Hologramm77
Gast
Es ist ein Ritual: Auf dem Heimweg vom Sport steige ich am Wochenende gern an der langen Bushaltestelle aus. Doch hier führt mich der Weg nicht gleich weiter zum Bahnhof. So eilig habe ich es nicht. Statt dessen gehe ich in die Gegenrichtung und hole mir noch einen schönen, warmen Kaffee ... mit MIlch und einem Löffelchen drin. Die Damen am Stand lächeln schon, wenn sie mich sehen und lenken schon halb ihre Schritte zur Kaffeemaschiene. Und wieder freue ich mich drüber. Doch an diesem Wochenende lenke ich meine Schritt nun auch nicht mit Kaffee zum Bahnhof. Hinter der Bude stehen viele kleine Stände eines Weihnachtsmarktes. Und die Leute stehen oder schieben sich langsam vorwärts.
Hm, ich war dies Jahr noch nicht auf dem Weihnachtsmarkt, warum also nicht heute? Die Luft ist mild und klar. auf dem Markt gibt es kein Geschrei oder jaulende Fahrattraktionen. Es wirkt alles friedlich. Weihnachtliches Grün mit kleinen Lichterketten schmücken viele Stände. Ja, hier mache ich gern ein paar Schritte lang. Und diesmal für meine Verhältnisse wirklich langsam - und entspannt. Heute muss ich keinen überholen. Nicht mal schnell wohin und an jemand vorbei. Schon erstaunlich, was so alles zu sehen ist mit ein paar langsamen Schritten. Der Kaffee wärmt unterdessen meine Hände und schwankt geduldig mit.
Am Quarkkeulchen-Stand steht sich die Flitzpiepe hinter dem Tresen gerade die Füße platt. Alle Leute strömen eher zu den Steaks und Bratwürstchen daneben. Bald dringt ein "lecker, lecker, lecker" an mein Ohr. Ah, mal wieder so ein Kastanien-Verkäufer. Können die nicht mal ein bisschen kreativer sein? Überall blöken sie dasselbe. Und mir kommt mal wieder so ein Claim in den Kopf "Lecker, lecker, lecker - ich bin der Kastanien-Checker". Ein Glück, dass gerade niemand in meinen Kopf schauen kann. Aber da sieht es wenigsten lustig aus. Und schon muss ich Schmunzeln. na worüber auch sonst? Vor mir läuft mal wieder eine orientierungslose Tratschtruppe mit übelster Berliner Schnauze. Einer läuft voran, bleibt aber dauernd stehen und wendet sich mit völlig blödsinnigen Fragen zur Gruppe um. Die grunzt irgendwas ratlos zurück, bleiben halb stehen oder laufen seitwärts. Ich registriere das kurz und schon bin ich vorbei geschlichen. Puh, ein Glück, an denen vorbeizukommen dürfte sonst nur noch schwieriger werden.
Hm, sind eigentlich hübsche Frauen hier? Kurzer Blick, kopfschütteln, abhaken. Na, was solln sie auch hier? Außerdem lenken die mich nur vom Kaffee ab. Es ist eine gemütliche Gesellschaft. Hier gehts mal nicht um gutes Aussehen, sondern einfach die Zeit entspannt genießen; quatschen wie einem das Maul gewachsen ist. Gott sei Dank. Hier fühle ich mich wohl und trabe gemütlich weiter. Die große Kirche steht ebenfalls nur schweigend da. Oft dachte ich früher an die wilden Knutschereien im Schatten des Krichturmes. Doch das spielt heute keine Rolle mehr.
Auf dem Rückweg komme ich nochmal an all den typischen Gesichtern vorbei, die ich schon auf dem Hinweg gesehen habe. Auch die Frauen mit dickem Kopf, breiter Nase und Hintern sind wieder mit dabei. Und sie schieben sich fröhlich einen der Kandisäpfel mit Vanilleüberzug in die Futterluke. Hach, ist das schön, dass sie sich keine Gedanken um die Figur machen. Komischerweise habe ich heute nicht mal Lust auf ein paar Quarkkeulchen. Die Eindrücke geben mir schon genug. Mit Begleitung würde ich solche Vorgänge nicht wahrnehmen. Doch mit Begleitung gibt es gemeinsame Erlebnisse. Doch wie üblich dränge ich diese Erkenntnis an die Seite, noch bevor sie wirklich in mein Hirn kommt. Und im Moment will ich das Geschehen vor meinen Augen einfach nur ungestört aufsaugen. Denn kaum verlasse ich den Weihnachtsmarkt gibt es das nicht mehr. Ab jetzt gilt wieder bei grün zügig über die Straße und den lahmen Enten ausweichen. Zufrieden und gemütlich auf dem Weihnachtsmarkt war eben, nun gehts gradlinig zum Bahnhof, Zug und nachhause.