Hallo ihr,
einerseits ist es eine interessante Erfahrung zu lesen/ sehen, was Menschen über die Beziehung zu Borderlinern schreiben, denken und fühlen, andererseits bin ich total schockiert über die Worte, die hier teilweise gewählt werden. Abwertungen für wirklich bedauernswert kranke Menschen. Ich wollte anfangen zu zitieren, aber die Beiträge, die ich in ihren Facetten in Erinnerung behalten musste, wurden immer mehr, so dass ich es aufgegeben habe und nun niemanden direkt ansprechen möchte. Ich denke, dass sich jeder an die eigene Nase fassen kann.
Es tut mir sehr leid, wenn es Menschen gibt, die sich durch eine Beziehung mit einem Borderline "zerstört" oder "ausgebrannt" fühlen - allerdings kommt das auch in Beziehungen mit "gesunden" Menschen vor.
Was mir weh tut ist, dass ein Mensch mit einer Krankheit hier als böses Monster und teilweise als Sache dargestellt wird.
Ich selbst bin Borderlinerin und habe gelernt einigermaßen gut damit zu leben, da es früher kaum Therapiemöglichkeiten gab und auch heute im Rahmen einer Therapie darauf abgezielt wird das Leben verständlicher oder erträglicher zu machen. Und ja, ich habe schon lange harmonische Beziehungen geführt; aber es gab auch krasse Fails.
Ich glaube, dass ein Zusammenleben mit einem selbstreflektierten Boderliner in einer emotional stabilen Beziehung möglich ist. Selbstreflexion ist aber nicht nur für manche Borderliner, sondern auch für viele andere Menschen, ein Fremdwort. Und wenn diese Eigenschaft nicht ansatzweise vorhanden ist, ist jegliches menschliche Miteinander schier unerträglich.
Ich breche hier keinesfalls eine Lanze für eure Expartner!
Nur werden die Betroffenen (Borderliner) leider oft extrem negativ dargestellt, was auch zu immensen Vorurteilen führt und uns das Leben und die Liebe auch nicht unbedingt erleichtert.
Mein Partner muss, damit die Beziehung funktioniert, keine Bücher lesen zum Umgang mit Borderlinern. Er muss nichtmal unbedingt verstehen, was in mir vorgeht. Es bedarf lediglich eines gewissen Grundmaßes an Empathie und emotionaler Stabilität. Und ich finde, dass man das in jeder Beziehung erwarten darf.
Der Borderliner zerstört eine Beziehung weder aus Boshaftigkeit noch aus Langeweile oder dergleichen. Er tut es aus dieser erstickenden Angst heraus verlassen oder enttäuscht zu werden und somit macht er es "lieber" selbst kaputt bevor es ein anderer tut, weil er diesen Schmerz in seinem Ansatz bereits spürt und nicht ertragen kann. Er traut vielleicht auch der Ruhe/ dem Frieden/ dem Glück nicht über den Weg, weil er vernarbt ist, weil er verkorkst ist. Viele Menschen ohne diese Diagnose haben ganz ähnliche Probleme, wenn sie sehr verletzt oder enttäuscht wurden. Der Unterschied mag darin liegen, dass sie besser damit umgehen können und es nicht zu solchen "Anfällen" kommt. Aber das ist keine Absicht, sondern in der Tat ein wirklich bemitleidenswerter Zustand. Ihr könnt euch vermutlich nicht vorstellen, wie es sich anfühlt. Der Auslöser mag von Betroffenen zu Betroffenen unterschiedlich sein. Auch die Auswirkungen, aber ich versuche euch zu erklären wie es sich anfühlen kann.
Binnen Sekunden stürzt der ganze Schmerz, den man jemals in seinem Leben empfunden hat über einen ein und nimmt die Luft zum Atmen. Hattet ihr schonmal einen plötzlichen Schock und musstet nach Luft japsen? Der Puls schnellt in die Höhe, Herzrasen, Schwindel, die Gedanken überschlagen sich, vielleicht muss man sich übergeben vor Übelkeit. Da machen sich so starke körperliche Symptome bemerkbar, dass es schwer oder nahezu unmöglich ist einen klaren Gedanken zu fassen, selbst wenn man wollte. Es entsteht eine ganz eigene Wahrheit, die in ihrer Grausamkeit die einzig logische Konsequenz aus dem Gedankenkarussell spiegelt.
Stellt euch vor zwei Holzbretter werden, wie beim Bodenverlegen, mit höchster Kraft permanent aneinander gedrückt bis sie kurz vor dem Zerbersten sind. Dieser Druck, diese Anspannung. damit leben diese Menschen vielleicht 24/7. Alleine, wenn ich darüber schreibe liegt mir ein Fels auf der Brust, der mich kaum atmen lässt.
