Hallo @score
Hier noch ein paar Gedanken:
Zitat von score:Ufff. die eine Therapeutin sagte auch, dass ich einen Trotz blicken lasse, der meinem Alter nicht entspricht. Ich kann damit nichts anfangen - ich bin ein erfolgreicher Karrieremensch mit einer hohen Position und Verantwortung. wo sehen alle den keinen Buben? Wenn ich nur wüsste, wie ich das ablegen kann! Alle zeigen darauf, nur ich sehe es nicht!
Aus einem anderen Zusammenhang:
Zitat von score:Sie sagte es genau so und ich wurde sogar wütend, weil ich nicht verstand, was sie denn damit meint. Ich bin nicht im Stande, mir darunter etwas vorzustellen, ich habe gedacht, ich liebe sie und sorge für sie und das ist die Augenhöhe. Aber langsam ergeben sich Strukturen.
Wie sagte meine Therapeutin so schön: alle von uns werden groß, nur die wenigstens erwachsen.
Wütend zu werden, weil oder wenn man etwas nicht versteht ist eigentlich doch eine klassische Kinderreaktion. Meine kleine Nichte frustriert es, wenn das mit dem Laufen auch nach dem dritten Anlauf nicht klappt oder geht. Schulkinder werfen manchmal das Heft in die Ecke, wenn es zu dritten Mal mit dem Rechenweg nicht klappt.
Schau mal, wenn ich jemanden anderen nicht verstehe, dann kann sich natürlich auch mal Frustration breit machen, aber als Erwachsene weiß ich ja, daß das nun auch nicht hilft. Zudem habe ich gelernt, mit einem Gefühl wie Frustration einigermaßen konstruktiv umzugehen, so daß ich eben das Gefühl anerkenne, es vielleicht auch kurz anspreche, aber mich dann eben weiter bemühe, erst einmal auch zu schauen, ob ich nicht vielleicht doch noch verstehen kann, was der andere meint.
Also um mal Feedback zu geben, das ist eben ein Beispiel, in der ich Deine Form der Reaktion als kindlich und mit fehlender Reife wahrnehme.
Den Buben abzulegen bzw ablegen zu wollen, ist, wir versuchen mal kurz auf der ratio-ebene zu bleiben, schon sprachlich nicht präzise. Was Du möchtest, ist dich in bestimmten Situationen nicht wie einer zu verhalten. Zunächst einmal, Score, den Buben kannst Du nicht einfach ablegen, denn damit verkennst Du ja völlig, daß Du eben (auch) dieser Bube bist. Ohne das Kind Score gäbe es jetzt auch keinen erwachsenen Score.
Wenn Du also das Kind ablegen möchtest, machst Du im Grunde nichts weiter, als daß, was schon Deine Eltern mit dir gemacht haben. Der Junge funktioniert nicht so wie er soll, also weg damit.
Du hast ober ein bißchen geschildert, wie sich das angefühlt hat. Für das Kind Score fühlt sich das eben wir Ablehnung jetzt halt durch den Erwachsenen Score an. Und wie reagieren Kinder auf Ablehnung? Mit Protest. Sie werden laut, trotzig und wütend.
So laut, daß sie eben immer mal wieder auch das Ruder übernehmen. Dann bestimmt nicht mehr der Erwachsene Score wie man mit Frustration umgeht, sondern das Kind Score reagiert mit all seinen kindlichen Mitteln.
Zitat von score:Sie sagte mir oft vor der Trennung, dass ich meine Muster "fahre" und keine echte Einsicht für ihre Bedürfnisse habe. Ich habe geglaubt, ich entwickle mich und kriege das hin - du machst mir wiederum deutlich, dass ich mich mit dieser Einschätzung selbst tröste und belüge, dabei entkomme ich offenbar von alleine dieser Mechanismen nicht.
Frage: Bist Du in der Lage zB den Unterschied zwischen Frustration, Wut und Überforderung in Worte zu fassen und nimmst Du diese Gefühle als unterschiedliche (!) in Dir selbst wahr?
Erkennst du diese unterschiedlichen Gefühle in dir selbst und hast dann vielleicht ein oder zwei Dinge, die Du tun kannst, um besseren Umgang mit dem Gefühl in der aktuellen Situation zu erzeugen?
Warum ich frage: Score, der Anfang im Wahrnehmen und Verstehen von Bedürfnisse anderer, ist immer das Wahrnehmen und Verstehen der eigenen Bedürfnisse.
Damit ist nicht einfach ein, ich will geliebt werden, gemeint, sondern eher, wie soll für dich diese Liebe ausschauen, in welcher Situation fühlst Du diese Liebe und warum ist es wichtig, von dieser bestimmten Person jetzt diese Form von Gefühl zu erfahren.
Ich gebe Dir jetzt etwas an die Hand, was Du vielleicht noch nicht in der Ganzheit verstehen kannst, aber versuch mal so ein bißchen über den Satz nach zudenken:
Gefühle und Bedürfnisse brauchen keiner Begründung. Sie sind.
Das Gefühl der Trauer ist weder schlecht noch gut, es ist. Wut oder Freude brauchen keine Begründung, denn sie gehen nicht davon weg (oder erscheinen), weil man zu Recht wütend ist oder sich zu Unrecht freut.
Wenn ich Dir sage, ich habe heute solche Kopfschmerzen und du antwortest, Du kannst doch gar keine Kopfschmerzen haben, du hast doch heute schon zwei Liter Wasser getrunken. Dann ist das eine völlig unnütze Konversation.
