victim_of_love
Gast
ich möchte an dieser Stelle meine kleine Geschichte zur Diskussion stellen - in der Hoffnung, durch Rückmeldungen jeglicher besser mit der Situation klarzukommen ...
Aber mal von Anfang an: Vor ziemlich genau zwei Jahren lernte ich (damals 42 und seit 3 Jahren verheiratet) im Rahmen einer mehrjährigen Weiterbildung eine Kollegin (damals 33) kennen, mit der ich seither in verschiedenen Kontexten gearbeitet habe. Sympathie war von Anfang an in einem Ausmaß vorhanden, das mich bereits verwirrte - auch wenn die Kontakte immer nur beruflichen Rahmen stattfanden und es vornehmlich um berufliche / fachliche Themen ging. Nach einem Vierteljahr musste ich mir schließlich eingestehen, dass ich in sie verliebt war. Zu diesem Zeitpunkt versucht ich allerdings, diese Gefühle mit moralischen Argumenten (Darf nicht sein - ich bin doch verheiratet!) zu unterdrücken - in der Hoffnung, das ganze wäre nur eine Phase. Aber die Gefühle blieben und da ich mir und anderen Menschen nicht wirklich über den Weg traue, erzählte ich niemandem davon, blieb der schwärmerische, stille Beobachter im Hintergrund und genoß im Geheimen die gemeinsamen Momente. Der Wunsch, in ihrer Nähe zu sein, beeinflusste auch einige berufliche Entscheidungen in dieser Zeit mit. Ab Mitte 2015 gab es in der Klinik, in der wir beide arbeiteten, zunehmende Konflikte mit der Leitung, in deren Verlauf ich schließlich meine freiberufliche Tätigkeit dort aufgegeben habe. Wir blieben jedoch über die gemeinsame Lehrpraxis weiter in Kontakt und es fiel mir immer schwerer, mitansehen zu müssen, wie sie durch die angespannte Situation immer mehr aufgerieben wurde. Stattdessen wahrte ich nach außen hin mein rational-analytisches und distanziertes Pokerface.
Das mag ziemlich krass klingen, liegt aber in dem Umstand begründet, dass ein wesentlicher Teil meiner wichtigen Erfahrungen von Kindheit an überwiegend negativ waren. Unter dem Strich führte dies über die Jahre hinweg zu einer ängstlich-unsicheren, pessimistischen, misstrauischen und zynischen Grundhaltung. Kontakt zu meinem emotionalen Erleben bestand hauptsächlich über negative Emotionen (Angst, Wut, Ärger, Schuld und Scham). Mitmenschen hielt ich weitgehend auf Distanz, um nicht wieder verletzt zu werden.
Bei jender Kollegin war das anders. Bei ihr hatte ich ein Gefühl von Nähe und Verbundenheit durch die gemeinsame schwierige Situation innerhalb der Weiterbildung und zusätzliche ähnliche Erfahrungen. Sie war / ist auch eine der wenigen Menschen, bei denen ich Körperkontakt über ein minimales Ausmaß hinaus tolerieren kann.
Dass ich das alles jetzt so schildern kann, ist der Tatsache geschuldet, dass ich innerhalb der Weiterbildung, in der ich mich befand, nicht umhin kam, mich stärker mit mir selbst und den dunklen Ecken meiner Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Durch konnte ich zum einen meine moralischen Bedenken relativieren und zum anderen die Gefühle zulassen. Es blieb allerdings Unsicherheit, weil ich nicht wirklich einschätzen konnte, woran ich bei ihr war. Einen Hinweis darauf glaubte ich im Juni diesen Jahres gefunden zu haben. Es ging um eine sehr emotionale Begnung mit ihr anlässlich der Verabschiedung unseres früheren gemeinsamen Chefs. Dieser Mann war für mich eine der positiven "Vaterfiguren", nach denen ich bisher auf der Such gewesen bin. Der Abschied traf daher meinen empfindlichsten Punkt. - Eine intensive Umarmung, ein länger aus gewöhnlicher Blick und ihre mehrfache Bitte, sie zu der Abschiedsfeier zu begleiten, gaben mir schließlich vier Wochen später den Mut, mich ihr zu offenbaren.
