Shediaa
Gast
Mensch, ich freue mich ehrlich, dich hier wieder zu treffen. Auch wenn wir beide wohl noch nicht so wirklich der Lösung unserer Probleme näher gekommen sind. Ich habe immerhin inzwischen verstanden, dass mein AM eine Luftnummer war. Dass ich einer Illusion aufgesessen war und in einen Menschen verliebt war, den es so nie gab. Das hat mir soviele Probleme beschert, dass ich jetzt wirklich froh bin, am Leben und immernoch in meiner Komfortzone zu sein, die ich nicht vorhabe, zu verlassen.
Dich sehe ich da, wenn ich deine letzten Posts so lese, in einer anderen Position. Du hast es genauso wenig wie ich geschafft, deinen Mann grundlegend umzuerziehen. Du bist aber unabhängig und reif genug, nun doch noch den Absprung zu schaffen. Und ich glaube, du bist kurz davor.
Ich arbeite ja in der ambulanten Seniorenbetreuung und sehe da jeden Tag quasi unser aller Zukunft. Meistens sind es alleinstehende Herrschaften, die ich da betreue, immer öfter aber auch Ehepaare. Und was viele von denen da durchmachen, kann ich nur als Hölle bezeichnen. Da war z.B. der demente und körperlich eingeschränkte Ehemann, der auf professionelle Pflege und auf die tägliche Hilfe seiner Frau angewiesen war. Als ich ihn betreute, erzählte er mir stolz und im Beisein seiner Frau von seinen Liebschaften, die er als Außendienstler wohl so ziemlich in jeder Stadt hatte. Ich kann mir vorstellen, was da in seiner Frau vorgegangen sein muss.
Und dann war da das Paar, wo er dement aber körperlich fit und sie im Rollstuhl war. Sie brauchte eine Engelsgeduld, um ihm jede Handreichung mehrfach genau zu erklären, damit er sie in ihren täglichen Verrichtungen unterstützen konnte. Beide bekamen zwar professionelle Hilfe, die kann aber nur 3 x täglich für 20 Minuten vor Ort sein. Ansonsten sind die beiden sich selbst überlassen.
Was da zwischen den Eheleuten abläuft, ist der Nährboden für Wut, Hass und häusliche Gewalt, die es sicher hinter verschlossenen Türen auch gibt. Zumindest in der psychischen Variante. Bisher habe ich nur ein einziges Paar erlebt, das mir den Glauben an die Liebe zurück gab. Beide waren hochbetagt und gingen trotz aller Einschränkungen sehr liebevoll miteinander um. Sie waren seit mehr als 70 Jahren verheiratet.
Die große Mehrheit aber zeigte mir eher die Kehrseite der Medaille. Die Lage wird sich also nicht verbessern, liebe Barnylilly, auch wenn wir uns das so sehr wünschen. Krankheit, Pflegebedürftigkeit, Leid und Tod werden die Situation verschlimmern. So lange bis von der Liebe nichts mehr übrig ist und sie sich vielleicht sogar in Hass verwandelt hat.
Mein Mann und ich haben da Vorkehrungen getroffen und vereinbart, dass sollte einer von uns pflegebedürftig werden, der andere das Recht und die Pflicht hat, ihn in ein Heim zu geben. Besser finden wir dass derjenige dort professionelle Rund-um-die-Uhr-Pflege bekommt und der andere ihn so oft wie möglich besucht. Wahrscheinlich, aufgrund meiner diversen Vorerkrankungen, werde ich diejenige sein, die zuerst in so eine Einrichtung geht. Bis dahin haben wir aber hoffentlich noch einige Jahre Zeit, die wir zusammen genießen wollen. Sofern uns das denn gelingt!
Momentan sieht es so aus, als könnten wir es schaffen, uns das Leben noch angenehm zu gestalten. Sollte das nicht gelingen, werde ich die Konsequenzen ziehen, obwohl ich finanziell leider nicht so gut aufgestellt bin, wie du. Ich habe ja nicht durchgängig gearbeitet und war lange Zeit nur Hausfrau mit diversen Nebenjobs. Immerhin aber wäre ich wohl zumindest unabhängig von Hartz 4, dank meiner jetzigen Berufstätigkeit, die ich durch viel Glück und mit viel Fleiß zurück erobern konnte.
Dennoch würde ich keiner jungen Frau mehr raten, ihren Beruf der Kinder zu Liebe aufzugeben, so wie ich es tat. Die neuen Scheidungsgesetze (die ja von Männern gemacht wurden!) lassen das nicht zu.
Liebe ist für mich (besonders heute morgen) ein sehr abstrakter Begriff geworden. Eigentlich eine leere Worthülse. Mir geht es nicht mehr um Liebe, sondern um ein gutes und möglichst angenehmes Leben. Zusammen mit meinem Mann oder alleine. Was besser ist..., wir werden sehen!
So, jetzt trinke ich meinen Kaffee aus und stürze mich in den Tag. Wie du vielleicht bemerkt hast, bin ich heute ein bisschen auf Krawall gebürstet, weil ich gestern mal wieder deutlich über meine Kraftgrenzen gehen musste. Was du tun und wie du weiterleben sollst, dazu kann ich dir heute keinen guten und durchdachten Rat geben. Außer vielleicht, genieße den heutigen Tag und das schöne Herbstwetter! Koche Marmelade, kauf dir ein neues Kleid oder Schuhe oder mindestens eine Handtasche und mach mal Pause von der Grübelei über die Zukunft und deinen Freund!
Es kommt sowieso so, wie es kommen muss und wie wir es uns vielleicht heute noch garnicht vorstellen können. Gott sei Dank!
LG Shedia
