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Alles nur ein Traum

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Herbst

So langsam fallen die ersten Blätter. Nach dem hellen Grün im Frühling, dem tiefen Grün im Sommer wechseln sie nun in ein mildes Gelb zu einem rostigen Braun. Nach und nach verwandelt sich das Blätterkleid bei allen Laubbäumen. Doch davon gibts kein Wort im abendblichen Wetterbericht. Ich höre gar nicht mehr so genau hin. Zu oft hat sich die Vorhersage als Unsinn erwiesen. Auch stören mich die immer neuen Meldungen über Rekorde - Hitzerekorde, Niederschlagsrekorde, Unwetter "nur anno dazumal war das schon mal da"; "oh je, es wird heiß"; "oh weh, der Sommer geht zu ende, war gar nicht da, war zu kurz". Ja, die Klagen der Wetterfrösche können mir die Lust und die Freude an einer Jahreszeit schon vermiesen.

Ich habe nicht vergessen, dass auch der Herbst eine schöne Jahreszeit war und ist. Da sehe ich das goldgelbe Blätterkleid von Pappeln, die frostroten Blätter von Ahornen. Und ich erinnere mich - erinnere mich wie gern ich durch die Blätter auf Gehwegen oder im Park geschlurft bin. Ja, sogar hineinstürzen ging mit voller Lust. Im Laufwald bildete sich eine blättrige Bettdecke, die Pilzstümfe, Bucheckern und Baumwurzeln in den WInterschlaf schickte.

Und natürlich war es auch die Zeit der Herbststürme, was automatisch bedeutete "Drachensteigen". Sie stand für mich nicht in Verbindung mit Horrormeldungen "Stürm hat Dächer zerstört - Millionenschäden". Statt dessen kam nur der Gedanke "hm, ich müsste mal wieder meinen alten Drachen reaktivieren. Wo war der nochmal". Und dann begann die Suche, Suche und Suche. Etwas später folgte die Erkenntnis, dass der Drache doch irgendwie kaputt war. Also hieß das aus einem A4-Blatt selbst einen basteln, aus einer Zeitung eine Bastelvorlage nutzen oder halt - ganz langweilig - irgendwo einen kaufen.

Mit dem A4-Drachen an einer ollen Strippe rannte ich wie soviele andere Kinder auch über den Schulhof, damit der irgendwie hoch kam. Der einzige Erfolg blieben neben einer flachen Flugbahn mit krummen Kurven vor allem viel Lauferei und erste Schweißperlen. Auch die Bastel-Drachen aus der Zeitung kamen nicht wirklich hoch. Spaß hats trotzdem gemacht.

Natürlich wollte ich auch den schönsten Drachen haben, der am höchsten stieg - höher und höher. Ab wann ist es eigentlich ein Eingriff in den Flugverkehr? Die Frage stellte sich beim gekauften Drachen. Mit Kumpels ging ich aufs Feld. Und dann ging die Rennerei wieder los. Einer warf den Drachen zuvor hoch in die Luft. Einige Mal hielten ihn starke Brisen hoch in der Luft. Doch kaum flaute es ab, stürzte er krachend auf den Boden. Was für eine Gaudi. Nein, wir brauchten keine Rekorde. Es ging auch so irgendwie.

Natürlich ist das alles lange her. Doch diese Erinnerungen lassen mich noch heute den Herbst genießen. Ich erfreue mich heimlich am Farbenspiel der Baume, sehe mir an wie bei den Leuten die Klamotten immer dicker werden oder der Wind mit den langen Haaren der Frauen spielt. Mindestens einmal schlurfe ich ganz absichtlich durch die Blätter auf den Gehwegen. Aber die Drachen sind weniger geworden...

19.09.2016 09:12 • x 1 #61


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Marlene

An einem dieser Samstagabende war ich mal wieder unterwegs mit den Jungs. Es ging wie so oft in den Club einer entfernteren Stadt. Und wie so oft quetschten wir lange Kerls uns in das kleine Auto unseres Kumpels. Jetzt fehlte eigentlich nur noch, dass das Radio "Bohemian Rhapsody" plärrt und wir dazu wie die Blöden mit den Köpfen nicken. Ein Gruß an Waynes World.

Auf dem Parkplatz vor dem Club standen schon einige Autos, andere kamen mit uns an. Aus allen kletterten die Partybesucher - Paare, Mädelduos, Männergruppen wie wir oder auch ein Mädel begleitet von 3 Jungs. Und alle strömten sie zum Eingang, wir natürlich mit. Schon hier sah ich viele schöne Mädchen - und eben andere, die halt da waren. Mein Blick ging kurz rauf in die 2 Etage, wo sich der Club befand. "Hm, und da oben passierts also. Da kommen Paare zusammen. Man kommt allein hierher und verlässt zusammen mit einem Mädel den Club". Doch allein der Gedanke machte mir Angst. Wovor? Davor, was mit mir nicht stimmte, wenn ich wieder allein rauskam. Davor, dass ich wieder keiner gefiel und mich keine anlächelte. Und auch davor, dass mir keine gefiel - dass die meisten zwar toll aussehen, aber nicht wirklich zum Verlieben waren. Naja, mit diesen Vorbehalten stieg ich die Treppe rauf. Immer mal wieder ging der Blick in die wartende Schlange, ob da nicht die ein oder interessante dabei ist.

Dann hieß es Jacke abgeben, durch die Kasse durch und dann hieß es ... ja, was eigentlich? Feiern, Party, Spaß? Das war ich doch gar nicht. Nein, für mich hieß es ab jetzt so tun, als wenn mir das wirklich Spaß machte. Als wenn ich tanzen wollte und "trinken" wollte. Aber tatsächlich suchte mein Blick nur nach schönen Mädchen bzw. jungen Frauen. Naja, wenigstens huschte das eine oder andere toll Geschöpf vor meinen Augen vorbei - und die natürlich hinterher. Meine Beine und Schritte folgten. Das hörte dann blitzartig auf, als das Mädel stehen blieb und ich sich meinem Jungen unterhielt. "Vergeben, war ja klar". Vergeben für die Nacht oder tatsächlich in einer Beziehung spielte da keine Rolle mehr.

Wenn mir die Mädels in einem Raum zu langweilig wurden und sie mich wie üblich keines Blickes würdigten, ging ich halt in den nächsten Raum. Auf einem Streifzug - ich hatte mein Glas dabei "schau maul, ich trinke was" - machte ich im abgedunkelten Raum an einem Stehtisch halt. Von dort blickte ich auf die Tanzfläche. Da schienen schon viele Paare miteinander zu tanzen. Die Mädelduos tanzten so zusammen als wollten sie ohnehin jedes männliche Wesen abblocken "du bekommst uns nicht".

Ein solches Duo stand am Rande. Sie unterhielten sich miteinander. Immer wieder ging auch der Blick zur Tanzfläche "über was die wohl reden. Kann man das überhaupt bei der Lautstärke ohne sich die Stimme zu versauen?" Während ich mich mit diesen Gedanken beschäftigte sah mich die eine an - einen endlos langen, kurzen Moment an. Irgendwie erschrak ich innerlich. Sah sie mich an oder nur in meine Richtung? Stand jemand hinter oder neben mir, den sie kennt? Und dabei fiel mir auf wie schön sie aussah - und dass ich sie bisher noch gar nicht bemerkt hatte. Sie war recht großgewachsen, schlank, blonde, wellige Haare und ausdrucksvolle Augen. Dass konnte ich selbst in dem schwachen Licht erkennen. "Oh Gott, sie ist genau mein Typ". Und jetzt kam wieder die Schwierigkeit mit dem Ansprechen. Was sagt man eigentlich so in einem Club? Ich lenkte erstmal meine Augen weg - und nur einen Moment später wieder zu ihr hin. Aber warum sollte sich so eine schöne Frau für mich interessieren?

Dann kamen die Jungs und stellten sich um mich "na schon was entdeckt". Ich schüttelte den Kopf. Denn ein "Ja" hätte sie auf das Mädel aufmerksam gemacht und das wollte ich nicht. Außerdem würden sie mich dann noch genauer im Auge behalten oder mit blöden Kommentaren kommen "los ran". Und während wir miteinander rumstanden und quasselten, bemerkte ich gar nicht wie sich die Gesellschaft neben uns veränderte. Auf einmal tauchten die beiden Mädels am Nachbartisch auf, unterhielten sich mit ein paar Männern. Letztere verschwanden jedoch bald. War jetzt meine Chance gekommen? Ich ging ein paar Schritte, lächelte ein wenig und sagte kurz "Hi". Und dann ging das Gestammel bei mir los. Erstaunlicherweise unterhielten sie sich mit mir. Keine Ablehnung. Noch kurioser: Auch die Schöne hatte offenbar Problem mit mir zu reden. Und gab nur stockende Worte von sich. Aber dieser gesenkte Blick, den sie dabei machte, machte mich nervöser als ich ohnehin schon war. Und dann kam ich auf die glorreiche Idee mal nach ihrem Namen zu fragen. Das macht man ja so - vor allem, wenn mir kein anderes Thema einfällt. "Marlene" hieß sie also. Marlene? Sowie Marlene Dietrich? So ein oller Name? Waren Eltern so große Fans von der Dietrich? Und auch meine Cousine hieß so, naja eigentlich nur Marlen.

