Zitat von MMHW71: Sie ist süchtig. Genauso wird man sich als Suchtkranker fühlen. Ein sehr schlechter Zustand.
Es ist tatsächlich wie ein Suchtmittel. Allerdings mit einem noch ziemlich entscheidenden Unterschied:
Keine Flasche Whiskey (zum Beispiel) stellt sich von ganz allein in deinen Schrank. Sie kommt nicht aktiv auf dich zu. Sie steht nicht abends, wenn du heimkommst, einfach so auf dem Sofatisch.
Das Suchtmittel Am hingegen kommt sehr aktiv auf dich zu. Und du weißt nie wann und in welcher Form.
Das ist, wie ich finde, sehr eng verbunden mit einem Problem, das die neuen Medien und die ständige Erreichbarkeit durch diese mitbringen. So toll die neuen Medien auch in anderen Zusammenhängen sein können, so haben sie doch manchmal auch erhebliche Nachteile.
Was ich meine ist Folgendes:
Solche Nachrichten wie die von Rosenfees AM wühlen einen nicht nur dann auf, wenn man sie tatsächlich bekommt.
Jedes Mal, wenn man das Handy in die Hand nimmt, ist man innerlich in einer Mischung aus Hoffnung und Furcht darauf gefasst, dass wieder etwas gekommen sein könnte. Genauso jedesmal, wenn man das Handy piepen hört und man denkt: Das könnte er sein.
Deshalb ist das Nervensystem sozusagen in chronischer Anspannung. Weil der Mensch einem ja nicht egal ist, besteht diese Anspannung in einer Mischung aus Hoffnung und der Furcht vor erneuter Enttäuschung.
Ein Nervensystem in chronischer Anspannung macht einen aber auf Dauer echt krank. Das ganze System ist ja wegen des Liebeskummers schon angespannt genug. Da braucht es das nicht auch noch obendrauf.
Ein weiterer Punkt, neben der ständigen Erreichbarkeit, ist die Unverbindlichkeit des Handys.
Wenn jetzt zum Beispiel Rosenfees AM die Möglichkeit des Handys nicht gehabt hätte und sich auf das altmodische Telefonieren hätte besinnen müssen, hätte er es sich dreimal überlegt, ob er deswegen anruft.
Denn beim Anrufen muss man sich mit dem anderen direkt konfrontieren und man muss auch etwas zu sagen haben.
So eine Nachricht auf dem Handy abzusetzen erfordert weniger Mut und man muss eine weniger hohe Hemmschwelle überwinden.
Meinen eigenen Ex-Am (es liegt lange zurück) habe ich sehr lange nicht blockiert, weil ich damals die Notwendigkeit nicht eingesehen habe.
Nachdem ich wahlweise entweder absagte (wenn er zum Beispiel mal wieder einen Kaffee mit mir trinken gehen wollte), oder ihm gar nicht antwortete, verfiel er irgendwann darauf, mir einfach nur hin und wieder noch hübsche Fotos oder Videos zu schicken (er kann sehr gut fotografieren). Da kamen dann tolle Landschaftsbilder, Fotos von einem schönen Sonnenuntergang, manchmal ein Foto von ihm selbst oder ein Video von einem Lagerfeuer.
Warum er das tat?
Ich vermute, weil er längst nicht mehr wusste, was er noch sagen soll. Es war ja alles gesagt und das schon sehr lange.
Er wollte vermutlich auch nicht immer wieder direkt abblitzen.
Aber er wollte sich immer wieder mal irgendwie in Erinnerung bringen und mir irgendwie mitteilen, dass er an mich denkt.
Verstehst du, Rosenfee? Das ist die geringe Hemmschwelle, die ich meine. Es kostete ihn nicht viel. Erst recht kostete es ihn keine Entscheidung. Und es kostete ihn viel weniger als ihn ein Anruf gekostet hätte, denn eigenlich wusste er ja nicht, was er noch sagen soll.
Aber mich kostete es etwas. Es kostete mich eine ständige nervliche Anspannung, auch wenn ich mir das damals nicht recht eingestehen konnte.
Heute ist er überall blockiert. Was soll ich mit seinen Fotos von Wegscheidungen, seinen Sonnenuntergängen oder seinen Lagerfeuer-Videos?
Zuerst dachte ich, es würde mir unheimlich schwerfallen, ihn so abzuschneiden und den Kontakt strikt zu unterbinden.
Aber das Gegenteil war der Fall. Ich fühlte danach nur noch Erleichterung. Grenzenlose Erleichterung. Von da an konnte ich mein Handy in die Hand nehmen und ganz sicher sein (auch tief im Unterbewusstsein), dass da garantiert nichts von ihm lauert.
Kann sein, dass es bei dir dazu zu frisch ist, um Erleichterung zu spüren.
Aber ich verspreche dir, dass du über deinen Kummer schneller hinwegkommst, wenn du das tust, weil deine Wunden nicht ständig neu aufgerissen und die Hoffnung nicht genährt wird.
Die nährt er nämlich mit seinen "Ich vermisse dich"-Botschaften gewaltig.