Hologramm77
Gast
So langsam fallen die ersten Blätter. Nach dem hellen Grün im Frühling, dem tiefen Grün im Sommer wechseln sie nun in ein mildes Gelb zu einem rostigen Braun. Nach und nach verwandelt sich das Blätterkleid bei allen Laubbäumen. Doch davon gibts kein Wort im abendblichen Wetterbericht. Ich höre gar nicht mehr so genau hin. Zu oft hat sich die Vorhersage als Unsinn erwiesen. Auch stören mich die immer neuen Meldungen über Rekorde - Hitzerekorde, Niederschlagsrekorde, Unwetter "nur anno dazumal war das schon mal da"; "oh je, es wird heiß"; "oh weh, der Sommer geht zu ende, war gar nicht da, war zu kurz". Ja, die Klagen der Wetterfrösche können mir die Lust und die Freude an einer Jahreszeit schon vermiesen.
Ich habe nicht vergessen, dass auch der Herbst eine schöne Jahreszeit war und ist. Da sehe ich das goldgelbe Blätterkleid von Pappeln, die frostroten Blätter von Ahornen. Und ich erinnere mich - erinnere mich wie gern ich durch die Blätter auf Gehwegen oder im Park geschlurft bin. Ja, sogar hineinstürzen ging mit voller Lust. Im Laufwald bildete sich eine blättrige Bettdecke, die Pilzstümfe, Bucheckern und Baumwurzeln in den WInterschlaf schickte.
Und natürlich war es auch die Zeit der Herbststürme, was automatisch bedeutete "Drachensteigen". Sie stand für mich nicht in Verbindung mit Horrormeldungen "Stürm hat Dächer zerstört - Millionenschäden". Statt dessen kam nur der Gedanke "hm, ich müsste mal wieder meinen alten Drachen reaktivieren. Wo war der nochmal". Und dann begann die Suche, Suche und Suche. Etwas später folgte die Erkenntnis, dass der Drache doch irgendwie kaputt war. Also hieß das aus einem A4-Blatt selbst einen basteln, aus einer Zeitung eine Bastelvorlage nutzen oder halt - ganz langweilig - irgendwo einen kaufen.
Mit dem A4-Drachen an einer ollen *beep* rannte ich wie soviele andere Kinder auch über den Schulhof, damit der irgendwie hoch kam. Der einzige Erfolg blieben neben einer flachen Flugbahn mit krummen Kurven vor allem viel Lauferei und erste Schweißperlen. Auch die Bastel-Drachen aus der Zeitung kamen nicht wirklich hoch. Spaß hats trotzdem gemacht.
Natürlich wollte ich auch den schönsten Drachen haben, der am höchsten stieg - höher und höher. Ab wann ist es eigentlich ein Eingriff in den Flugverkehr? Die Frage stellte sich beim gekauften Drachen. Mit Kumpels ging ich aufs Feld. Und dann ging die Rennerei wieder los. Einer warf den Drachen zuvor hoch in die Luft. Einige Mal hielten ihn starke Brisen hoch in der Luft. Doch kaum flaute es ab, stürzte er krachend auf den Boden. Was für eine Gaudi. Nein, wir brauchten keine Rekorde. Es ging auch so irgendwie.
Natürlich ist das alles lange her. Doch diese Erinnerungen lassen mich noch heute den Herbst genießen. Ich erfreue mich heimlich am Farbenspiel der Baume, sehe mir an wie bei den Leuten die Klamotten immer dicker werden oder der Wind mit den langen Haaren der Frauen spielt. Mindestens einmal schlurfe ich ganz absichtlich durch die Blätter auf den Gehwegen. Aber die Drachen sind weniger geworden...