Liebe
Ivy,
was ich an deinem Text auf S. 181 (?) besonders schmerzhaft finde ist, dass Du ein klares Gefühl hattest, dass da irgendwas im Busch ist- und er es grundlegend abstritt. Deine Wahrnehmung also gänzlich in Frage stellte, nur weil er nicht die Courage hatte offen und ehrlich damit umzugehen. Natürlich wendet Mann/Frau sich niemand anders zu, wenn die Beziehung wunderbar läuft. Aber es gibt auch die Möglichkeit den Mund aufzumachen, einen Schritt von den neu entflammten Gefühlen zurückzutreten und sich respektvoll mit dem Beziehungspartner auseinander zu setzen, mit dem man die letzten Jahre verbracht hat.
Wie meinst Du das im Zusammenhang mit der Beziehung, dass Du so viel Verantwortung übernommen hast? Kannst Du mir Beispiele zum Verständnis geben?
Dass Du durch den Ablauf und die Trennung ansich in deinen Grundfesten erschüttert bist, kann ich gut nachempfinden. Besonders das Thema mit dem „eigene Wahrnehmung vertrauen“ und sich „mit Haut und Haar auf das Gegenüber eingelassen zu haben“ und dann zu merken, dass Du allein in dem Schiffchen gesessen hast- zum Mindest seit geraumer Zeit. Ich hab gestern mit meiner Mutter telefoniert und mir kam das Bild, dass ich in den letzten Monaten meiner Beziehung das Gefühl hatte, dass wir auf rauher See unterwegs sind und wir uns beide drüber bewusst sind, dass es eine schwere Phase ist und ich bewusst entschieden habe, meinen Ex in bestimmten Lebensbereichen zu entlasten, also vermehrt allein zu strampeln und zu rudern. Mit der gedachten Gewissheit, dass diese Phase vorbei geht und er dann mal das Paddeln übernimmt oder wir es wieder gemeinsam tun. Revue Passierend sehe ich es jedoch so, dass ich um unser Überleben gepaddelt habe und er schon längst mit Rettungsweste am Sonnenstrand lag, ohne mich davon in Kenntnis zu setzen. Für mich war und ist es weiterhin schwer zu begreifen, dass mir dieser Mensch so nahe war und währenddessen akute Zweifel hatte. Was war also echt...Und zu akzeptieren, dass die Ablösung beim Gegenüber eingesetzt hat, ohne dass Du/ich davon in Kenntnis gesetzt wurden, macht hilflos und ohnmächtig. Jede Chance einzuleiten wurde genommen.
Bei dir kommt noch das emotionale/körperliche Hintergehen hinzu, was einfach nur widerlich bzw. schwer auszuhalten ist.
Wie gesagt, das „nicht-begreifen-können“ kenne ich. Drei Tage bevor sich mein Ex getrennt hat, waren wir noch im „Rosa Himmel hart Nähemodus“ zueinander und dann komme ich von der Arbeit, er schlecht geschlafen und innerhalb von 10 Minuten ist alles vorbei. Vielleicht hat er vorher ein Buch „Trennung für Dummies“ gelesen. Da gibt’s bestimmt den Schnelldurchlauf für die Ungeduldigen Verlasser.
Manche Gefühle kann ich auch kaum greifen- da habe ich dann das Gefühl, dass es einfach so tief bewegt und verletzt hat...Einfach auch Wunden von früher aufgerissen hat (Urthemen), dass ich in solchen Situationen eher Fötusstellung mit Kuschel-/Tröstpartner bevorzuge.
Du fragtest, was nach dem Schreiben mit meinem Ex nachklang...Eigentlich steht das schon alles oben glaube ich. Mir fällt es schwer seine Reaktion auf meine Absage nicht gegen mich zu richten...Insgesamt sein Verhalten mit gegenüber. Ich habe einfach gelernt, dass dieser Mensch auf einem vollkommen anderen Level kommuniziert und lebt als ich. Und
diese „love language“ möchte ich nicht lernen. Weil sie 0,0 mit Wertschätzung, Selbstreflexion oder Achtsamkeit zu tun hat. Letztlich ist ein Teil in mir sehr traurig- u.a. weil ich denke, dass ich besser auf mich aufpassen hätte müssen...
Letztlich habe ich für mich das Gefühl ganz viel in den letzten Monaten gelernt zu haben- über mich, darüber was in der Beziehung gelaufen ist...Darüber was ich jetzt brauche, damit es mir gut geht...auszuhalten, dass ich das nicht immer sofort bekomme...darauf zu vertrauen, dass da schon noch was kommen wird...oder auch einfach schon ist. Mittlerweile kann ich wieder mit offenen Augen durch die Welt gehen, auch mal inne halten und die Welt intensiv schön finden. Mich einig fühlen mit dem was ist. Das ist nicht immer so, aber ich kann in schlechten Momenten fühlen, dass es da was anderes gibt.
Liebe Ivy, danke, dass Du so schön schreibst!
