Getrennte Schönheit
Warum habe ich sie eigentlich gehen lassen? Warum habe ich sie nicht nach der Telefonnummer gefragt? Warum habe ich sie nicht nach einem Date gefragt? Warum habe ich nur gestammelt? Warum habe ich meine durchdrehenden Gefühle und Gedanken nicht wenigstens in ein paar doofe Worte fassen können, so dass wenigstens der Kontakt erhalten bleibt? Warum habe ich soviel Angst vor Liebe vor allem körperlicher Natur? Es war einer dieser verschenkten Momente. Noch heute erinnere ich mich an sie und frage mich "was wäre wenn...?" Natürlich bin ich mir schon auf die Spur gekommen, es ist ein schweres Erbe, das ich zu tragen habe. Doch das wußte ich damals nicht. Damals dachte ich, ich wäre wie alle anderen, vielleicht nicht ganz so attraktiv. Aber ich machte mir natürlich auch Hoffnungen, dass ich einer gefallen würde.
Und so holten mich meine Kumpels an einem Samstag abend ab. Die Dunkelheit bedeckte die ganze Welt draußen. Nur die Straßenlaternen zeigte kurze Ausschnitte der Straße und vom Bürgersteig. In dem kleinen Auto hangelten wir uns von Lichtkegel zu Lichtkegel innerhalb der Orte vorwärts. Außerhalb der Ortschaften plärrte das Radio und das erleuchtete Armaturenbrett spendete etwas Licht. Auch mit kleinen Witzen durchbrachen wir die Dunkelheit. Natürlich rechneten wir uns vor, wer wohl die erste abschleppen würde. Innerlich dachte ich aber schon, dass dafür eigentlich keiner von uns in Frage kam. Naja, wenigstens nicht allein.
Als wir uns der Disco näherten, stieg dann aber doch die Aufregung - zumindest bei mir. Warum, weiß ich nicht, wenn doch alles sowieso von vornherein ausschichtslos war. Und dann sah ich den großen Parkplatz. Zahlreich Laternen warfen Licht über den gesamten Bereich. Dabei kamen dann schon die ersten gut Mädels ins Blickfeld: knappe, enge Minis, ebenso enganliegende Oberteile, die die Brustkonturen betonten und dann noch diese wunderbaren, langen, geschmeidigen Haare. Meine Errgung klingelte jetzt schon Alarm. Dabei war noch kein Wort gewechselt. Und die Mädels wußten nicht einmal, dass es mich gab. Auch meine Kumpels registierten das "leckere Angebot" und freuten sich plötzlich. Die Kommentare wurden etwas frecher - aber auch nur hier im Auto solang wir außer Hörweite der Mädels waren. Schon beim Schreiben muss ich gerade denken "Freak". Warum habe ich diese Sprüche denn nie vor den Mädels gebracht?
Statt dessen strömen wir allen anderen hinterher zum Eingang. Natürlich schaue ich mir dort bei den Wartenden die Mädels mal etwas genauer an. Ja, ein paar sind wirklich hübsch, gut - hm, ja, vielleicht auch schön. So verbringe ich die Zeit mit heimlichem Gaffen, während sich meine Kumpels unterhalten. Eine Treppe höher sehen sogar der Mädels in der Garderobe gut aus und ich frage mich, warum ich denn noch in die Disco gehen will. Ich könnte doch hierbleiben und alles gleich klarmachen "Hallo, ich bin... ein netter Witz ... deine Telefonnummer." Ein Witz ... nur was für einer? Und schon rotieren meine grauen Zellen, was am besten passen würde. Natürlich sind meine Gedanken so durch den Wind, dass da nix bei rauskommt. Und genau damit wäre dann meine Verfassung für den Discobesuch erreicht. Schauen, überlegen und letztlich nix sagen können.
Wir gehen rein und freuen uns, dass viele Leute da sind. Die Barraum in der Mitte ist schon voll belegt, auch mit einigen süßen Käfern. Aber die Jungs wollen gleich in den Partyraum rechts. Da drängt sich schon alles rund um den Tresen, die kleinen Tische am Gang und natürlich um die Tanzfläche. Spöttisch denke ich, wieso die Kerle da nur rumstehen und B. saufen. Die müssen doch tanzen "das macht man so"! Die wollen ja nur gaffen. Dass ich letztlich nichts anderes machen würde als die, ist mir nicht klar. Naja, wenigstens tue ich ab und zu so als wollte ich tanzen und mache mit. Aber ehrlich gesagt, komme ich mir doch doof vor, bei dem, was ich da auf der Tanzfläche mache. Naja vielleicht mal eine Antanzen? Aber die meisten konzentrieren ihre Blicke nur auf ihre Tanzpartner oder ihre Grüppchen. Also bin ich uninteressant. Und je mehr ich das so beobachte, desto verhaltener werde ich, desto weniger gehe ich auf die Tanzfläche. Meine Kumpels sind klüger und bleiben gleich am Tisch beim B..
Bevor ich aufgebe, deuten meine Freunde auf den anderen Partyraum. Sie wollen rübergehen "mal schauen, was da so läuft". Ich folge ihnen, immer mit dem Blick nach den heißen Mädels - und den neidischen, traurigen Blick auf die jungen Männer daneben "na die Mädels haben ihr Date für die Nacht gefunden".
