Liebe Zitronenfalterin,
ich habe den ganzen Faden bis hierher gelesen und bin ziemlich beeindruckt. Denn ich begleite seit sehr vielen Jahren Menschen in solchen Trennungssituationen wie deiner. Und ich sehe selten, dass es jemand „so gut macht“ wie du. Du setzt die Prioritäten richtig, du weinst, wenn es nötig ist. Du hast deinen Mann auf die nötige Distanz gesetzt, bist aber bereit, den Kindern zu Liebe alles zu tun; auch das, was dir persönlich Schmerzen bereitet.
Du bist bereits in therapeutischer Begleitung. Allein dafür brauchen viele Ratsuchende in vergleichbaren Situationen viele Monate. Du arbeitest an deiner Unabhängigkeit, hast finanziell alles erst einmal abgesichert und hast offensichtlich ein stabiles Netzwerk an sozialen Kontakten. Wer dich nervt, kriegt die rote Karte (Schwiegermutter) und wer dir gut tut, darf dir nahe sein.
Was soll man da noch raten? Außer zur Geduld?
Zitat:>>Für mich... ich hoffe sehr dass es nicht zu viel in mir kaputt gemacht hat. Ich wollte nie der Mensch sein, der andere (auch noch für meine Kinder wichtige Menschen) aus seinem Leben ausschließt. Tja, nun sitz ich da, könnte kotzen wenn ich den ertragen muss, will diese Frau nie sehen und musste die Schwiegermutter bei WhatsApp blockieren weil sie mir trotz eines deutlichen Telefonats noch immer schreibt.<<
Genau das meinte ich! Du wolltest nie Menschen aus deinem Leben ausschließen. Aber du hast ein solch gesundes Entscheidungsvermögen, dass du es JETZT trotzdem tust. Weil es wichtig und heilsam für dich ist. Du musst weder deine Schwiemu ertragen noch musst du deine Konkurrentin sehen oder gar mögen. Allerdings kann sich das noch ändern. Meistens geschieht das dann, wenn auch der/die Verlassene einen neuen Partner hat. Dann wird es leichter. Und dann kann man auch die Vermeidung abbauen. Denn es kann schon anstrengend sein, wenn man einen Menschen, der zwangsläufig im Leben der eigenen Kinder eine Rolle spielt, um jeden Preis aus dem Wege gehen will. Aber das muss nicht forciert werden. Irgendwann wirst du spüren, dass die Zeit dafür gekommen ist.
Zitat:>>Aber! Ich hoffe ich finde einen Menschen dem ich wieder vertrauen kann. Gerade überdenke ich mein Beziehungsverhalten, meine Vorstellungen vom Leben. Vielleicht wird es kein Mann mehr wie dieser, der der perfekte Familienvater war, immer zuverlässig, viel im Haushalt gemacht hat, mich immer auf Händen getragen hat. Vielleicht wird es jetzt aber einer mit dem ich wieder mehr lachen kann, der mal Blumen mitbringt und richtige Pläne mit mir macht... ich will dran glauben dass ich jemandem wieder vertrauen kann. Und diesen Mist hinter mir lasse.<<
Dieser Satz gehört an die Wand gepinselt: „Ich will daran glauben, dass ich jemandem wieder vertrauen kann!“ Und dann wird es auch so sein. Es wird eine modifizierte Form des Vertrauens sein. Denn mit deiner bisherigen Vertrauensform ist eine tiefe Verletzung verbunden. Aber die neue Form des Vertrauens muss deshalb nicht schlechter sein.
Zitat:>>Und vorerst heule ich los, weil ich ihn fragen muss ob er ne Stunde aufs kranke kind aufpasst, weil ich einen Termin habe und es mich unfassbar Kraft kostet das mit ihm abzusprechen.<<
Dieses Losheulen solltest du dir zweifelsfrei genehmigen. Und dein Ex muss es aushalten. Das gehört zum Gesamtpaket dazu.
Zitat:>>Ich würde alles so gerne abschütteln die Wut und Traurigkeit und Verletztheit.<<
„Schütteln“ klappt nicht. Aber HEILEN funktioniert. Man kann jede Verletztheit heilen. Und manchmal ist es sogar leichter als man denkt. Denn wer außer dir sollte das sonst tun? Dein Ex ist da raus, der kann bei dir nichts mehr heilen, selbst wenn er täglich eine halbe Stunde vor dir auf den Knien herum rutschen würde. Das ist DEIN Job. Und die Therapeutin wird dir sicher dabei helfen. Denn es gibt gute Heilungsmethoden.
Zitat:>> Mir würde es so besser gehen, und dieser Weg liegt nur an mir, an keinem anderen. Ich bin für mich dafür verantwortlich wie sehr ich mich in diese Gefühle stürze oder auch nicht. Aber ich schaffe es nicht, auch wenn ich weiß dass es mir so viel besser gehen würde. Und ich will nicht verbittert darin hängen bleiben.<<
Gemach, gemach! Genau das meinte ich mit meiner Anerkennung am Beginn dieses Beitrags. Du hast alle Einsichten, was die Heilung und Verarbeitung angeht. Deine Worte: „Es liegt an mir, an keinem anderen.“ Und das was du über die Momente berichtest, in denen es dir schon wieder gut geht, zeigt, dass du genau den richtigen Weg gegangen bist. Jetzt geht es noch darum, die kurzen Glückserfahrungen auch willkommen zu heißen, ganz tief hinein zu lassen, abends zu reflektieren und auf keinen Fall den Gedanken davor zu schieben: „Ich darf jetzt noch nicht glücklich sein. Das gehört nicht in diese Lebensphase. Schließlich geht es mir schlecht, weil ich verlassen wurde“ Solche Gedanken solltest du schon in den zarten Anfänge zu ersticken versuchen. Nämlich dann, wenn sie aus dem Unterbewusstsein hoch schwappen und gedacht werden wollen.
Du darfst heulen, du darfst wütend sein, du darfst Glück empfinden und das Glück reflektieren und nach und nach größer werden lassen. Du darfst und solltest dich auf deine Stärken besinnen und sie ganz gezielt FÜR DICH einsetzen. Trennungen mit kleinen Kindern bergen zusätzlich die Gefahr, dass der verlassene Elternteil seine eigenen Interessen denen der Kinder völlig unterordnet. Das ist nicht klug. Denn wenn ein Bergsteiger einen anderen sichern soll, muss er erst selber bombenfest gesichert sein. Und du kannst deinen Kindern nur dann wirklich festen Halt geben, wenn du selber wirklich festen Halt hast. Also lass einen gesunden Egoismus zu und wähle Zeiten, in denen du absolut auf Platz Eins stehst.
Zitat:>>Meine Trennung ist nun 3 Monate her. Mir geht es besser als Anfangs aber noch immer sehr schlecht. Und ich habe Angst in dieser Schleife und Verbitterung hängen zu bleiben.<<
Diese Angst würde ich dir gern nehmen. Ich würde gern helfen, dass du sie – nachdem du sie erkannt hast – gehen lässt, diese Angst. Wäre sie unerkannt, wäre sie gefährlich. Aber sie ist erkannt. Und du bist stark genug, um aus dieser Schleife wieder auszusteigen. Soweit ich das beurteilen kann, hast du alles in dir, was du dazu brauchst. Auch die notwendigen Helfer.
Mach weiter so. Und hab Geduld mit dir.