Zitat von Tomatensuppe:Ich bin jemand der sich eigentlich ziemlich vielen gesellschaftlichen Normen entzieht. Z.B. lehne ich es ab Kinder zu haben und eine Familie zu gründen, weil ich das Bedürfnis nicht habe und mich über den Duktus der Gesellschaft hinwegsetze, der da lautet („Das macht man aber so“).
Des Weiteren male ich mir zur Fußball-WM keine bunte Farbe ins Gesicht und setze mir keine Mütze auf den Kopf und tue so als wenn das so „gesellschaftskonform“ wäre.
Du musst auch bedenken, dass es viel subtilere gesellschaftliche Normen gibt, die so "drin" sind, dass man sehr detailliert hinterfragen muss, um sie überhaupt zu erkennen. Du nimmst jetzt extrem große Beispiele "Kinder kriegen", "Farbe zur WM ins Gesicht malen" - geh mal ins Detail.
Farbe ins Gesicht - völlig etabliert, nennt sich "schminken". Was für ein Druck dahinter hängt, wirst du -sofern du weiblich bist- erkennen, wenn du es mal in Erwägung ziehst, gänzlich ungeschminkt unter Leute zu gehen. Wenn du jetzt Unbehagen fühlst, dann bist du auf dem richtigen Weg - erkenne, woher dieses Unbehagen kommt und hinterfrage das bis zum Ende. Stell dir vielleicht noch extreme Dinge vor, zb im Pyjama nach draussen gehen. Und wenn du dir das vorstellst und sich dir die Nackenhaare sträuben, dann frag dich, WARUM - wovor hast du Angst, wenn du es tätest. Du siehst - Gesellschaftliche Normen sind weitaus subtiler und vor allem großflächiger als man sie auf den ersten Blick erkennt.
Wenn du noch weiter gehen willst, dann setze dich mal mit dem Thema "Geschlechterrollen" auseinander. Du wirst feststellen, dass du in einer Rolle lebst. Bist du männlich oder weiblich, es ist vollkommen egal, dann wirst du dich entsprechend dieser Rolle benehmen und verhalten. Auch wenn du jetzt denkst, du tätest es nicht - du tust es, denn man wird nicht nur als Mensch sozialisiert, sondern auch als Frau oder Mann. Dazu geb ich dir das obige Beispiel umgedreht: Bist du ein Mann (ich weiss es ja nicht), stell dir doch mal vor, geschminkt und im Kleid unter Menschen zu gehen. Unbehagen? Weil...?
Oder bist du eine Frau: Stell dir vor, du müsstest eine Männerkurzhaarfrisur tragen und weite Kleidung anziehen. Ebenfalls unbehaglich? Siehst du. Wobei man hier anmerken muss, ist die Toleranz, was freie Kleidungswahl und Frisuren angeht, bei Frauen viel größer ist, als bei Männern. Frauen "dürfen" eher maskulin wirken, als Männer feminin - obwohl es kein Gesetz gibt, das das vorschreibt, ist der gesellschaftliche Druck dort enorm. Deshalb - ja, du lebst eine Geschlechterrolle. Wenn du dich jetzt noch damit auseinandersetzt, was eigentlich eine Geschlechterrolle beinhaltet (alles unbewusst!), dann wirst du merken, was für riesige Kreise das zieht und wie es dementsprechend dein Leben formt, ohne, dass du es merkst.
Und wenn du schonmal bei der Reflexion bist - reflektiere doch mal über das Selbstverständnis von Freundschaft und Beziehung. Das bringt auch sehr erkenntnisreiche Dinge mit sich.
Zitat von Neuland:ich plage mich auch mit der Abhängigkeitsthematik herum. Frage mich, ob ich ein dependenter Typ bin. Allerdings kenne ich nicht diese Leere ohne Partner, ich empfinde mein Leben als "gefüllt" aber trotzdem stelle ich bei mir folgendes fest:
- starke gedankliche Fixierung auf den Partner bzw. das Beziehungsproblem (Grübelzwang)
- Und trotz einem weitesgehend erfülltem Leben fehlt mir etwas wesentliches ohne Partner. Ich empfinde es nicht als Lücke, sondern mir fehlt einfach Nähe, vor allem das alltägliche Teilen, sich mitteilen, Anteilnahme..
Na, da hast du es doch schon. Obwohl dein Leben gefüllt erscheint, gibt es da diese Lücke, die du von einem Partner gefüllt haben willst. Es ist nichts schlimmes dabei, eine Partnerschaft zu wollen, aber die Motivation dahinter ist entscheidend! BRAUCHE ich einen Partner, weil er etwas in mir füllen soll, was ich mir selbst nicht geben kann, bin ich auf ihn angewiesen, also abhängig davon, dass er es mir gibt. HABE ich bereits aber alles, was ich brauche und bin ich in der Lage, diese Lücke selbst zu schließen, wird der Partner zu einem Sahnehäubchen auf dem bestehenden Kuchen - aber er WAR nie Kuchen selbst, wo du hungrig zurück bleibst, wenn der Partner geht und den Kuchen wieder mitnimmt, von dem du die ganze Zeit gegessen hast.