Zum zweiten Partyraum hin verringern sich die Lichter. Die Tische um die Tanzfläche stehen nahezu in Dunkelheit und zehren von der Helligkeit auf den Tanzparkett und den Tresen mit etwas mehr Abstand. Auch hier verfolge ich verhalten das Treiben. Da tuscheln zwei Mädels, dort hört ein anderes mit aufmerksamen Lächeln dem Flüstern eines Mannes zu. Was er ihr wohl sagt? Wie kann man eigentlich in der Disco sowas versuchen? Macht man da nicht seine Stimmbänder kaputt? Was versteht sie wohl überhaupt? Warum gehen die nicht gleich in einen Nebenraum? In meinem Kopf spielen die Fragen mal wieder Flipper. Und doch stehe ich einfach nur so da, am Tisch und halte mich an meinem Glas Ginger Ale fest.
Plötzlich fällt mir unten an der Tanzfläche eine großgewachsene Blondine auf. Sie steht auch ruhig da, redet ab und zu mit ihrer ?Freundin? und mit ihrem Freund, Typen oder was weiß ich. Sie trägt ein weites Jeans-Hemd, eigentlich ungewöhnlich für eine Frau. Und ab diesem Moment bleiben meine Augen und Gedanken bei ihr. "Ich hätte gern so eine Freundin" wage ich nicht mal wirklich zu denken.
Einige Zeit später stehen die beiden am Tisch nebenan. Der Typ ist weg. Doch ne Chance für mich? Jetzt kreisen bei mir schon soviele Gedanken und schließlich wird der Druck zu groß: Ich spreche sie an "Hallo!" Sie grüßt mich auch. Daraus entwickelt sich eine relativ gestammelte Konversation, auch von ihrer Seite. Doch sie spricht wenigstens mit mir und dreht sich nicht ab - was ich eigentlich erwartet hatte. Für einen kurzen Moment merke ich, dass bei ihr ein sehr eigenartiger Augenausdruck aufgetaucht ist. Sie blickt mich mit großen Augen, leicht von unten nach oben an. Als wenn sie mir etwas sagen wollte, was sie nicht ausspricht. Mir stockt der Atem, ich werde nervös, fast panisch - was jetzt? Die will doch nicht etwa mit mir schlafen? Nein, die doch nicht. Dafür ist sie viel zu schön. ....................................
Und hier kommt der Bruch, wo ich nicht weitermache - weil ich nicht weiß, wie es ab hier weitergeht. Gefühle und Denken sind völlig durcheinander,
Ein paar Momente später ist sie weg, bin ich woanders. Noch immer überlege ich, was ich tun soll. Ich will sie ja, aber kann sie wirklich mich wollen? Mich, der so unauffällig ist. Es scheint mir so undenkbar.
Wieder etwas später sehen wir uns am Ausgang. Sie geht mit ihrer Freundin, ich gehe mit meinen Kumpels. Innerlich bin ich fix und fertig und fast froh als wir auf dem Heimweg sind. Doch mit jedem Meter, das sich das Auto auf der Straße voranschiebt - das Gebäude fällt aus dem Blickfeld, der Parkplatz verschwindet, die Dunkelheit hüllt uns ein, die fast leere Hauptstraße - wächst in mir die Verzweiflung, dass ich da gerade eine wunderschöne Frau habe gehen lassen. Einfach so.
Die Gedanken verfolgen mich durch den Schlaf und den nächsten Tag - tage-, wochen-, monate-, jahrelang. Zwar habe ich sie noch einmal in einer anderen Disco gesehen und kurz gesprochen. Doch auch dort habe ich meine Lippen nicht auseinanderbekommen, ihr nie gesagt, was ich gefühlt und gedacht habe. Ich wollte halt von ihr nicht zurückgewiesen werden. Das habe ich gefürchtet. Doch die Wahrheit ist auch: Ich habe eine Vorstellung von der Zurückweisung gehabt, aber ich habe keine Vorstellung von der Welt gehabt, in der mein heimlichster Wunsch in Erfüllung geht und sie sich in mich verliebt hat und mit mir zusammensein will. Von einer köperlichen, intimen Liebe ist da noch weniger eine Vorstellung da gewesen.
Doch was soll das ganze Gejammere jetzt? Naja, heute kenne ich die Antworten, warum ich blockiert habe, warum ich bei jeder schönen Frau blockiert habe. Die Antworten sind bitter und vielschichtig. Ein Teil davon ist, dass ich in den 20er Jahren, der Blüte des Lebens und jugendlicher Schönheit nie die Liebe erlebt haben werde. Statt dessen muss ich mich mit Durchhängeparolen durchs Leben schlängeln "im Alter wird alles besser, man wird gelassener, des Bettgehüpfe besser" usw. Ich weiß genau, von welcher Stellschraube ich mich in meinem Leben trennen muss, damit ich lieben kann. Aber ich weiß auch genau, wie weit verzweigt diese Schraube angelegt ist. Und so ist das sich Klarmachen, einer der kleinen Schritte in die richtige Richtung. Mal sehen, wann sich das in eine Initiative umschlägt.