Die Gedanken überschlugen sich in meinem Kopf, was die Unterhaltung nicht einfacher machte. Dabei fühlte ich mich im Grunde wohl bei ihr. Und was fehlte jetzt noch? Na die Telefonnumer. Doch ich kam einfach nicht mehr auf irgendeinen vernünftigen Gedanken "Wollen wir uns wiedersehen? Willst du mit mir schlafen? Kann ich deine Telefonnummer haben?" Und so entfernten wir wir uns über kurz oder lang, ohne ein Zeichen wie wir in Kontakt bleiben könnten. Warum ging ich weg? Warum ließ ich sie gehen oder stehen?

Als ich den Club verließ mischte sie Enttäuschung mit Ratlosigkeit und Hoffnung. Vielleicht würde sie ja am nächsten Samstag wieder hier sein. Dann würde ich sie nach ihrer Telefonnummer fragen. Am nächsten Samstag fuhr ich allein hin, damit meine Kumpels mir nicht über die Schulter schauen konnten. Das anfängliche Prozedere wiederholte sich: Schöne Mädels, toll Mädels, Jungsgruppen. Nur Marlene war nicht dabei, und auch nicht oben. Einige Monate später traf ich sie zufällig in einem anderen Club, wieder am Stehtisch mit Blick runter auf die Tanzfläche. Sie sah nach wie vor umwerfend schön aus. Hatte wieder diesen Blick drauf als sie mich sah. Aber ich ging nicht auf sie zu, zumal sie offensichtlich in Begleitung gekommen war - in männlicher. Also war auch sie mittlerweile vergeben. War ja klar. Ich habe sie nicht gefragt und überließ mal wieder alles meiner Einbildung. Und so verlor sich hier unsere Spur....

21.09.2016 09:38 • x 3 #62


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Tarzans Schrei verhallt in schwarz-weiß

Die Welt um mich herum ist bunt - das Fenster, in dem ich gerade schreibe. Der schwarze Laptop steht zusammen mit schwarzem Drucker auf nem hellbraunen Schreibtisch mit vielen Büchern und CD's im beigestellten Regal. Fanschal, Souvenire von meinen Reisen und Tapete mit Waldmotiv komplettieren das farbenfrohe Spektrum. Doch mit einem anderen Blick holen Tapete und die anderen Sachen eine entfernte Realität zu mir nach hause.

Die holte ich mir neulich auf anderem Weg. Der Wald in meinem Zimmer und meine Badeerlebnisse mit dem Seil am Baum brachten mich auf den Gedanken "Was macht Tarzan eigentlich?" Nein, nicht doch der kitschig-quietschige Disney-Tarzan. Ab in die Tonne damit. Ich meine auch nicht Christopher Lambert und den Greystoke-Tarzan. Der Held meiner Kindheit war ein Mann mit athletischem Körper, entschlossenem, leicht stierendem Blick und einem jodelndem Schrei "ho-dio-dio-dio ... dio-dio-dio". Kaum jemand interessierte es, dass der Schauspieler in Realität Johnny Weißmüller hieß, olympischer Schwimmer war und den Schrei aus seinem Jodeln entwickelte. Für uns war nur Tarzan. Er schwang sich im Urwald an Lianenranken von Baum zu Baum - und es gab ihn nur in schwarz-weiß Film. Und jedesmal, wenn ein solcher Film lief hieß es bei uns Jungs nur "Tarzan ... Tarzan kommt". Und jeder wollte wieder sehen, was schon längst bekannt war. Und jeder erwartete den Schreit. Und wenn er dann kam, versuchten wir das natürlich nachzuäffen. Doch aus unseren kleinen Stimmchen kam nicht mehr als das erste "ho-dio..."

Doch der Tarzan-Schrei begleitete uns bis in die Schule. In der Pause oder vor der Deutsch-Stunde - uns war es egal. Peinlichkeit? Ein Glück, dass uns sowas ebenfalls vollkommen Wurscht war. Sich darüber Sorgen zu machen, was möglicherweise peinlich ist, kam auch erst mit dem Älterwerden. In der Turnhalle funktionierten wir die herabhängenden Kletterseile sehr oft zu Lianen um. Mit ihnen in der Hand standen wir selbstverständlich nicht mehr auf Hockern oder Kästen, sondern auf einem starken Ast. Und von hier aus stürzten wir uns mit Tarzan-Schrei an der Liane mutig über den Fluss. Nur Spötter würden darin ein Hallenparkett sehen. Doch der Flug endete nach 2 bis drei Metern, einen starken Ast auf der anderen Seite gab es nicht und nach ein paar Schwüngen stand das Seil wieder still. Hm, was für ein Festessen fü die Krokodile im Fluss. Achso, jetzt war es natürlich besser wieder das Hallenparkett. Tja, nur zu Jane wollten wir noch nicht. Die Mädels waren damals noch doof - naja, manchmal sind sie es heute noch. Doch immerhin gab Jane den Mädels eine lustige Rolle von der ewig kreischenden weißen Frau, die sie sich völlig blind in Gefahr begeben hatte. Und sie ja nun irgendeiner retten musste. Aber ne, wir haben die Mädels lieber den Krokodilen überlassen bzw. auf dem Parkett rumstehen lassen.

Ich weiß nicht so recht, was passiert ist - ob ich einfach nur älter geworden bin, neue Helden die alten vergessen machten oder auch die durchgeknallten Genderforscher mit ihrer Aufklärung das "Bild der Frau" soweit aufpolierten, das sie nichts mehr lustiges an sich hatte. Aber wir hörten auf an den Seilen zu hängen und Tarzan-Schreie zu machen. Der wilde Urwald, der mächtige Tarzan, die schnatterinchenartige Jane verschwanden und mit ihr das Bild von "Ich Tarzan, du Jane". Statt dessen wurde der Urwald bunt, Tarzan und Jane immer glatter bis Disney sie in Gestalt von knuddeligen Figuren komplett erledigte. Gott sei Dank habe ich noch eine andere Realität und Fantasiewelt in der Realität kennengelernt. Denn offensichtlich hatte nicht nur mich die Tarzan-Fantasie gepackt.

22.09.2016 21:46 • #63


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Die kleine Meerjungfrau

Ich bin noch nie in Kopenhagen gewesen. Und doch kenne ich das Denkmal, den Felsen mit der kleinen Meerjungfrau obendrauf. Sie blickt auf die See hinaus, blickt vielleicht auch in der Zeit zurück ... Mir fällt dabei eine andere kleine Seejungfrau ein, in einem japanischen Zeichentrickfilm. Wie ich sehr viel später erfuhr, hielt sich der Film eng an die Originalgeschichte von Hans-Christian Andersen. Also nix da mit happy end, sondern einem harten Ende. In Japan dienen solche Filme oft der Unterhaltung von Erwachsenen ...

Es war ein später Sonntagnachmittag. Die Sonne schien und ich kam gerade vom Spielen zurück. Mal schauen, was im Fernsehen so läuft. Und dann sah ich schon wie die kleine, kindliche Seejungfrau mit ihrem Delphinfreund in der kunterbunten Unterwasserwelt herumspielte. "Oh toll, das ist doch die Geschichte von der kleinen Meerjungfrau" dachte ich. Und schon saß ich vor dem Fernseher und tauchte mit in ihre Welt ein. Hier nannte sie der Delphin "Marina". In den Tiefen verliebte sie sich in das Abbild eines Prinzen in einer Statue. Dann entdeckte sie ihn auf einem Schiff, rettete ihn, verliebte sich und wollte natürlich bei ihm sein. Es war natürlich vollkommen klar, dass er sich in die kleine Meerjungfrau verlieben musste. Das tat er aber nicht, da sich ja die andere Prinzession dazwischen mogelte. "Ist diese Tussi denn doof" fluchte ich heimlich. Und noch schlimmer fand ich diesen blöden Prinzen, der darauf reinfiel. Naja, das Ende vom Lied ist bekannt: Marina sollte den Prinzen töten, wenn sie weiterleben wollte. Doch sie brachte es nicht übers Herz, so verliebt war sie. Als Konsequenz ging sie bei Sonnenaufgang in Seifenblasen auf, die auch noch die Hochzeitsfahrt des Prinzen und der doofen Prinzessin schmückten. Der Prinz sah die Seifenblasen tief erschrocken an und der kleine Delphin sprang den Blasen hinterher bis sie im Himmel verschwanden.

