4 Monate
Gestern Abend bekam ich schlagartig Migräne.
Vielleicht überforderten mich die Komplimente des anderen Mannes. Mir ist nicht klar, warum er da beharrlich Support leistet. Ich weiß zwar, dass er unsere Affäre gern wieder aufleben und die Vor-Liebes-KBR, vor allem aber die Vor-Liebes-Kummer-KBR, wieder haben möchte, aber es ist für ihn ein sehr mühseliges Geschäft.
Er wohnt ja nicht mal hier. Aber er hört sich geduldig meinen Schmerz und meine Klagen an und erträgt miene Stimmungen, sofern ich mich nicht beherrschen kann. Ich finde es relativ unfair, ihn damit zu vollzusülzen, nur weil er vielleicht einer der Geduldigsten ist. Ich finde dass auch ausgesprochen uns.y. Allerdings hält mich das weniger davon ab, weil ich eh an S. überhaupt nicht denke. Jedenfalls nicht in der Form, dass ich Interesse an irgendeinem Kerl hätte oder daran, mich von einem anfassen zu lassen.
Wann immer ich den anderen Mann frage, warum er das tut, erklärt er, es würde sich so gehören, an meiner Seite zu sein.
Ein Fremdgänger, der findet, es würde sich so gehören, sich den Liebeskummer seiner desolaten Ex-Affäre anzuhören, ist schon ein bisschen skurril.
Wie dem auch sei. Nachts wachte ich auf - immer noch mit Migräne und nach einiger Zeit mal wieder mit dem merkwürdigen Gefühl, als würde von innen alles gegen meine Haut pochen oder schlagen und als wolle mein Inneres auseinanderbersten und würde nur von meiner Haurt zusammen gehalten werden. Warum sie das macht, weiß ich nicht, denn auch ansonsten beweist sie ja eindrucksvoll, dass die Figur nachgibt.
Als ich wieder eingeschlafen war, träumte ich. Ich träume wieder von IHM bzw. über IHN.
Ich ging mit meinem Freund S. eine Straße entlang, in der alle Ladenflächen leer standen (wozu so etwas im Traum wohl wichtig ist?). Ich erzählte S., dass ich hinter IHM herspioniert und herausgefunden hätte, dass ER unser Ferienhaus storniert habe.
S. antwortete betont gelangweilt, so wie er es im wahren Leben tun würde, wenn er eine Befassung mit einem Thema für unnötig hält und als wüsste er nicht, von wem ich rede:
"Wer?".
Ich antwortete betont dramatisch, wie ich es auch im wahren Leben tun würde, um ihm deutlich zu machen, dass es mir jetzt aber wichtig ist, darüber zu reden:
"Der Typ, der mich eine gute Woche vor meienr OP wegen einer anderen sitzengelassen hat. Der Typ, der Dich noch ein paar Tage vorher kennengelernt und zu sich eingeladen hat. Der Typ, der mir das Blaue vom Himmel versprochen und mich glücklich gemacht hat. Der Typ, wegen dem ich seit Monaten in den Seilen hänge. Der Typ, der mit mir in zwei Wochen in den Traumurlaub starten wollte. Der Typ, der mich umsorgen und mit mir alt werden wolte. Du erinnerst Dich?"
Nach einer kleinen Pause sagte S., so als hätte er nachdenken und in seiner Erinnerung Bruchstücke zusammensetzen müssen:
"Ach, Du meinst den Typen, der mich vor zwei oder drei Wochen angeschrieben und mich dringend gebeten hat, ihm mitzuteilen, wie es dir geht?"
Bämmm. Das war nach den Monaten des von mir eingeforderten Schweigens von IHM eine neue und unerwartete Information und viel weniger aufwühlend, als ich selber angenommen hätte.
S. sprach überlegt weiter:
"Ich habe die Mail ignoriert und nicht geantwortet. Es schien IHM darum zu gehen, dass ER sich Sorgen machte, weil du schon so lange nicht arbeitest und nicht etwa darum, wieder in Hinblick auf eine Partnerschaft vozufühlen."
Ich sagte dazu nichts und überlegte, neben S. diese merkwürdige Straße entlang gehend, was ich fühle und was diese Information für mich bedeutet. Was bedeutet es einerseits, dass S. mir diese Kontaktaufnahme bisher vorenthalten und auf IHN nicht reagiert hatte und was löste das Interesse von IHM in mir aus?
Ich kam zu dem Ergebnis, dass ich es eher nüchtern zur Kenntnis zu nehmen scheine, als dass es Gefühle wie Wut, Hoffnung, Trauer o.. auslösen würde, und dass es gut ist, wie es ist. Ich hatte nicht mal das Interesse, besagte Mail zu sehen und diese selber zu interpretieren.
Heute ist es vier Monate her. Ich träume immer noch. Aber langsam verändern die Träume sich. Möge die Realität nachziehen.