Dank des 3er-Gesprächs mit der Coachin gestern abend sehe ich nun viel klarer für mich. Ich hatte meiner Frau freigestellt, ob sie mitkommen wollte. Sie wollte auch unbedingt dabei sein. Zum einen ging es ihr darum, besser zu verstehen, warum ich (ihrer Meinung nach) so irrational blockiere. Zum anderen war sie wohl überzeugt, dass mir die Coachin klar machen würde, dass eine solche Reise in einem Poly-Konstrukt etwas völlig alltägliches sei.
Naja, Ergebnis war, dass meine Frau dem Schreiner (wahrscheinlich) absagen wird und sie mich gestern abend aus lauter schlechtem Gewissen wie ein rohes Ei behandelt hat. Irgendwann musste ich ihr sagen, dass es jetzt mal gut sei und ich überhaupt nicht sauer auf sie bin.
Danke an euch, vor allem an @moose5 und @E-Claire , die (fast) auf der richtigen Fährte waren. Nachdem ich meine Bauchschmerzen geschildert hatte und die Coachin ein bisschen bei mir und meiner Frau rumgebohrt har, war der Grund meiner Bauchschmerzen eigentlich klar. Im Grunde wusste ich es bereits, konnte es nur noch nicht richtig fassen und so artikulieren, wie sie es dann tat.
Das Grundproblem an der von meiner Frau angedachten Konstellation der Reise ist, dass der Schreiner in meinen Safe Space eindringt. Die akademische Welt ist mein Rückzugsort und sicherer Hafen. Wann immer ich mich durch unsere Beziehungskonstellation oder den Schreiner bedroht fühle, ziehe ich mich dorthin zurück und hole mir darüber meiner Sicherheit. Es ist ein Platz, in dem er nicht existiert. Nicht mal eine Daseinsberechtigung hat. Etwas, das nur mir und meiner Frau offen steht. Eine Kraftquelle, ein Ort der Sicherheit und Geborgenheit. Mein Home, mein Castle. Sie verglich es mit dem Ehebett in einer monogamen Beziehung, in dem sich ein Dritter wälzen soll. Oder einem Haus, in das eingebrochen wurde.
Und sie setzte noch einen drauf. Für mich hätte die Uni-Welt ihrer Meinung nach vielleicht einen noch höheren Stellenwert. Es wäre nach unserer Schilderung nämlich nicht nur mein Safe Space, sondern die universitäre Umgebung würde bei mir mehr alles andere sinnbildlich für unsere Beziehung stehen. Ich würde damit unsere gesamte Beziehung identifizieren. Wir haben uns dort kennen und lieben gelernt, wir haben dort so eng zusammengearbeitet, wie noch nie. Wir hatten dort die glücklichsten Stunden unseres Lebens, wir waren dort jung, wir sind dort erwachsen geworden, wir haben wahrscheinlich sogar unseren ältesten Sohn dort gezeugt. Die Uni ist für mich die Daseinsberechtigung unserer Paarbeziehung und unserer Familie.
Und meine Frau hat zugelassen, dass der Schreiner dort eindringt, mir meinen Safe Space raubt und die irrational überhöhte Bedeutung des universitären Umfeld befleckt. Sie verglich das ziemlich krass mit Sp...flecken auf dem Laken des Ehebetts.
Mein Frau wurde gegen Ende übrigens immer bleicher. Ihr ging das richtig nahe. Uns war dann auch klar, warum meine Frau kein Problem damit hatte, dass ich mit der Managerin des Zulieferers das halbe Jahr die Betten durchwühlt habe. Meiner Frau geht es bei dem Tabu Firma/Uni nur um Diskretion, aber darüber hinaus hat meine Firma keine Relevanz für sie. Unsere beiden Tabus sind also von völlig unterschiedlichem Gewicht.
Die Coachin hat meiner Frau dann ziemlich eindringlich nahegelegt, dass in einer polyamoren Beziehung Achtsamkeit gegenüber allen Partnern von überragender Wichtigkeit wäre. Ein solches Konstrukt kann langfristig nur gelingen, wenn die polyamore Person peinlich genau darauf achtet, dass ihre Partner gehegt und gepflegt werden. So verquer es für nicht polyamor lebende Menschen klänge, aber in der Realität ist nicht die polyamore Person die nehmende Person in solch einer Beziehung, sondern die Gebende. Polyamorie bedeutet für den Mittelpunkt des Dreiecks, die Partner in den Mittelpunkt zu rücken und nicht die eigenen Bedürfnisse. Und für die Endpunkte bedeutet es, die eigenen Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu rücken und nicht den Mittelpunkt doppelt zu betütteln. Nach Meinung der Coachin wäre dieses Rollenverständnis bei uns noch etwas verschoben. Meine Frau würde eher wie ein Endpunkt handeln, ich wie der Mittelpunkt. Das wäre auf lange Sicht gefährlich, aber da wir erst am Anfang unserer Beziehungsreise stehen würden, sieht sie kein grundlegendes Problem. Wir hätten in ihren Augen eine gute Gesprächs- und Konfliktstruktur und würden Probleme nicht totschweigen oder unter den Tisch kehren.
Sie riet uns, nicht direkt über die Reise zu entscheiden, sondern das Gespräch erst mal sacken und wirken zu lassen. Der Wunsch des Schreiners und der Plan meiner Frau hätten erst einmal gleichberechtigten Anspruch zu meinen Bedenken. Das Problem entstünde erst durch die Bedrohung des Safe Space und des Identifikationspunkt als Paar. Es ist uns jeweils überlassen, wo wir die Grenze unserer Safe Spaces ziehen. Diese Grenzen sind nicht fest betoniert, sondern unterliegen einem steten Wandel. Aber einen Safe Space muss es geben und der muss respektiert und von beiden geschützt sein.
Wir sind dann gestern abend so verblieben, dass wir am Wochenende gemeinsam entscheiden. Meine Frau war das sprichwörtliche Häufchen Elend gestern abend und hat sich Vorwürfe gemacht, dass sie nicht erkannt hat, was sie mir mit der Reise antun würde. So ein bisschen skurril war es schon, dass ich sie getröstet habe, aber es tat richtig gut ihren Kopf an meiner Schulter und Brust zu spüren und ihr zu zeigen, dass ich ihr Fels in der Brandung bin, selbst in Situationen, wo ich selbst mitten im Sturm stehe. Das war echt schön.... zu spüren, wie sehr sie mich doch liebt und mich nicht verletzen will.
Wie wir es mit der Reise handhaben werden, weiß ich im Augenblick nicht. Meine Frau tendiert sehr klar dazu, dem Schreiner eine Abfuhr zu erteilen. Ich bin mir nicht sicher, ob das der wirklich beste Weg ist. Jetzt, wo ich meine Bedenken greifen kann, haben sie viel von ihrer Bedrohung verloren.