Tief erschrocken, ungläubig, fassungslos verfolgte ich das alles. Ich bekam einen dicken Kopf, der Klos Im Hals machte sich breit und die Tränen kamen - innerlich und äußerlich. Auch wenn es vollkommen lächerlich war - es war doch nur ein Film - hatte mich diese Geschichte so ergriffen, dass ich nicht anders konnte. Die Erinnerung an diesen Film wirkte noch sehr lange nach. Und ich versuchte nicht mehr dran zu denken. Das klappte auch ganz gut, da auch ich als Kind immer nur an das dachte, was mir so vor Augen kommt. Doch wer hätte gedacht, dass die Geschichte der kleinen Meerjungfrau zu meiner eigenen werden sollte.

Im Laufe meines Größerwerdens gab es immer wieder irgendwo ein schönes Mädchen. Und natürlich wollte ich nur sie: Die schönste bzw. schönsten in meiner Klasse oder der Nachbarklassen, im Abi, im Sportkurs, in Clubs, in Züge, am FKK-Strand oder in der Uni. Aber ich bin "nur" drei mal die kleine Seejungfrau gewesen. Bei diesen Mädels hatte ich mich nicht nur vorher heimlich verliebt, sondern ich hatte auch irgendwann den Mut gefunden, ganz deutlich oder beim dritten mal halbdeutlich meine Gefühle zu gestehen. Wie auch die Absagen auch immer ausfielen, blieben es Absagen - und das ist freunlich und allgemein formuliert. Die erste Absage war die härteste, denn das Mädchen hatte mich nicht mal auf dem Radar gehabt, geschweige denn irgendwelche Gefühle. Dass ich welche hatte, spielte keine Rolle. Mit einem Lachen drehte sie sich auf mein Geständnis um und ging. Darauf bin ich das erste Mal in Seifenblasen aufgegangen. Bei mir sahen diese Blasen jedoch wie Tränen aus. Und sie kamen noch oft, bei jeder Erinnerung an diesen Moment. Bei der zweiten und dritten Absage, wenigstens lagen sie eine Jahre auseinander, kamen immer noch Tränen und auch oft.

Heute gibt es keine Seifenblasen mehr. Es gibt nur einen stumm, sitzenden Mann. Auf den scheint die Sonne, Regentropfen laufen übers Gesicht, Wind zerwühlt die Haare. Für andere Menschen gibts oft und gern ein Lächeln. Doch für die Liebe gibts nur den Blick in die Dunkelheit. Velleicht auch in die Dunkelheit der tiefen See. Und mich blickt die Liebe einfach nicht an, egal wo ich bin oder wohin ich auch sehe...

25.09.2016 21:48 • x 3 #64


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Zitat:
Heute gibt es keine Seifenblasen mehr. Es gibt nur einen stumm, sitzenden Mann. Auf den scheint die Sonne, Regentropfen laufen übers Gesicht, Wind zerwühlt die Haare. Für andere Menschen gibts oft und gern ein Lächeln. Doch für die Liebe gibts nur den Blick in die Dunkelheit. Velleicht auch in die Dunkelheit der tiefen See. Und mich blickt die Liebe einfach nicht an, egal wo ich bin oder wohin ich auch sehe...


Die Skelettfrau

Jahre vergingen, bis sich niemand mehr erinnern konnte, gegen welches Gesetz das arme Mädchen verstoßen hatte. Die Leute wussten nur noch, dass ihr Vater sie zur Strafe von einem Felsvorsprung gestoßen hatte und das es ertrunken war. Die Fische nagten ihr Fleisch bis auf die Knochen ab und ihr Gerippe wurde von der Strömung fortgetragen. Eines Tages kam ein junger Bursche, ruderte mit seinem Kajak in die Bucht , warf seine Angel aus und wartete. Er ahnte nicht, dass der Haken seiner Angel sich in den Rippen des Skeletts verfing. Schon fühlte er den Zug des Gewichts und dachte voller Freude, jetzt habe er einen Riesenfisch an der Angel. Das Boot schwankte bedrohlich im aufgewühlten Meer, aber er zog mit aller Kraft an seiner Angel, er zog und ließ nicht los und hievte das Skelett aus dem Meer empor. IIIh schrie er und und sein Herz rutschte in die Hose, als er sah, was dort zappelte. Er versetzte dem Scheusal einen Hieb mit dem Paddel und ruderte , so schnell er vermochte, an das Meeresufer. Aber das Skelett hing weiterhin an seiner Angelleine und folgte ihm, wohin er auch rannte. Weg mit dir, schrie der Bursche und rannte in seiner Angst geradewegs in seinen Iglu. Dort herrschte vollkommene Finsternis und so kann man sich vorstellen, was der Bursche empfand, als er seine Öllampe anzündete und nicht weit von sich einen völlig durcheinander geratenen Knochenhaufen liegen sah, in seine Angelleine verstrickt. Was dann über ihn kam und ihn veranlasste, die Knochen zu entwirren und alles vorsichtig an die rechte Stelle zu rücken, wusste nur der Bursche selbst. Vielleicht lag es an der Einsamkeit seiner langen Nächte und vielleicht war es auch nur das warme Licht seiner Öllampe - aber er empfand plötzlich Mitleid mit dem Gerippe. Und so verbrachte er die halbe Nacht damit, alle Knochen zu entwirren, sie ordentlich zurechtzurücken und sogar in wärmende Felle zu kleiden, damit sie nicht fror. Danach schlief der Gute erschöpft ein und während er träumte, rann eine helle Träne über seine Wange. Dies aber sah die Skelettfrau und kroch heimlich an seine Seite, brachte ihren Mund an die Wange des Mannes und trank die Träne, die für sie wie ein Strom war, dessen Wasser den Durst des ganzen Lebens löscht. Sie trank und trank und dann ergriff sie das Herz des Mannes, trommelte mit ihren kalten Knochenhänden darauf und sang ein Lied. Und je länger sie sang, desto mehr Fleisch und Haut legte sich auf ihre Knochen. Sie sang für alles, was ihr Körper brauchte. Und als sie damit fertig war, sang sie die Kleider des Mannes von seinem Leib und kroch zu ihm unter die Decke. Sie gab ihm die mächtige Trommel seines Herzens zurück und schmiegte sich an ihn, Haut an lebendige Haut. So erwachten die beiden, eng umschlungen, fest aneinandergeklammert.

(überlieferte Liebesgeschichte aus der Arktik, wo der Stamm der Inuit lebt)

26.09.2016 21:39 • x 2 #65


Hologramm77


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Die Minuten im Cafe

Also, wo lernt man nochmal nette Mädels kennen? "Beim Tanzen. Das ist schon seit Urzeiten so". Okay, aber nicht in meinem Fall. Bestenfalls wirds mal wieder ein "kurzes Kennenlernen". Und darauf habe ich keine Lust mehr. "Geh doch ins Cafe" heißt der zweite Ratschlag. Na gut, denn geh ich mal dahin...

Hm, und in welches? Mit Cafe ist doch nicht unbedingt Bahnhofscafe gemeint, vermute ich. Hm, da gabs doch so ein Cafe zwischen den Hochhäusern. Und auch das in der Einkaufsstraße sah ganz passabel aus. Und was ist mit dem schummrigen, ollen Ding, das mit seiner roten Gestaltung an ein altes, französisches Cafe erinnert? Naja, erstmal gehts in die Mitte der Hochhäuser. Schöne Mädels gibts ja überall, warum nicht auch dort? Warum sollten sie nicht dieses ansteuern - mit der Freundin zum Quatschen oder am Ende des Einkuafsbummels. Also hin.

