Zitat von Ortrere:
Wenn ich dann lese:
wird mir ganz übel. Ich bin ja nicht mehr jung, bei sowas vergeht mein Leben! Ich verzweifle noch....
Nein, nein, so darfst du nicht denken. Du darfst nicht denken, dass du dein Leben verschwendest.
So ist das nicht. Zumindest bei mir war es nicht so und auch nicht bei anderen, mit denen ich gesprochen habe, bei denen die Dinge ähnlich lagen.
Der Schmerz in der Trennungszeit, der bei mir fast zwei Jahre gedauert hat, war unvergleichlich.
Nie hätte ich mir vorstellen können, dass psychischer Schmerz so schlimm sein kann.
Aber es war auch in vieler Hinsicht eine unglaublich intensive Zeit.
Ich weiß nicht recht, wie ich das beschreiben soll. Das Leben hatte trotz (oder wegen?) des Schmerzes eine große Intensität. Nichts war mehr banal. Nichts alltäglich.
Und ich habe Seiten in mir entdeckt, die ich überhaupt nicht kannte.
Zum einen Charakter- oder Persönlichkeitsanteile, die wohl immer in mir lagen, die mir selbst aber zuvor völlig unbekannt waren.
Ich habe mit Staunen entdeckt, dass ich anders bin als ich selbst immer dachte.
Das war teils erschreckend und teils wunderschön.
Ich habe aber auch Talente und Fähigkeiten in mir entdeckt, die dort jahrzehntelang unbemerkt geschlummert haben.
Das für mich beeindruckendste war mein Talent zum Malen und Zeichnen und zum Formen von Figuren.
Ich dachte immer, ich hätte nicht nur kein Talent, sondern so eine Art Antitalent.
Meine Zeichnungen sahen aus wie die einer Dreijährigen.
Ich konnte es einfach nicht.
In der Zeit meines großen Schmerzes habe ich viel geschrieben. Ich brauchte irgendein Ventil. All das musste irgendwie raus aus mir.
Aber irgendwann kam ich an eine Grenze. Ich hatte keine Worte mehr. Oder die Worte genügten nicht mehr.
Da habe ich die Tatsache, dass ich für bildende Darstellungen ein Antitalent habe, einfach ignoriert und mit Pinsel, Bleistiften und Ton experimentiert.
Das hat mir nicht nur psychisch unheimlich geholfen, es war auch frappierend, was dabei herauskam.
Nix mehr mit Antitalent. Im Gegenteil!
Ich habe manchmal ungläubig auf meine Hände geschaut und konnte es nicht fassen, was da plötzlich geschehen ist.
Es war, als hätte ich mein ganzes Leben nichts anderes gemacht.
Das sind nur Beispiele dafür, was diese Geschichte in mir verändert hat.
Es war - im Nachhinein betrachtet - keine verlorene Lebenszeit.
Ganz im Gegenteil.
Es war eine Erfahrung, die mich an die Grenzen gebracht hat und zum Teil darüber hinaus.
Es war in vielerlei Hinsicht eine kostbare Erfahrung.
Ich weiß, wie du dich fühlst. Ich habe mich auch so gefühlt und nur deshalb erdreiste ich mich, dir etwas von "kostbar" zu erzählen, während du leidest.
Ich will dir Mut machen.
Geh da durch und bleib bei deinem Entschluss.
Ich bin sehr sicher, dass auch du es am Ende nicht als verlorene Lebenszeit betrachten wirst.