Hologramm77
Gast
Wo ist die Zeit nur hin? Die ganze Aufregung und die Freude auf den Sportunterricht. Immer wurden erleichtert die Schweißperlen vom Mathe- oder Deutschunterricht abgewischt "puh überstanden, ein Glück - jetzt ist Sport".
In Zweierreihe stellten wir uns im Hof hinter dem alten Schulgebäude auf, den Schulranzen auf dem Rücken, die Sporttasche hing seitlich herab. Hatte eher was von ner Schlepperkolonne als von Kindern auf dem Weg zum Sportunterreicht. Und so tapsten wir Händchenhaltend zur großen Sporthalle. über die Straße rüber, an den Gehöften der Bauern vorbei zur Halle. Dort trennten sich Jungs und Mädchen, warteten vor den kleinen Eingangstüren. Als die Sportlehrer sie öffneten, strömten wir flugs hinein. Damals wirkten die Räume groß, heute muss ich geduckt da durchgehen.
Dann ließen uns die Lehrer in die Halle mit dem schöbigen Holzparkett. Die Linien waren schon verblichen. Aus dem Raum der Sportlehrer strömte grelles Licht heraus. Ich war neugierig, aber sah doch nicht hinein. Statt dessen stellte ich mich mit den anderen in einer Reihe auf, der Größe nach. Und ich war der fünftgrößte. Also war ich ja doch groß. So! Ha Ha! Gespannt folgten wir den Worten der Sportlehrer, welches Programm anstand. Da nervten die ständig surrenden Deckenstrahler, die auch viel zu grelles Licht abgaben. Aber egal, erstmal gings los mit Warmlaufen im Kreis, um die Hocker. Die Schnelleren wollten die Langsamen überholen, durften aber nicht. Und ich war ja einer der Schnellen. Dann gabs die Runden mit dem Konditionstraining: Bankhüpfen, Dreierhopp, Klimmzüge, Hockstrecksprünge. Natürlich gab ich mein Bestes, wollte ja nicht zu den schlechten, unsportlichen gehören. Als die Sportstunde dann vorbei war, wir uns umgezogen hatten, empfing uns draußen frische Luft. Sie trocknete den Schweiß und befreite die Lunge von der staubigen Mottenluft in der Halle. Wir haben auch mal "wer hat Angst vor dem Schwarzen Mann" gespielt. Ein Fangspiel. Den Sinn verstanden hat vermutlich keiner von uns.
Später änderte sich die Freude und Aufregung vor der neuen Halle. Nur die Erleichtung durch die Befreiung von den anderen Fächern "Ein Glück, jetzt ist Sport" blieb. Freiwillig stellten wir uns in Zweierreihe auf bis uns der Sportlehrer heranpfiff. Und wieder dackelte die beladene Horde zur Halle, wieder trennten sich die Wege von Jungs und Mädchen an den Umkleideräumen. Ich beneidete die Mädchen etwas, da ihre Umkleide näher lag. Wir Jungs zogen uns schnell um, damit der Sportunterricht schnell beginnen kann. Drinnen folgte das übliche Prozedere: In einer Linie nach der Größe aufstellen und warm laufen. Dann folgten manchmal die Leistungskontrollen. "Leistungskontrolle" war geradezu ein martialischer Begriff, den es irgendwie zu überleben galt - am liebsten mit ner 2 oder 1. Besonders Hochsprung bot Nervenkitzel. Die Querstange wirkte wie ein gefährlicher Feind, der einen nur mit dem Überspringen am Leben ließ. Ich glaube dass ich es immer nur auf eine 2 oder 3 schaffte. Wie ein kleiner, angestrengter Sack nahm ich alle Mut und Kraft zusammen, um dann über die Stange hinweg und in die Matte hineinzuplumpsen. Naja, ich wollte auch vor den Mädels nicht unsportlich dastehen. Dreierhopp und Bockspringen konnte ich gut, bei den Klimmzügen strampelte ich mich mit den Beinen nach oben und schaffte ganze 4 oder 5, der Barren war doch was für Mädchen und das Reck? Naja, ich kam irgendwie hoch und rum. In den letzten Jahren tauchte ein Cola-Automat auf. Schon beim Anblick vor der Sportstunde wurde ich ganz durstig. Außerdem fand ich das Rumpeln der Büchsen aufregend - als wenn ich nicht wüßte, was ich gerade gewählt habe und was unten rauskommt.
Und so vergingen die Jahre, ich schaffte es manchmal sogar auf eine 1 im Sport. Draußen lief ich die 60 und 100 m und hatte in der Mitte beider Strecken das Gefühl, vom Boden abzuheben. Naja ich war auch ein Leichtgewicht. Fürchterlich waren die 1 Km-Läufe. Zu Beginn startete ein Wolfsrudel, am Ende trafen wir wie schwerfällige Regentropfen im Ziel ein. Und die Sonne gab uns oftmals den Rest. Dieses Rudel der 14 bis 16 jährigen fühlte sich jedoch nicht so an. Doch ein paar Jahre zurück war ich es, der so ein Rudel respektvoll und fast ängstlich als die "Großen" bezeichnet hatte. Kein Gedanke daran, dass dieses Rudel bald getrennte Wege gehen würden; nicht mehr zur Schule gehen; dass die Mädels und Jungs bald im Bett landen würden; dass einige heiraten und Kinder kriegen; dass mancher frühzeitig stirbt, anderen die Haare ausfallen, einige Mädels vergewaltigt werden und schließlich sie alle mit dem Schulwissen Geld verdienen müssen, statt nur zu lernen. Wer hätte in diesen unschuldigen Jahren an die Schicksale von morgen gedacht?
Ich bedanke mich für die Kindheit und die Schule, auch wenn sie nicht immer leicht war.