Als ich mich dem Cafe näherte, wuchsen jedoch die Zweifel. Wie sieht das eigentlich aus, wenn ich da allein reingehe und rumsitze? Egal, nicht soviel nachdenken - ich will mich doch nur wieder drücken. Also Augen zu und durch. Trotzdem begleitet mich die Zurückhaltung bei jedem Schritt. Sie wächst, je näher das Cafe kommt. Unsicher öffne ich dir Tür. Ab jetzt laufe ich ganz bewusst gerde - was nach außen wahrscheinlich steif rüberkommt. Das Cafe ist halb gefüllt. Gut, so bekommen nicht zuviele mit, was ich hier treibe. Ich suche mir ein Plätzchen am Fenster, wo ich auch einen guten Blick über die Hälfte des Raumes habe. An den Tischen sitzen Paare und auch eine große Gruppe von Kollegen oder Freunden. Manche Frauen da sehen wirklich gut aus. Schräg gegenüber sitzen ein paar jüngere Mädels. Ach schade, zu jung.

Naja, ich bestelle mir jedenfalls einen Cafe. Die Kellnerin bekommt ein kurzes Lächeln hin, um dann die Mundwinkel gleich wieder fallen zu lassen und prompten Schrittes auf den Tresen zuzuwalzen. Sie gibt die Bestelltung weiter und beginnt mit dem Barkeeper ausgiebig zu schnattern. Das kann dauern. Also schnappe ich mir eine Zeitung und lese ein bisschen. Wollte ich nicht jemand kennenlernen? Na ich würde ja immer mal scheinheilig durch den Raum schauen. Doch viel Sinn macht das nicht angesichts der klaren Verteilung: Paare, Freundesgruppe und die jungen Mädels - warum sollte da eine n Auge auf mich werfen? Und so vertiefe ich mich dann doch in die Zeitung. Das freundlichste Lächeln, das ich bis dahin erhielt, war das von der Kellnerin.

Doch am Nachbartisch passierte was. Die jungen Mädels begannen zu lächeln. Und sie schauten auf einmal mich an. Sogar die schönste von den dreien. Was soll den das? Lächeln die mich an oder lachen sie heimlich über mich. Ich lächelte jedenfalls leicht zurück, um mich dann wieder in die Zeitung zu vertiefen. Ich hatte mal wieder Angst, dass sie mich auslachen - wollte nicht rausfinden, ob dem wirklich so war. Schließlich ging ich wieder, ohne mit ihnen auch nur ein einziges Wort gewechselt zu haben.

Als ich wieder draußen bin, mich vom Cafe entferne kommen wieder die Vorwürfe "Wieso habe ich nix gesagt? Wovor fürchte ich mich denn nu? Was sollen sie denn noch machen außer lächeln? Naja, sie können doch kurz mal sagen, was sie wollen. Vielleicht mache ich sogar mit". Ich frage mich wirklich, wo mein Antrieb geblieben ist auf Mädels "zuzugehen" und wie lange es dauert, bis ich mal aus dem Knick komme.

27.09.2016 10:36 • x 1 #66


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Lagerfeuerromantik?

Ich weiß nicht, wie oft ich dieses ominöse Wort schon gehört habe. Am besten noch mit der Werbung für irgendein Produkt verknüpft - Knutschmusik. Im Mittelpunkt steht gern ein junges, schönes Paar beim Lagerfeuer am Strand. Und natürlich lieben sie sich - und wie. Ja, wie eigentlich? Über das davor und das danach, den Alltag des Paares sagen diese Bilder nie etwas aus. Welche Geschichten stehen hinter diesen schönen Momentaufnahmen?

Die Lagerfeuer sind in meinem Leben nahezu komplett verschwunden. Dabei ist doch wieder Herbst und die beste Zeit dafür. Und tatsächlich steigt mir abends manchmal ein kokeliger Geruch in die Nase. Der Wind trägt ihn aus den Gärten herüber auf die Straße unter die Alleebäume. Ab und zu sehe ich die lodernden Flammen und den Funkenflug, höre das Knistern und Knacken von Ästen und Holzscheiten. Einige schwarze Gestalten stehen ruhig herum. Der Feuerschein beleuchten ihre Gesichter schwach. Sie blicken ins Feuer und die Kinder spielen mit kleinen Ästen und dem Feuer. Ich erinnere mich wieder...

Zum Abschluss des Sportjahres veranstaltet der Verein am See ein Lagerfeuer mit Bockwürstchen, Kartoffeln und Cola. Das Erlenholz - Äste und Holzscheite - haben wir Kinder den Sommer über zusammengetragen. Nun bauen wir einen kleinen Tisch auf und stellen unser Essen und Trinken drauf. Die kleinen Messer dienen heute mal nicht für gepflegte Tischmanieren. Aus rumliegenden Zweigen schnitzen wir kleine Spitzen und stechen da die Würstchen drauf. Ihgitt, ihgitt - Bakterien und so weiter? Das ist uns herzlich egal. Gott sei Dank, dass wir darüber nichts wissen oder uns keine Gedanken darum machen!

Unser Trainer entfacht schließlich das Feuer. Und kurz darauf umringen wir den Feuerkreis und halten alle zusammen unsere Würstchenstäbchen rein. Es macht auch Spaß sie vorsätzlich anzukokeln, platzen zu lassen und sie mit all dem Russgeschmack genüßlich zu futtern. Ob Mädels oder Jungs - es machte keinen Unterschied. Wir waren einfach nur hier, wie wir sind. Als es mit Hereinbrechen der Dunkelheit kälter wird ziehen wir einer nach dem anderen unsere dünnen Trainingsanzüge an. Ein bisschen Friesen am warmen Feuer ist schon okay. Die Cola wird gekühlt. Auch wenn jeder Schritt weg vom Feuer die Kühle spürbarer macht und die Lust auf eine kühle Cola schwindet, schlucken wir sie trotzdem runter. Es ist doch Cola!

Dann gings aber schnell wieder ans Feuer. Wir sprachen nur wenig und schauten lieber ins Feuer - und auch mal auf den schlafenden See. Kein Boot mehr draußen. Das Thema Schule und Noten umgingen wir so gut es geht. Statt dessen gabs immer wieder auch kleine Neckereien untereinander. Das lockerte die Stimmung auf. Und schließlich begann einer Kartoffeln im Feuer zu rösten. Kurz darauf steckten sie auch an allen anderen Stöckchen und schmorten fröhlich vor sich hin.

Schon seit langer Zeit haben sich unsere Spuren verlaufen. Doch in einer Welt von Tischmanieren, Restaurant, Brandschutzregeln, Fremdschämen, Leistungen "besser, schneller, reicher" denke ich gern an diese einfachen Momente zurück. Zum Ärger von Restaurantbetreibern oder blasierten Bekannten, die fürs schick Ausgehen, Bars und Restaurants leben, mache ich kein Hehl daraus, dass ich nichts von dieser Welt halte. Ich frage mich, wann sie falsch abgebogen sind? Wann sie vergessen haben, "einfach" und vor allem Mensch zu sein? Die Romantik meines Lagerfeuers liegt in der Natürlichkeit.

01.10.2016 11:33 • x 2 #67


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Die einzig Richtige - für den Moment und die nächste Zeit

Die einzig wahre Liebe, die Richtige, Everything I do I do it for you, Mann muss Frau erobern bzw. Frau lässt sich erobern, "er liebt nur mich", Monogamie - das Kreuz mit so einer Bürde von Idealvorstellungen muss wohl jeden erdrücken. Und trotzdem bekommen das Kinder gleich mal eingeimpft, konzentrieren sich in den Fantasien von Teenagern und leben in den Vorstellungen von Männern und Frauen weiter.

Wenn man mal zurückschaut wirkt das einstige Träumen von dem schönsten Mädchen "ich will nur sie. Sie ist die einzige" fast lächerlich. Danach kommen noch viele andere. Und jedesmal kommt das Gefasel von Schönheit, Liebe und ach wie toll die Zukunft ist. Was macht es eigentlich so schwer sich von den Vorstellungen, die da durch die Köpfe schwirren zu lösen? Naja klar, wenn man von allen Seiten - Eltern, Kumpels, Bekanntschaften, Filme, Musik, Ratgebern und auch noch Chattern - befeuert wird setzen sich bestimmte Vorstellungen fest. Und gegen die alle zu revoltieren, ist nicht so leicht. Man will ja nicht nur auf "das eine" aus sein. Warum eigentlich nicht? Angesichts der Tatsache, dass man im Leben sowieso mit mehr Personen als nur einer schläft, kann man doch auch seinen Trieben einfach nachgeben. Warum denn gleich mit dem mündlichen Vertrag "Partnerschaft" drohen?

