Liebe Lisa2305,
willkommen im Forum, auch wenn der Anlass kein schöner ist.
Deinen Kummer kann ich wirklich gut nachfühlen. Das hört sich sehr schlimm an, auf so eine Weise zu so einem Zeitpunkt verlassen zu werden. Glaub uns hier wenn wir dir hier im Hinblick auf den Schmerz gut zusprechen - es wird dir wieder besser und auch eines Tages wieder richtig gut gehen - auch wenn der Weg dahin dir im Moment unendlich lang vorkommt.
Nach dem was du beschreibst, halte ich in deiner Geschichte auch tatsächlich eine Störung der Bindungsfähigkeit bei deinem (Ex-)Freund für realistisch.
Leider liest man das öfter, dass Bindungsängstler gerade dann stiften gehen, wenn die Beziehung den Intensitätsgrad erreicht, den sie zuvor eigentlich angestrebt haben. All das Bestreben, mit dir zusammen zu ziehen, eine Familie zu gründen usw. wollte er vermutlich wirklich, bis er dann innerlich gekippt ist - kalte Füße kriegen nennt man das landläufig (und passiert auch Menschen ohne Bindungsangst, wenn die merken, dass der/die andere doch nicht die richtige Person ist, wenn es nun ernst werden soll).
Für dich finde ich jetzt wichtig, dass du neben all der Auseinandersetzung mit den Fragen, die um IHN kreisen - wieso, weshalb tut er was er tut, was fühlt er, was will er, wie kann ich (du) ihm helfen usw. - nicht aus den Augen verlierst, um wen du dich gerade am meisten und am dringendsten kümmern musst:
um dich.
In solchen Konstellationen besteht nämlich die große Gefahr, dass der verlassene Part sich mehr "anstrengt" um den Verlassenden, der ja (vermeintlich) die Beziehung doch eigentlich will, aber nur nicht kann, davon zu überzeugen, dass man es "gemeinsam schafft". Und dabei dann selbst hintenrüber fällt, weil er sich in diesem Bemühen aufreibt. Da sehe ich bei dir leider schon solche Ansätze, z. B. indem du dich um seine Therapie bemüht hast - das hätte aber doch ER von sich aus wollen und entsprechend auch umsetzen müssen. Du hast da schon angefangen, zu viel Verantwortung für ihn zu übernehmen.
Deshalb solltest du jetzt vor allem eins tun: dafür sorgen, dass du dich mehr um dich als um ihn kümmerst. Kontaktsperre halten - z. B. den Kontakt löschen, nicht bei WA gucken ob er online ist oder was in seinem Status steht, keine "klärenden" Gespräche suchen usw. Überlege stattdessen, was DU jetzt brauchst, damit es dir besser geht. Und was du tun kannst, damit du bekommst was du jetzt gerade brauchst, um dich vor dem Schmerz zu schützen, den er dir mit seiner Überraschungstrennung zugefügt hat. Da er in dem Fall der "Täter" ist, kann er dir diesen Schutz nicht (mehr) gewähren, er ist nicht mehr dein Vertrauter. Es ist schwer ihn in diesem neuen Licht zu sehen, aber es wird dir helfen so früh wie möglich dich in der neuen Realität zurechtzufinden. Das Akzeptieren der jetzigen Realität ist übrigens auch die Basis für eventuelle Neuanfänge, denn über das Geschehene hinweggehen als hätte es das nie gegeben, würde ohnehin nicht funktionieren (ob es das andere täte, sei mal dahingestellt, aber das steht im Moment ja eh nicht zur Debatte).
Zitat von Nemaj: Es gibt Therapeuten, die ihren Klienten in solch einem Fall raten, die aktuelle Beziehung entweder zu beenden oder auf Eis zu legen
Meinst du? Das käme mir allerdings sehr übergriffig vor. Ich kenne es von Therapeuten eher so, dass diese keine Ratschläge erteilen - schon gar nicht so einschneidende - sondern mit den Klienten gemeinsam herausfinden, was diese wollen und brauchen, um gesünder zu werden.
Zitat von Lisa2305: Ich frage mich natürlich nur die ganze Zeit, ob die Therapie doch Erfolg haben könnte
Liebe Lisa2305, dein (Ex-)Freund soll die Therapie nicht deswegen machen, um mit dir zusammen sein zu können. Therapien dauern oft sehr lange und vor allem Probleme im Bereich von Persönlichkeitsstörungen lassen sich oft nur sehr schwer behandeln, oft liegt der Fokus eher darauf, mit den Störungen leben zu lernen anstatt diese zu "heilen". Als Außenstehender unterschätzt man leider oft das Ausmaß solcher Beeinträchtigungen.