Irgendwann halten sie dem Druck nicht mehr Stand und es eskaliert auf die verschiedensten Arten und Weisen. Selbstverletzung zum Druckabbau, Alk., Sex, rasantes Autofahren, was weiss ich. Bei mir persönlich waren es früher das Ritzen, Alk. und Tabletten - heute kommt es noch vor, dass ich ein paar Gläser Wein zur Entspannung trinke - wie viele andere Menschen auch.
Ich kann euch sagen, dass man es hinbekommen kann damit zu leben. Auch wenn es kein leichtes Leben ist und man oft den Mut verliert - aber welches Leben ist das schon. Jeder hat sein Päckchen zu tragen.
Ich habe das Gefühl, dass es bei mir über die letzten 17 Jahre stetig besser geworden ist. Es gibt aber ganz klare Trigger, die per Fingerschnipp Sodom und Gomorra in mir auslösen. Auf Platz eins stehen hierbei instabile emotionale Beziehungen. Ich habe daher jedem meiner Exfreunde von Anfang an gesagt, dass ich weder Berg- und Talfahrten unserer Liebe noch irgendwelcher Spielchen standhalten kann. Ich muss der Fairness halber sagen, dass das mit einem gesunden Mittelmaß an Gefühlen super funktioniert hat. Momentan habe ich mich erstmals auf einen Mann eingelassen, in den ich aufrichtig verliebt bin wie noch nie in meinem Leben und diese Gefühlsintensität löst riesengroße Ängste aus, die nur sehr schwer zu kontrollieren sind. Aber ich lerne gerade meine wahren Gefühle oder Gedanken zu kommunizieren oder auch mal für mich zu behalten und nicht jedem Impuls irrationalem Verhaltens nachgehen zu müssen.
Als Beispiel für euch: ich saß an einem Freitag abend in der Badewanne und ich hatte Sehnsucht nach meinem Typen. Das behielt ich für mich. Was habe ich getan? Ich habe unsere Verabredung für den Folgetag abgesagt. In gewisser Hinsicht ist das auch eine Form von selbstverletzendem Verhalten. Aber es betraf ihn ja leider auch. Also habe ich ihm ebenfalls weh getan. Und ich möchte einem Menschen, den ich liebe, auf keinen Fall weh tun. Ich habe mir das bewusst gemacht und kürzlich, als mich die Sehnsucht in ähnlichem Ausmaß packte. da habe ich ihm geschrieben, dass er mir fehlt. Und er war total positiv überrascht und sagte mir, dass auch ich ihm fehle. Da ist in meinem Kopf auch wieder ein Knoten geplatzt und ich habe mich selbst gefragt, warum ich jemals einen anderen Weg, und vor allem einen der gar nicht zum Ziel, sondern direkt zurück auf Los und noch weiter zurück führte, gewählt hatte. Aber dafür, wie gesagt, muss man auch reflektieren können und an sich arbeiten wollen. So wie das jeder Mensch tun muss/ sollte.
Ich sage immer: "Wer denkt etwas zu sein hat aufgehört etwas zu werden"
Und ich will euch nur sagen, dass es für den Borderliner zutreffen mag, dass er alles schwarz-weiss sieht, aber ihr solltet vielleicht auch ein paar Nuancen zulassen

Ich glaube nicht, dass ich die einzige Borderlinerin bin, die sich ausgiebig mit sich und ihrer Krankheit beschäftigt hat, selbstreflektiert und imstande ist vernünftig - auch in einer Beziehung - zu leben. Fehler hat jeder. Ich kann vielleicht manchmal meine Impulse noch nicht zu 100 Prozent kontrollieren. Andere Menschen betrügen oder lügen, haben eine Grammatikschwäche, sind aggressiv oder gar cholerisch, hysterisch, weisen einen Mangel an empathischen Fähigkeiten auf, sind egoistisch usw.
Die Summe der Ar***löcher unter uns verteilt sich nicht nur auf die "gesunden" Menschen; die Borderliner sind da nicht außen vor.
Ich glaube, dass die verletzten Gefühle, die schlussendlich Ausschlag gegeben haben für den einen oder anderen Post hier, ursächlich sind für die verletzenden Worte, die ich hier gelesen habe. Aber meint ihr es sei richtig, wenn ich aufgrund einer einzigen schlechten Erfahrung einen Thread eröffnen würde getreu dem Motto "Alle Männer sind sch***!" ?
Ich hoffe für euch alle natürlich trotzdem, dass ihr lernt mit dem Erlebten zu leben, regeneriert und eine große Liebe mit einem empathischen, selbstreflektierten Menschen findet.