Rückblickend kann ich gar nicht glauben, wie viele sich schön machten, schon über Liebe faselten, obwohl sie eigentlich nur auf eine gemeinsame Nacht aus waren. Doch manche Sachen werden eben erst im Nachhinein deutlich. Anders gesagt - auch Frauen schrecken nicht davor zurück mal das Liebes-Gefasel zu missbrauchen, um ihre Triebe zu befriedigen. Obwohl sie sagen, dass sie an einer Partnerschaft interessiert sind? Naja auch dazu gibt es verschiedene Blickwinkel - und viele unausgesprochene Varianten bis es zu einer Partnerschaft kommt. So etwa: Das Ziel Partnerschaft und Liebe schließt ja das ein oder andere Abenteuer nicht aus.

Auf jeden Fall hilft es den kitischen, verkrampften Vorstellungen zum Beziehungsleben "Sie/Er ist die/der einzige" erstmal die Luft rauszulassen "... der einzige für den Moment, mal sehen wie lange das gehen kann". Bis das der Tod uns scheidet kann mich mal. Dadurch lasse ich mich nicht mehr verrückt machen. Ohne die großartigen Vorstellungen, Bürden für ein regelkonformes Kennenlernen und dann auch noch Beziehungsleben, lässt sich alles sehr viel entspannter an. Nur das muss auch erstmal in meiner Birne ankommen. So leicht lassen sich die bekannten, vermeintlichen Vorstellungen bei mir als auch in den Köpfen der Mädels wohl nicht so leicht auslöschen.

04.10.2016 08:58 • x 1 #68


Garamond

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Die eine oder andere Passage verleitet echt zum nachdenken, überdenken der eigenen Vorstellungen vom Leben. Denn nichts ist Unendlich und nichts ist für die Ewigkeit. Sicherlich ganz klar im Kopf manifestiert. Doch wenn der Blitz eingeschlagen hat, und er schlägt immer ins Herz ein und nie in den Kopf, was dann? Ritterrüstung anlegen und jeden Angriff abwehren, schnell den Rucksack Vergangenheit umschnallen und die Last weiter tragen? Oder lieber doch das Klischee vom Prinzen und der Prinzessin bedienen und die schönen Momente, die Zeit des gemeinsamen Glück's auskosten bis zu letzten Atemzug .... Wofür und Wogegen sollte man sich entscheiden?

04.10.2016 23:22 • x 1 #69


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Schau hin: Kein Rückblick

Wenn ich schon unterwegs bin, in Bus & Bahn sowieso nur rumsitze, kann ich doch auch nach hübschen Mädels schauen. Vielleicht interessiert sich ja auch eine für mich.

Und so beginnt ein typischer Morgen - es ist noch kalt - erstmal mit einem Gang zur Dönerbude. Der dicke Türke sieht mich kommen, grinst selbstgefällig und gießt mir einen warmen Kaffee ein. Ich grinse zurück und bedanke mich für den Kaffee. Oft treiben wir dieses Spiel.

Dann husche ich rüber zur Bahn und steh erstmal dumm rum, wie all die anderen bis der Zug kommt. Immer wieder führe ich den Becher, nippe ein wenig - und schau mich um,ob da irgendwer hübsches ist. Wie so oft tauchen erst die schwerfälligen Tratschtanten von einem Büro auf. Sie quaken mal wieder über die ach so wichtigen Dinge auf der Arbeit und zuhause. Dann kommt ein steifes, ällteres Männchen im breiten Gang hinzu, schaut abwechselnd beide an und nickt zustimmend. Aber er ergreift auch die Chance, selbst dem Getratsche noch mehr Unwichtiges hinzuzufügen. Dann tauchen noch die Schulkinder auf. Sie begrüßen sich, bilden kleine Grüppchen und ... plappern drauflos, schweigen sich an oder plappern um das Schweigen zu beseitigen. Dann taucht eine Frau im Hosenanzug auf, mit selbstbewusstem Blick. So interssiert sich nicht für das, was um sie herum geschieht, sondern blickt stur nach vorn. Über was sie wohl nachdenkt. In ihrer Jugend mag sie vielleicht eine schöne, junge Frau gewesen sein. Doch heute steht ihr nur Ehrgeiz, Zielstrebigkeit und Härte in die Ausstrahlung geschrieben. Ne, eine hübsche Frau ist nicht dabei - wie immer..Ich werfe meinen Becher weg. Er ist leer und es gibt auch keinen Grund, ihn noch als Ablenkungsmanöver für meinen umherschweifenden Blick zu missbrauchen.

In der Bahn laufe ich einmal von einem zum anderen Ende des Zuges. Doch wo ich auch hinschaue wiederholt sich der Eindruck vom Bahnhof. Schließlich setze ich mich auf einen freien Viererplatz. Neben mir sitzen wieder Frauen in Bürokostümen. Und schon wieder Arbeit, Arbeit, Arbeit. Schwierigkeiten werden mit einem Erfolg beendet - oder kleinen Lästereien über die blöden Kollegen und Hervorhebung des eigenen Wissen im Umgang damit. Wenn man auf Sie gehört hätte wäre natürlich alles anders gelaufen. Ich höre das alles, doch mein Blick geht die ganze Zeit zum Fenster raus. Gern möchte ich den Kopf schütteln, aber das würde mich verraten. Nur die Augen rollen sehr oft. Auch diese beiden Frauen haben ihre Schönheit auf dem Lebensweg verloren.

Und prompt melden sich wieder die Stimmen der Gesellschaft mit dem erhobenen Zeigefinger "Na aber hallo? Es geht hier nicht um Schönheit. Sie stehen mit beiden Beinen im Leben. Sie machen ihren Job, arbeiten hart, bringen Leistung. Es geht hier doch nicht um Schönheit! Und was ist mit den inneren Werten? Mein Gott, was bist du oberflächlich! Diskriminierung!" Bla, bla, bla. Schöne Stimmen der Gesellschaft habe ich mir da angenommen. Eigentlich sind es Schreibhälse, die allen Grund haben zu schreien: Sie müssen sich an Leistung, Erfolge oder Begriffe wie Diskriminierung klammern, da sie mit Schönheit nun mal nicht gesegnet sind - Schönheit als etwas fürchterliches hinstellen oder als etwas abstraktes, dass nur in inneren Werten existiert. Niemals kann man sie an der Oberfläche eines Menschen sehen. Doch so sehr sie sich auch dagegen sträuben - die Oberfläche gehört zum Menschen dazu. Schon der erste Blick genügt, um zu entscheiden "schön, gefällt mir ... oder eben nicht!" Man kann auch einfach mal nur seinen Insinkten vertrauen und jede tiefsinnige Einsicht über den Haufen schmeißen. Menschen sind im ersten Moment oberflächlich, ob es ihnen gefällt oder nicht. Mir gefällt jedenfalls dieser Ansatz.

Doch weit komme ich damit ja nicht. Immerhin gefällt mir ja überhaupt keine Frau im Zug, nur mit Auge zudrücken. Doch ob ihre Attraktivität besser wird, wenn mal wieder dem Aberglauben "innere Werte" mehr Raum gebe? Ich glaubs nicht. Etwas enttäuscht denke ich an meine Schulzeit. Es gab soviele schöne Mädchen. Und heute sind sie alle verschwunden. Die Spuren des Lebens haben nicht mehr viel Schönheit übrig gelassen. Ironie und Ehrgeiz, dieses alberne über sich selbst Lachen - sind sind irgendwie an die Stelle der süßen, jungendlichen Schönheit getreten. Achselzuckend denke ich mir - das wars wohl mit den hübschen Frauen. Also Ansprüche runterschrauben, damit es irgendwie passt? Ne, damit begehe ich ja doppelten Verrat, an mir und einer Frau. Das hat keiner verdient.

Da fällt mir ein: Nicht eine der Frauen hat zu mir geblickt. Kein Lächeln. Kein verschämtes Wegschauen. Okay, dann bin ich also für sie Luft, haben sicher andere Gedanken als nach einem Mann zu schauen. Naja, an die Arbeit. Aber so richtig glauben mag ich das nicht. Moment mal, wenn nicht mal die Tratschtanten mich anschauen, dann muss ich ja wirklich uninteressant sein. Und warum kommt dann ab und zu dieses Gerede von wegen schöner Mann an meine Adresse? Hm, naja, ist halt nur nett gemeint. Man sagt ja einem nicht, wenn er doof aussieht ... oh ich bin ja schon da. Eilig verlasse ich den Zug, war sowieso uninteressant.

