagt wenig Zeit und sage es lieber direkt, aus meiner Sicht verschwendest du deine Zeit mit einem Mann, der sich trennt, nein doch nicht, oder doch, aber nur so ein bisschen, weil Sex mit einem anderen sollst du ja lieber auch wieder nicht haben. Sorry wenn ich an dem Punkt zynisch wirke - diese Vereinbarung zwischen euch finde ich ehrlich gesagt am schlimmsten an der ganzen Situation, denn wer keine Pflichten will, soll auch keine Rechte nutzen. Aber du klammerst am Strohhalm und versuchst, darin noch etwas Gutes zu sehen.
Ich weiß, du wünschst dir etwas anderes, und ich würde es dir von Herzen gönnen, aber da ich daran nicht glauben kann, wäre mein frommer Wunsch an dich eine saubere, friedvolle Trennung in gegenseitigem Wohlwollen (vielleicht wird eine schöne Freundschaft daraus) und eine Odette die sich frei macht für eine funktionierende Beziehung. Und ja, wie Beziehung funktioniert, lernt man am besten innerhalb einer Beziehung, aber den ganzen Rest - funktionierendes Selbstwertgefühl, gesundes Grenzsetzen - da ist es eher hinderlich, wenn ein anderer mit seinen mitgebrachten Beziehungsthemen da reingrätscht. Nur so ein Gedanke. Alles Gute dir, liebe Odette!