Servus in die Runde,
Ich habe mich immer mal wieder durchaus sehr kritisch zu den gefühlt zunehmenden Ferndiagnosen geäußert. Und manchmal habe ich mich gefragt, inwieweit bestimmte, zT schon erwähnte Threads, nicht auch eine Art von nennen wir es Werther-Effekt nach sich ziehen können.
Vielleicht ist es auch so wie beschrieben, unterstelle ich dem Ex Behandlungsbedürftigkeit, muß ich zunächst weniger Augenmerk auf meine eigenen Anteile legen. Das Gegenüber, der noch nicht offiziell diagnostizierte Täter, der sich im Thread äußernde eben ein Opfer.
Dennoch würde ich das Ganze gern etwas differenzierter sehen wollen.
Nicht jeder, der sich zunächst erst einmal als Opfer fühlt, bleibt in dieser Haltung stecken. Darüber hinaus ist es auch durchaus normal, daß Hilflosigkeit empfunden wird, wenn Dinge in unserem Leben passieren, mit denen wir nun einmal nicht oder nicht so gerechnet haben.
Wie du selbst geschrieben hast, ist dies oft eben auch einfach ein Lernprozeß.
Für viele führt dieser aber zunächst durch eine Phase der intensiven Beschäftigung mit dem Ex. Warum hat Ex dieses oder jenes, oder eben nicht, warum lässt sich nicht reparieren, was war. Wenn man doch noch einmal in einem Gespräch.
Manchmal führt diese Auseinandersetzung mit dem Verhalten des anderen, dann eben auch zu Ferndiagnosen usw. Im Grund ist es die Suche nach einem Verstehenwollen, vielleicht auch Verstehenmüssen.
Und genau an der Stelle würde gern differenzieren: Insbesondere bei Begegnungen mit Persönlichkeitsstörungen braucht es auch eine Phase des Anerkennens Opfer einer solchen geworden zu sein. Ja statistisch gesehen, ist es wenig bis gar nicht wahrscheinlich, daß alle der bspw im Narzistenthread-Schreibenden tatsächlich Opfer geworden sind, aber die, die es wurden, für die kann es uU essentiell wichtig sein, daß sie erst einmal Anlaufstelle finden und ihre Wahrnehmung überhaupt erst einmal validiert wird.
Gerade bei Angehörigen von Betroffenen ist es ja durchaus auch so, daß sie sehr lange oder bisher nur in einem bestimmten System gelebt haben, in dem zB deren Wahrnehmung manipuliert oder negiert wurde (Stichwort Gaslightning).
Und natürlich, wie überall im Leben gibt es eben auch solche die eine eigentlich gute Anlaufstelle eben eher für die eigene Profilneurose nutzbar machen wollen und es gibt solche, die sich extrem schwer tun, nach einer notwendigen Anerkennung Opfer geworden zu sein, diese Ebene zu verlassen und mit der Arbeit am eigenen Selbst beginnen und ja, manchmal gibt es eben -wie auch überall- berufsmäßige Opfer.
Zitat von Tin:Grade deswegen werde ich hier oft missverstanden, wenn ich harsch und provokativ jemanden dazu aufrufe, die Backen zusammenzuklemmen und es anzugehen. Ich kenne das alles nur zu gut und über Jahre. Und mir geht es heute sehr gut!
Möglich, daß dies manchen hilft und erfreulich, daß es Dir geholfen hat, aber hier hat es schon jemand an andere Stelle geschrieben, es ist nicht unbedingt jedermanns Weg. Mir hat dies nicht geholfen, ich habe sehr, sehr lange von außen und dann eben auch internalisiert eine harsche Linie gefahren und die war alles, aber nicht gut für mich.
Wie immer führen viele Wege nach Rom.
Auch bin ich mir nicht sicher, ob die hier scheinbar geführte Grundthese stimmt. Wenn ich das richtig verstanden habe, glaubst Du, daß solche Ferndiagnosen nur weiter zu einer Stigmatisierung von mentalen Erkrankungen beitragen. So einfach ist das, denke ich nicht. Was Dir, wenn ich das richtig verstanden habe, vor allem im Magen liegt, scheint wohl die Bagatellisierung dieser Erkrankungen. An der Stelle wäre ich bei Dir, sehe aber dann Deinen Lösungsansatz mittels Aufrütteln und harscher Provokation recht kritisch.
Und zwar deshalb, weil ich da eine Nähe verordne zu dem allseits beliebten, ach Du hast eine Depression, dann mach doch einfach mal ein bißchen Sport oder lach doch mal wieder mehr, so schwarz ist das Leben nicht. Provokation und Aufrütteln können im individuellen Fall mal angebracht sein, als generelles Mittel aber scheinen sie mir gefährlich, denn zumeist braucht es einen Profi um zu entscheiden, ob das Gegenüber stark genug ist, um in die Konfrontation zu gehen.
Persönlich finde ich manche Beiträge im insb Narzißtenthread durchaus grenzwertig, aber das mag auch daran liegen, daß ich einfach konsequent meinen Weg weiter gegangen bin und mich inzwischen in einer völlig anderen Phase befinde. Statt dann aber sofort eine Replik aus meiner jetzigen Phase zum besten zu geben, versuche ich bei solchen Beiträgen eher noch mal einen Schritt zur Seite zu treten und mich daran zu erinnern, wie es für mich war, als ich das erste Mal einen Artikel über Boarderline oder Narzißmus im Netz gelesen habe. Vielleicht schießen manche Threads über das Ziel hinaus, aber für mich sind sie auch ein Zeichen das ein Ende der Stigmatisierung langsam näher rückt, daß wir mentale Gesundheit besser und mehr ins Licht rücken und daß wir alle miteinander ab und zu auch ein bißchen vorsichtiger umgehen können.
Alles Liebe.