Zitat von Schweremut: Vielleicht hast du damit recht. Er sagte selbst schon oft, dass er nicht derjenige zu sein scheint, der mich da durch begleiten kann. Und ich weiß auch nicht, welches Maß an Verständnis man einfordern kann, wenn der andere auch darunter leidet. Ich möchte nicht, dass es ihm schlecht geht. Aber ich hätte ihn so gerne an meiner Seite.
Liebe Schweremut!
Willkommen im Forum und ich gratuliere dir von ganzem Herzen zu Deinem Mut.
Trauma is not our fault but healing is our responsibility.
Meine Lesart Deiner Geschichte ist ein bißchen eine andere. Ich sehe Dich nicht am Ziel Deiner Träume angekommen, jetzt alles kaputt machend, sondern ich lese eine Frau, die im Zweifel lange Jahre wahnsinnig gekämpft hat und erst als sie in dieser Beziehung eine bestimmte Ruhe, Liebe und Akzeptanz gefunden hat, erst dann wurdest Du in die Situation versetzt, überhaupt erkennen zu können, daß da etwas bei Dir zu bearbeiten gehört. In einer völlig chaotischen Wohnung ist die Uhr, die zum Uhrmacher gebracht werden muss, schwer zu finden. Damit aber hat diese Beziehung zunächst einmal schon einen grundsätzlichen Wert, völlig unabhängig davon, wie es mit dieser weitergeht.
Und es bedeutet auch, daß Du nicht einfach hingegangen bist und mir nichts dir nichts alles kaputt gemacht hast, sondern daß in der Beziehung zu sein, erst einmal bestimmte Dinge sichtbar gemacht hat und zwar so sichtbar, daß Dir jetzt der Schritt zum Uhrmacher möglich ist.
Damit lassen wir aber dann auch den Begriff des Uhrmachers hinter uns, weil dieser nämlich ein völlig falsches Bild von Therapie suggeriert. Die meisten, die irgendwann in Therapie landen und die meisten Angehörigen, suchen einen Therapeuten auf in der Idee, daß, so das Problem einmal identifiziert ist, man dort repariert wird.
So funktioniert Therapie mE leider nicht. Wäre natürlich schön, aber irgendwie auch gruselig, weil es ja bedeuten würde, daß ein anderer Mensch einfach die Macht hätte, an und vor allem in uns herumzuschrauben, bis wir wieder so funktionieren, wie eben der andere oder die Allgemeinheit das festsetzen. Das hätte wahnsinnig großes Mißbrauchspotenzial. Und echte Therapie ist nun mal keine Gehirnwäsche.
Gesprächstherapie hat Nebenwirkungen, eine häufige ist, daß bestehende Partnerschaften kaputt gehen. Das liegt daran, daß sich das Paar unter Maßgabe der unbehandelten Herausforderungen kennenlernt und findet und dies sich dann durch Therapie völlig verändert.
Angehörige haben ja durchaus einen Leidensdruck, aber dieser verursacht eben dann auch oft einen Tunnelblick. Du brauchst Hilfe, weil Du xyz sofort auf Dich beziehst oder Du brauchst Hilfe, weil Du in der oder jener Situation unangemessen aggressiv, hysterisch etc reagierst, meint doch eigentlich immer nur, sei so wie du bist, nur an der (einen) Stelle anders (gemeint ist besser).
Als wäre der Mensch eine Weihnachtslichterkette, bei welcher nur die drei Birnen, die nimma funktionieren, ausgetauscht gehören und schon wäre alles in feinster Ordnung.
Überraschung, das System Mensch ist keine Lichterkette.
Das Verhalten, welches Du an den Tag legst und zwar im guten wie im schlechten, ist erlernt und zwar über Jahre und es hat ursprünglich mal einem ganz bestimmten Zweck gedient. Willst Du an das Verhalten heran, musst Du Dir anschauen, woher es kommt, worauf es eigentlich Reaktion ist. Dann gilt es zu lernen, die Situationen, die eben diese Reaktion auslösen zu erkennen und erst nachdem Du sicher in der Identifikation der Situation geworden bist, kannst Du anfangen und schauen, welche Handlungsalternativen, du grundsätzlich erarbeiten kannst. Und weil niemand lesen, in einer Stunde lernt und das Erlernen von Dingen massiv viele Übungsstunden erfordert, wird es natürlich auch immer wieder ein Scheitern geben. Erinnere Dich an Deine ersten Diktate oder Rechenaufgaben.
Hinzukommt, daß das, was Dich belastet, an anderer Stelle entsteht. Wenn es also in deinem Fall darum geht, daß Du in bestimmten Situationen mit einer nicht sozial-adäquaten Aggression re-agierst, dann aller Wahrscheinlichkeit nach, weil du zwei Kilometer vor deinem eigentlichen Ausbruch (der angeblich das Problem) ist, falsch abgebogen bist. Das Problem sitzt normalerweise an einer völlig anderen Stelle. Und zwar an einer die für den anderen noch sehr super ist.
Sprich, wenn Du lernst, wo dieser höchstpersönliche zwei km Punkt ist und versuchst anders zu reagieren, wirst Du aller Wahrscheinlichkeit nach auf (großen) Widerstand beim Gegenüber treffen, denn der will nicht, daß sich grundsätzlich etwas ändert, sondern er will nur, daß Du weniger schreist. Damit aber würdest Du dann halt an der Stelle zum Ende der Beziehung gelangen. Das ist super mies und es ist fürchterlich traurig, aber versuch Dir mal klar zu machen, daß die Trennung jetzt mit großer Wahrscheinlichkeit nur die Vorwegnahme der Trennung später ist.
Und um mal ein bissl Hoffnung zu zeichnen, eine Trennung jetzt, so schmerzhaft aber notwendig sie gerade ist, heißt eben nicht, daß es eine Trennung für immer sein muss. Ihr braucht beide Ruhe und ihr müsst beide heilen.
Und Du, liebe Schweremut, kannst jetzt auch keine Ablenkung oder Energieräuber, wie es nun mal Beziehungsgespräche sind, brauchen.
Du hast die ersten Schritte gemacht, ja, der Weg wird beschwerlich, aber dieser Weg ist es wert.
Alles Liebe.