Erstens negiert Deine Antwort, Du kannst sie nicht haben, meinen tatsächlichen Zustand; Du entwertest nebenbei auch noch meine Wahrnehmung, weil Du mir sagst, daß Du besser weißt, was ich fühle. Die Konvo ist auch auf rationaler Ebene völliger Mist, weil von dieser Aussage meine Kopfschmerzen natürlich nicht weggegangen sind. Wie auch!
Soll heißen, vermutlich hattest Du tatsächlich keine echte (was auch das immer sein mag) Einsicht in ihre Bedürfnisse, wie denn auch, wenn Du Deine eigenen nicht kennst oder verstehst, wie man mit Gefühlen und Bedürfnissen Umgang findet.
Zitat von score:Liebe E-Claire, danke! Ich wünsche mir eine/n Therapeutin/en, die im Stande ist, das alles so sauber zu sehen, wie du es tust. Wieder einmal lese ich über diese meine Facetten, will was tun und sie ablegen/ändern/normalisieren und weiß nicht, wo anzufangen. Keine Therapie bisher hat sie erkannt, geschweige denn aufgegriffen. An mir haftet ein Manko, das viele sehen können, nur ich nicht. Ich will die nächste Beziehung nicht genau so blind zerstören
Also zunächst mal mache ich dich darauf aufmerksam, daß Du es schon wieder tust: Du wertest. An dir haftet nämlich kein MANKO, nur weil du etwas noch nicht kannst. Auch da gilt, wenn Du davon loskommen möchtest, ständig zu werten, gilt es als erstes zu lernen, sich selbst nicht ständig zu entwerten.
Also nur weil ich vielleicht mal Nachhilfe in Mathe gebraucht habe, haftet mir doch kein Manko an. Du kannst halt etwas noch nicht, da lässt sich schon darüber nachdenken, ob Nachhilfe nicht ein gutes Mittel ist.
Abschließend etwas zu Therapien bzw Therapeuten: Zweifelsohne kann die Suche nach einem geeigneten manchmal auch etwas dauern und hin und wieder trifft man eben auch auf jemanden, mit dem man nicht so gut arbeiten kann.
Der Satz aber keine Therapie hat bisher erkannt, erinnert schon an den alten Witz vom Geisterfahrer (einer? Hunderte!).
Es gibt Wahrscheinlichkeiten im Leben. Es mag nicht unwahrscheinlich sein, daß eine random Forenteilnehmerin (die kein Profi ist) ab und zu mal es schafft, den Finger besser in die Wunde zu legen, als es der jeweilige Therapeut gerade getan hat. (wobei es möglich ist, daß es für die andere Vorgehensweise des Profis gute Gründe gibt).
Aber wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, daß mehrere Therapeuten dies nicht schaffen?
Ausgeschlossen ist es sicher nicht, aber es wäre auch möglich, daß es eher etwas mit dir zu tun hat.
Therapie ist ein Prozeß, ein durchaus langer, der ohne die Bereitschaft des Klienten zur wirklichen Offenheit im Hinblick auf die eigene Gefühls- und Seelenlage, sowie auch im Hinblick darauf der Arbeit des Therapeuten gegenüber offen zu bleiben, nicht stattfinden kann.
Womit wir noch mal zum Thema Manko zurückkehren. Therapie ist nicht die Behebung eines Defekts. Es geht auch nicht darum Recht zu haben. Weißt Du, ich hab schon Leute kennengelernt, bei denen hatte ich irgendwann den Eindruck, daß sie die Arbeit jedes halbwegs vernünftigen Therapeuten bewußt oder unbewusst sabotiert haben, damit sie sich weiter an ihre Besonderheit klammern konnten.
So besonders eben, wenn auch nur im Hinblick auf ihre Defizite, daß ihnen niemand helfen konnte. So etwas kann man natürlich wählen. Wird allerdings dann zu einem Problem, wenn man Kinder hat. Ein Manko gibt man seinen Kindern nämlich höchstwahrscheinlich weiter. Oder man zeigt ihnen, daß es nie zu spät ist, eine Fähigkeit zu erlernen, weil man erst jetzt drauf kommt, daß man das nicht so gut kann.
Also mein Vorschlag wäre ja, sich davon zu verabschieden, daß Du ein Manko hast, sondern zu überlegen, was es braucht, damit Du Zugang zu Deinen Gefühlen bekommst und ob Du auch bereit bist, dafür einiges in Kauf zu nehmen. Es macht grundsätzlich natürlich immer mehr Spaß, etwas anzuwenden, was man bereits kann, als sich durch die Frustration des Erlernens zu kämpfen. Ich befürchte, daß dies weit mehr verlangen wird, als Du Dir im Moment so vorstellen magst. Allerdings wird eine Sache, die vor der Du Dich vielleicht am meisten fürchtest, nicht eintreten, Du wirst nicht abgelehnt werden, nur weil Du mal sehen lässt, wer du so bist.
Nicht, wenn Du anstatt Recht haben zu wollen, mit der Offenheit auftrittst, die Du hier an den Tag legst. Ansonsten habe ich immer mal wieder etwas auch zu Therapie geschrieben. Ich schau mal, ob ich die Beiträge noch finde. Dir jedenfalls viel Glück, schau auf die Wertungen und vor allem, daß Du einen guten Weg für Dich findest.