Leider war der Zeitpunkt ungünstig und die Methode eher ungeschickt: Wenige Tage vor ihrem 3-wöchigen Urlaub schickte ich ihr eine Mail, in der ich auf lockere und flappsige Art meine Gefühle ihr gegenüber andeutete. Meine Hoffnung ruhte darauf, sie am nächsten Tag noch bei einem Treffen unseres Praxisteams zu sehen und mir ihr sprechen zu können. Dieser Termin wurde jedoch kurzfristig abgesagt und es bestand keine Möglichkeit mehr, sie zu kontaktieren. Die nachfolgenden drei Wochen waren Himmel und Hölle gleichzeitig. Zeitweise fühlte ich mich endlich wieder lebendig und inspiriert, zeitweise dann wieder unsicher und traurig, weil ich die Ungewissheit ganz schlecht ertragen konnte. Aus ihren Andeutungen wusste ich, dass sie zunächst 2 Wochen im Ausland sein wird. Aber auch danach kam zunächst keine Reaktion. Ich schrieb ihr vor dem Wochenende, an dem definitiv wieder zu Hause sein würde, eine weitere kurze Mail, in dem ich meine Bitte nach der Chance für eine Erklärung formulierte. - Die stetige Anspannung, unter der ich stand, äußerte sich nun auch körperlich. Ich war nervös, konnte mich nur noch schlecht konzentrieren, schweifte immer wieder ab, schlief schlecht und bekam Magenprobleme.
Nach fast 4 Wochen erhielt ich letzte Woche Dienstag schließlich eine Antwort, in der sie sich zunächst entschuldigte und ein Gespräch für den nächsten Tag nach der Teamsupervision anbot. Das Gespräch kam jedoch nicht zustande, weil sie es kurz vorher wegen zunehmender Migräne absagte. Wir einigten uns dann auf Freitagnachmittag.
Sie kam dann auch tatsächlich zum vereinbarten Treffpunkt und wir fingen an zu reden. Zunächst erklärte sie, dass sie ziemlich überrascht gewesen sei, weil sie nichts von meinen Gefühlen geahnt oder mitbekommen habe. Ich fasste kurz die Hintergründe zusammen. Schließlich sagte sie in empathisch-wertschätzender Weise (ist ne Art Berufskrankheit *gg*), dass sie meine Gefühle leider nicht erwidern könne, da ihr Herz schon seit längerem an jemand anderem hänge, der sich jedoch nicht festlegen könne bzw. wolle. Wir redeten weiter und schließlich meinte sie, ob es helfen würde, wenn sie mich drücken würde. Dieser Moment der Nähe gab mir schließlich den Rest ... Sie verabschiedete sich nach ca. 2 Stunden - vergleichsweise unverbindlich.
Ich fuhr nach Hause und verzog mich sofort in mein Arbeitszimmer, wo auch ein Gästebett steht. Meiner Frau, die schon die ganze Woche über der Meinung gewesen sei, ich brüte einen Infekt aus, sagte ich nur, ich würde mich grad nicht gut fühlen und dass ich mich hinlegen wolle. Der positive Effekt war nun der, dass ich in dieser Nacht zum ersten Mal sei langer Zeit wieder weinen konnte, was eine gewisse kurzfristige Erleichterung gebracht hat. Samstag und Sonntag bin ich wie mit Watte im Kopf und auf Autopilot durch die Gegend gelaufen. Solange ich abgelenkt war, ging es halbwegs - aber wenn ich wieder ins Nachdenken kam, standen mir die Tränen wieder in den Augen.
Mit meiner Kollegin gab es seither nur noch zweimalig kurzen SMS-Kontakt. Da ich momentan Urlaub habe, sehe ich sie vorerst auch nicht. Am Samstag habe ich ihr noch ein paar handschriftliche Zeilen geschickt, die sich mittlerweile bekommen haben müsste. Auch darauf bis dato keinerlei Reaktion. Das ist etwas verwunderlich, da sie sich am Freitag noch betont besorgt und mitfühlend gezeigt hatte. Allerdings habe ich beschlossen, mich von meiner Seite aus erstmal auch nicht mehr zu melden.
Mittlerweile habe ich mich zumindest von der ersten Wucht der Ereignisse wieder halbwegs erholt, aber Schmerz und Trauer sind weiterhin präsent - wobei ich bewusst versuchte, nicht zu verdrängen, sondern zu fokussieren und auszuhalten. Ein Dauerbrenner auf meiner Playlist ist immer noch "Ein anderes Gefühl von Schmerz" von Rosenstolz.
Während ich das hier schreibe, merke ich bereits, dass es mir gut tut, alles einmal rauslassen zu können ...
Wie würdet Ihr jetzt weiter verfahren? Da bin ich immer noch reichlich ratlos ...

whynot60