Doch irgendwie lässt es mich nicht los: Kein einziges Lächeln für mich, kein einziger Blick. Bin ich wirklich so fürchterlich. Abends surfe ich durchs Internet. Dort finde ich eine "Suche dich Seite". Dort wollen Menschen jemanden finden, den sie im Alltag gesehen, aber nicht angesprochen haben. Ich lese mir überflugsartig alles durch, was ich sehe. In der Regel suchen Männer - gern die Blondine, auch mal die Brünette und selten die Schwarzhaarige. Frauen suchen ebenfall. Auch sie bevorzugen blonde Männer mit blauen Augen. Klischee erfüllt! Auch der Typ mit Rastalocken, Tattoo ist gefragt ... und was ist mit dem südländischen Typ, mit den schwarzen Haaren und braunen Augen? Und sportlich? Er ist nicht gefragt und gesucht. Wieder mal ein Schlag ins Selbstbewusstsein. Noch mehr verstärkt sich der Eindruck aus der Bahn. Ich bin ein -freundlich formuliert - Exot. Wahrscheinlich zählen auch mich die meisten nach dem Äußeren zu den südländischen Machotypen, die eine Frau nach der anderen haben. Nix mit Treue und so weiter. Ich muss froh sein, wenn ich wenigstens von der Kassierin im Supermarkt ein Lächeln erhalte - weil das auch zu ihrem Job gehört.

Doch am Ende des Tages fällt eines auf: Das alles sind nur Gedankenspiele mit mir selbst. Ich rede nicht und schiebe Frauen gern eine Sichtweise unter, wie sie mich vermutlich sehen müssten. Doch letztlich weiß ich nicht wie sie mich sehen, ob sie mich nicht auch viel genauer im Blick haben als ich es nur ansatzweise ahne. Den Blick aus dem Fenster und Ohren beim Nachbarn dürften sie auch können...

06.10.2016 23:05 • x 1 #70


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Wer hätte gedacht, dass mich ausgerechnet eine Singlebörse auf meine eigene Fährte führt. Ich bin schon so gut im Spuren verwischen, dass ich sogar für mich den Weg zu meinem Ich unerkennbar gemacht habe. Immer nur nach vorn zu schauen, vorwärts zu gehen bringt nicht, wenn die Person hinter dir verwischt ist und in der Vergessenheit verschwindet. Jeder Schritt ist dann der erste - wie ein Kind, das laufen lernt. Es gibt nur noch Anfänge. Die Welt drumherum ist immer eine neue, die altebekannte dagegen oft bedeutungsentleert. Dem Vergessen zum Fraß vorgeworfen.

Ich würde gern sagen, dass ich anderen schon den Schlüssel zu meinem Herzen in die Hand geben könnte. Die beleidigte Leberwurst in mir und auch das bisschen verliebener Stolz melden sich dann doch und norgeln "Moment mal, als ein bisschen anstrengen können sich die Mädels auch. Nicht immer nur nehmen, sondern auch selbst Einsatz zeigen. Bin ich mir denn gar nichts wert, als dass ich wie alle anderen Männchen mich vor ner schönen Frau vor diese Füße werfe und um ein bisschen Licht bettele?" Aber die Leberwurst und der Stolz übertünchen noch die Angst darunter: Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob es den Schüssel zu meinem Herzen gibt. Ich weiß es nicht, ob den überhaupt jemand haben will. Doch noch viel mehr fürchte ich mich davor, dass es diesen Schlüssel doch noch gibt, dass er ins Schloss geht und sich mein Herz wieder öffnet - um dann geöffnet liegen gelassen zu werden. Doch mit Abstrichen gesehen ist das die Welt, die ich zumindest kenne und mit der ich "umgehen" kann. Doch viel mehr fürchte ich mich vor der unbekannten Welt, der des Glücks, wo alle meine Wünsche wahr werden - auch die, die schon seit Jahren in der Vergessenheit liegen. "Darf ich glücklich sein?" Doch mein Misstrauen erwartet eher ein Ende des Glücks, als dass es sich im Auf und Ab des Lebens immer mal wieder einstellt. Wie gesagt: unbekannte Welt.

08.10.2016 23:43 • x 1 #71


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toll

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal wie ein Herdentier einer toll Frau nicht nur hinterherschaue, sondern auch noch völlig instinktiv kehrt machte und ihr folgte. Ich war ja nicht so wie alle anderen Männer, die nur das eine wollen. Bei mir geht es ja um die inneren Werte. Denkste! Da kommt mal eine Frau daher, die einfach nur anziehend aussieht und der ganze Quatsch mit inneren Werten ist völlig vergessen...

Was war geschehen? Ich laufe gerade durch die unterirdische Bahnhofshalle. Mir geht gerade wieder eine Menge durch den Kopf: Hoffentlich sind die Bücher schon da, die nächste Prüfung steht an. Wenn ein Buch nicht da ist reicht die Vorbereitung trotzdem? Erstmal nen Kaffee und vielleicht einen netten Plausch mit den Damen an der Theke. Und schreiben muss ich ja auch noch". In Gedanken versunken laufe ich in das Kaufhaus. Auf dem Gang kommt mir eine Blondine entgegen. Stumpf betrachte ich sie und denke mir "wow, sieht ja heiß aus". Eine große schöne Blondine, sportliche, normale Figur, ein schwarzer Ledermini über ihren festen Beinen mit glatter Haut. Ihr Brüste heben den Strickpullover deutlich an, auf den ihre langen, blonden Haare fallen. Sie hat ein freundliches Gesicht, aber scheint auch in Gedanken. Ich gehe weiter und denke weiter "sieht heiß" aus. Und dann kommt die Erleuchtung "Moment mal, sie sieht heiß aus! Wo laufe ich eigentlich hin? Auf den Typ Frau habe ich doch immer gewartet?".

Kurz darauf mache ich die Wende und laufe in die Gegenrichtung, vergessen sind Prüfung und Bücher. Aber meine Schritte sind schwerfällig, meine Gedanken völlig widersprüchlich. So heiß wie sie aussieht, was will sie von mir? Wie sieht denn das aus, dass ich ihr hinterherlaufe? Habe ich es so nötig (ja). Ist das nicht entwürdigend und aufdringlich? Egal, das muss jetzt sein. Doch was will ich ihr eigentlich sagen? Ich will dich sofort, du siehst verdammt heiß aus, ich kann mich nicht zurückhalten. Man wie blöd muss das ankommen. Auch wenn sie toll aussieht, will sie sowas primitives bestimmt nicht hören. Und jetzt noch mal was will ich ihr nun sagen? Ratlosigkeit.

Inzwischen stehen wir beide in der S-Bahn. Immer wieder schaue ich sie direkt an oder lasse meinen Blick durch die Bahn schweifen, wo ich auch sie immer wieder sie sehen. Meine Augen suchen den Blickkontakt. Doch sie registriert mich gar nicht. War ja klar. Ich werde immer nervöser. Lasse ich es doch lieber sein? Die Bahn hält sie steigt mit anderen Fahrgästen auch, ich folge ihr. Man ist das armseelig. Schließlich nehme ich all meinen Mut zusammen und spreche sie an. Ob sie wisse wo es hier einen Kaffee gäbe, denn ich möchte sie gern auf einen einladen. Sie reagiert zunächst überrascht, doch beginnt dann zu lächeln. Sie meint, dass sie das gern machen würde, aber momentan keine Zeit hat - Prüfungen stehen an. Aber sie gibt mir bereitwillig ihre Nummer. Ich kann mein Glück gar nicht fassen. Sie hat nicht nur Notiz von mir genommen, war freundlich zu mir und gab mir ihre Nummer, sondern will sich auch noch mit mir treffen. Ich habe eigentlich mit einer reservierten Absage gerechnet oder einem schnippischen Kommentar.

Völler Glück schreibe ich ihr dann kurz darauf, dass ich mich sehr gefreut habe und dann wie sehr sie mir gefallen hat - mit den schönsten Worten. Darauf kommt von ihr nur eine Antwort "Kannst du mich nicht einfach so nehmen wie ich bin?" Plötzlich kam ich mir dumm vor. Ich versuchte ihr zu erklären, warum ich das alles so geschrieben habe. Ich rechtfertigte mich für meine Gefühle, Instinkt und Wortwahl. Von da an schwieg sie. Ich begann mit mir zu hadern, warum ich denn alles so übertreiben muss. Ist doch okay, wenn mir eine sehr gefällt. Dass muss man ja nicht mit den schönsten Worten aufs Butterbrot schmieren. Ach, nicht? Ich dachte immer, dass Frauen Komplimente gefallen - vor allem, wenn es keine pauschalen Komplimente sind, sondern wirklich nur auf die Person gemünzt.

Mit diesen Gedanken sitze ich über meinen Büchern und habe die Prüfung auch hier völlig vergessen. Und wieder rede ich mir eine: Also nicht mehr schönen, toll Frauen hinterherschauen. Einfach weitergehen, nicht tun, nichts denken. Und so gings es dann auch tatsächlich weiter...

13.10.2016 11:15 • x 1 #72


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Das nette, ungeküsste Küken

Es mag ja Menschen geben, die glauben ganz fest daran: Wo die Liebe hinfällt, Liebe überwindet alles, was spielt denn das Alter für eine Rolle, wenn man sich liebt? Mir würden da beispielsweise sofort Pädophilie, Ödipuskomplexe, Realitätsverweigerung, nicht allein sein können und nicht zuletzt Dummheit einfallen.Es gibt ja da diesen schönen Spruch von Einstein mit dem Universum, der Unendlichkeit und der menschlichen Dummheit. Äh, ich schweife ab. Jedenfalls werden Altersunterschiede und Grenzen mit vielen Gründen relativiert und wegdiskutiert, um das persönliche Glück salonfähig zu machen. Der Altersunterschied wird nicht als eine Grenze, sondern die Grenze ignoriert.

Ich weiß, was ich schon alles gesehen und erlebt habe - die Dampfloks vor den ollen, grünen Personenwagen, Kreuzungen voller Trabbis, der Fall der Mauer, meinen ersten 10 DM-Schein, die Straßen von Thessaloniki und Makedonien, Russen-Kasernen. Jeder Mensch hat eine Geschichte, ein sozio-kulturelles Umfeld, in dem er aufgewachsen ist und mit dem er sich identifizieren kann - auch wenn es keine gute Welt-Geschichte ist. Je größer der Altersunterschied, desto kleiner die Schnittpunkte zwischen den Menschen. Klar, man kann das alles ignorieren, um sich ein bisschen vom großen Kuchen "Liebe" abzuschneiden. Wer will denn nicht auch ein "bisschen Glück" haben? Wer ohnehin nicht seine Grenzen kennt, lässt auch dem Altersunterschied keine Chance "wenns doch um Liebe geht".


Es ist der Tag der großen Zusammenkunft. Aus allen Richtungen strömen die Leute zur Halle unterhalb der Autobahn. Auf dem Rasen drumherum versammeln sie sich am Getränkewagen oder vor dem Grill. Es riecht nach biergetränktem Kotelett. Hmmmm. Überall bilden sich kleine Grüppchen. Im Kreis stehen quasseln sie miteinander, lächeln und lachen oder die Gespräche plätschern nur so dahin. Drinnen spielt laute Musik. An den Tischen geht das Futtern, Trinken und Quatschen im Sitzen weitern. Blödeln ohne Grenzen. Und genauso wird auch nicht getanzt. Eins, zwei, drei ... eins, zwei, drei ... eins, zwei, drei ... tscha, tscha, tscha? Ach was! Hopsen und die ulkigsten Verrenkungen geben heute den Takt vor.

Und da mach ich natürlich nur allzugern mit. Keine Konventionen, keine Regeln, keine prüfenden Augen "was macht der denn da?" Gott, wie ist das schön! Mit mir hüpfen die jungen Sportler herum. Und ich freu mich, dass die jungen Hüpfer mein Mitgezappel nicht stört. Alle haben richtig gute Laune. Mit der Blondine neben mir wechsel ich ab und zu ein paar Worte. Quasseln geht ja hier nicht. Sie schaut mich jedesmal mit einem Lächeln an und gibt ein paar knappe Kommentare zurück. Ja, so fühl ich mich wohl. Endlich kann ich mal sein wie ich bin, leben wie ich fühle. Endlich mal kein Stress mit Weibern, endlich mal keine Attraktive in meinem Alter hier, die für mich interessant sein könnte - und ich für sie. Nur kann man mich erleben wie ich bin. Doch hier müssen sich die ollen Weiber und die jungen Küken mit mir begnügen. Allerdings fand ich diese Blicke von der jungschen Blondine schon komisch. So oft gelächelt und auch irgendwie ziemlich nah gekommen ... Neein, dummes Zeug. Die doch nicht. Das junge Küken. Die will doch nix von so nem ollen Mann wie mir. Und wenn doch? Oh bitte nicht! Dann müsste ich ja mal wieder was erklären, was ich nicht erklären will - warum ich nicht will. Und ich will nicht schon wieder diese Altersunterschiede-Diskussion führen müssen...

Einen Tag danach kommt, was kommen muss: Gerüchte, Provokationen. Es macht halt schon mal Spaß, dem einen oder anderen was anzudichten und auf den Arm zu nehmen. Ja, auch die Blicke der Blondine scheinen den anderen nicht entgangen zu sein "Sag mal, hast du nicht gemerkt, dass...?", "und wie wars mit ihr...?" Ich verbuche das ganze als Ulk und meine natürlich "...was ich doch für ein Hengst war". Doch tatsächlich meldet sich bei mir ein Unbehagen. Wenn es doch keine Einbildung war? Klar, ich werde schon mitbekommen, was los ist. Ich werde sie ja irgendwann mal wieder sehen. Und dann schau ich mir noch mal genauer an wie sie sich mir gegenüber verhält. Bitte, bitte, bitte - lass sie mich genauso behandeln wie alle anderen. Dann bin ich fein raus und es gibt keine blöden Momente.

Ich frage mich nur, was so ne junge Frau von mir will. Sie sieht doch ganz gut aus, ist sympathisch und auch gebildet. Warum konzentriert sie sich nicht auf Männer in ihrem Alter. Es muss doch für sie ein leichtes sein, sympathische Männer kennenzulernen. Aber sie ist ruhig, um nicht zu sagen schweigsam - also wie ich vor 10 Jahren. Um ihr jegliche weitere Illusionen zu rauben, werde ich mich wohl mal wieder beim nächsten Treffen etwas kühler geben. Das mit dem festen Blick und regungslosen Mundwinkeln kann ich ja...

Doch ich habe den leisen Verdacht, dass es hier um mehr geht als sie abzuwimmeln. Vielmehr geht es auch darum, dass ich theoretisch meine Grenzen kenne und festgelegt habe. An denen halte ich mich mehr aus Ratslogkeit und Verzweiflung fest, denn aus Überzeugung. Die Gefühle und die Triebe sprechen eine Sprache, theoretische Grundsätze eben eine andere. Und beides in Einklang zu bringen fällt schwer, vor allem wenn ich selbst mit psychischen Defiziten zu kämpfen habe und nicht genau weiß wo und wie die zuschlagen.

Aber vielleicht könnte ich auch mal wieder mit dem Reden anfangen, als alles vorher im Kopf durchzuspielen. Fragen soll ja bekanntlich helfen.

17.10.2016 20:59 • x 1 #73


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Zeitverschwendung: Nicht zu fassen, ich bin da!

Manchmal möchte ich deinen Namen sagen. Der Magen zieht sich bei dem Gedanken zusammen. Eine verbissene Trauer meldet sich kurz. Was hilft es denn den Namen auszusprechen, herauszuschreien? Er verhallt doch nur ungerhört im Zimmer. Aber er ist halt alles, was mir von dir geblieben ist; alles, was mir von meinem schönsten Traum geblieben ist. Ja ... ein Traum, pfff. Ich habe nur von dir geträumt. Ich habe von einer schönen Realität geträumt, von Liebe, von uns, einem "wir". Und die Realität mit dir war dann auch noch ein Traum.

Doch wie sagtest du mal so schön "Träume sind Schäume". Und ich habe wohl nur Schaum gemacht als dich zum Teil meines Lebens und Alltags. Warum sollte es nicht klappen? Wir haben uns blind verstanden. Du hast mich verzaubert, berührt ohne zu berühren. Trotz deiner Schönheit hast du mir Luft zum Atmen gelassen, hast mich nie wie einen Mann 2. Wahl behandelt, nicht wie einen 0815-Typen.

Und auch ich hab dir ein vertrautes Gefühl gegeben - wie mit deiner besten Freundin. Innerlich habe ich über dieses Kompliment schon gegrummelt "he, ich bin doch ein Mann - wenn auch nur ein junger". Ich habe dir zugehört, habe mich auf deine Worte eingelassen, hineinversetzt und dir entsprechende Gedanken zurückgeschrieben. Ich habe dir andere Blickwinkel gegeben und dur mir. Herzlichkeit, Ernsthaftigkeit ohne Verbissenheit und kleine Späße bis hin zu Frechheiten hielten sich immer die Waage. Du hast mir gezeigt, dass es ohne Ironie, Zynismus und Sarkasmus geht - was sich ja soviele Menschen voller Stolz ans Revers heften. Wir haben uns nie mit Absicht verletzt.

Doch bis heute frage ich mich, warum wir uns nicht die Hand gegeben haben? Aber ich weiß, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Ich habe schon verstanden, was vor sich geht, und du auch. Du warst da. Doch ich habe nie wirklich die Hand ausgestreckt, bin nie den letzten Schritt gegangen, habe den Traum nicht mit nach hause gegangen. Vermutlich hast du ab einem gewissen Zeitpunt auf meinen Mut gewartet. Statt dessen bist du auf ein gebranntes Kind getroffen, dass das Feuer scheut - die Hand nur so weit ausstreckt, dass du sie nicht komplett greifen kannst. Dazu noch mit Rückzuck-Reflex. Ich habe deine, unsere Zeit verschwendet. Ich habe dir Visionen gegeben und bei zu großer Nähe wieder verwischt. Ich schiebe dir gern die Schuld in die Schuhe "wolltest ja nur Freundschaft". Doch ich habe das nur allzu leichtfertig angenommen. Bin nicht auf die Idee gekommen, mehr zu wollen; dich ganz zu wollen und mit niemandem zu teilen. Du warst mein schönster Traum und mehr als ich mir bis dato erträumen konnte, mehr als ich mir überthaupt wünschen konnte. So einen Schatz wie dich allein für mich zu haben war ein unvorstellbares Glück. Ich bin nur auf ein kleinen Glück vorbereitet gewesen - bis heute.

Auch dass ich für dich so eine Art Schatz gewesen bin, lässt mich eher ratlos und mit Zweifeln zurück als dass ich mich einfach darüber freue - nicht das Haar in der Suppe suche. Im Prinzip hast du mir auch die Augen geöffnet wie gefährlich ich bin. Ich kann anderen Menschen andere Blickwinkel geben, Visionen mit Gefühlen - doch nie mich selbst. Und das ist wohl dann der härteste Moment, wenn sie erkennen müssen, dass sie mich nicht erreichen, nicht mal Ansatzweise in Reichweite gewesen sind. Auch deswege zeige ich lieber wenig von mir, bin lieber kauzig und ein Kotzbrocken, damit sie bloß nicht jemanden entdecken, den sie nicht mehr gehen lassen wollen. Denn auch das bin ich gewohnt: Dass man mich gehen lässt und nicht festhält. Und mal ehrlich - warum solltest du ausgerechnet mich festhalten wollen, wenn sich doch "jeder" um dich bemüht UND dir ehrlich die Hand gibt?

19.10.2016 21:27 • x 1 #74


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Verlassen - von allen guten Geistern

So ein Single-Dasein hat so allerlei Vorteile - vor allem, wenn man sich die wundervollsten Hingespinste konstruiert. Und das beginnt nicht erst als Erwachsener, sondern schon im Kindesalter. Als Erwachsener hat man lediglich die Gelegenheit mehr Varianten auszuprobieren, um sie entweder eine zur vollen Entfaltung kommen zu lassen oder andere auszuschließen.

Beispielsweise die Angst vor dem Verlassen werden. Was weiß denn so ein Knirps im Kindergarten schon von Liebe, meint so mancher Erwachsene aufgrund des "mehr" an Erfahrungen und Erlebnissen. Kann man auch andersrum sehen: Als Kind hat man noch die Chance, unbefangen mit Gefühlen und Liebe umzugehen. Alles ist noch frisch. Immer mutig ran? Schüchtern ein kleines Geständnis der Zuneigung machen und kleine Aufmerksamkeiten? Oder diesen Schritt einfach überspringen und gleich von Liebe und Heirat sprechen? Mitunter kommt dieser Überfall - erstaunlicherweise - gar nicht gut an. Doch die harte Reaktion darauf auch nicht "keine Chance, Kleiner".

Ach, das ist doch nicht so schlimm - es sind doch Kinder. Wirklich? Keine Auswirkungen auf das spätere Leben? Vergeben und vergessen? Es kommt immer darauf an, in welchem Umfeld der Knirps aufwächst. Wenn er schon Angst hat, von seiner Familie vergessen zu werden, meistens allein durch den Ort streift auf der Suche nach Spielkameraden kann man sich leicht ausrechnen, was die Ablehnung von einem Mädchen bedeutet, in die er sich schon lange verguckt hat.

Und es geht dann in der Pubertät auch noch so weiter. Keine Aufmerksamkeit von Mädels, statt dessen die kalte Schulter, nur wenig freundliche oder zumindest humane Worte. Ja ja, Kinder sind fies, Jugendlichen auch. Und? Auf dieser Grundlage beginnen dann die Traumwelten und Fantasien zu erblühen. Ein Parallelleben entsteht, wo der Wunsch nach Liebe Wirklichkeit wird. Die Angst vor Ablehnung hat sich heimlich auch mit der Angst vor dem Verlassen werden verbrüdert. Warum denn sich auf Liebe einlassen, auf Beziehungen usw. wenn sowieso ales wieder auseinander geht - ob nun heute, morgen oder in ein paar Jahren?

Und diese Denke ist in den späteren Jahren des nunmehr jungen Mannes immer dabei, bei jedem Kennenlernen. Fällt die Reaktion der Mädels überraschenderweise freundlich aus, stellt ihn das vor große Rätsel "Was ist denn nun los? Die will mich doch testen? Um mich wieder fallen zu lassen? Na mal schaun was passiert? Und wenns nur für eine Nacht ist - na was soll ich schon mehr erwarten." Fällt die Reaktion wie gewohnt negativ aus ist der übliche Jammer wieder da "Ich habs doch gewusst. Sie hat nen Freund. Wenn ich schon mal über meinen Schatten springe und mutig bin... Was ist denn an mir so verkehrt? Ich muss wirklich ziemlich doof aussehen. Ich bin nun mal kein Schönling. Alle anders lautenden Komplimente - nur so aus Freundschaft dahingesagt, um nicht die Wahrheit zu sagen." Und so manifestiert sich im Kopf dieses Prinzip, dass sich nur schwer wieder rausbekommen lässt.

Ich habe mich nie gefragt, wie schwer es eigentlich für Mädels ist, sich auf einen Mann einzulassen. Naja, es ist halt diese einseitige Vorstellungswelt "Mann muss Frau erobern, man muss ja nett sein". Und Frau lässt sich umgarnen und dann irgendwann fallen. Sprich es braucht vieeel Zeit. Dass sich einige schneller fallen ließen, sogar mit den Gedanken so schnell im Bett waren, habe ich nicht kapiert "Will sie jetzt wirklich das, von dem ich denke, das sie es will. JETZT schon? Also keine Beziehung, Liebe oder sowas? Nein, Frauen wollen doch immer Beziehung - oder doch nicht?" Puh, das klingt schon beim Lesen kompliziert. Naja, es gibt wohl mehr Hürden als ich mir das vor ein paar Jahren zurecht gelegt habe "Sehen, anlächeln und einfach ineinander verlieben". Dass jeder sein Päckchen zu tragen hat war mir im Laufe der Zeit auch klar geworden. Doch irgendwie kam der letzte Gedanke beim Kennenlernen nie zum Tragen. Ich habe den Mädels zugehört und auch wieder nicht. Ich habe verstanden, aber zu wenig. Ich habe Fragen gestellt, doch die Antworten nicht begriffen und in ein Gesamtbild von der Frau konstruiert. Für mich genügte es ja, dass die Frau schön und nett war. Der Rest wäre schon nicht so wichtig, wenn man sich mag. Aber es genügte eben nicht. Ohne ausreichende Kenntnis der eigenen Person, ohne tatsächliches Kennen-Lernen der Frau und die Frage, ob beide durch ihre Eigenschaften zusammen passen, geht alles nur noch schief. Ich beginne das Kennenlernen im Bewusstsein, Verlassen zu werden und der Ratlosigkeit "was wäre wenn ... es doch ernst wird?"

Es ist mir schon klar, dass es viele gedankenlose Menschen wie mich gibt, die auch glauben, dass alles irgendwie geht. Ds ist natürlich meine Chance und gleichzeitig die Krux, wenn beide Seiten mit sich und der Vergangenheit nicht im Reinen sind. Das meiste sind Lippenbekenntnisse "habe alles aufgearbeitet", wenn wer blickt schon mit der klaren Fragestellung in seine Vergangenheit "was bin ich für ein Mensch und wie sind meine Beziehungen verlaufen?" Ich habe jedenfalls schon eine Menge Antworten gefunden, mehr als ich sehen will. Doch Wegschauen bringt nichts. Und so nähere ich mich nur langsam, halte den Ball flach, damit ich genug Zeit habe die Frauen kennenzulernen (meinen Verlassen werden Reflex im Zaum halte) und sie mich.

20.10.2016 09:41 • #75






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