Ich komme mal mit einer evtl. unpopulären These um die Ecke. Ich bin selbst nicht 100% davon überzeugt, aber ich denke drüber nach

Manchmal habe ich das Gefühl (Gefühl! Nix empirisch belegt!), dass das allgemeine Lebensrisiko zunehmend ausgeblendet und als Affront gegen das eigene Glück und Wohlbefinden gesehen wird. Mag ein wenig auch den Helikoptereltern geschuldet sein, die es spätestens seit den 1990ern gab. Vermutlich auch schon vorher, da ich jedoch ein 90er Kind habe, kann ich es erst ab da beurteilen.
Da wurde alles abgenommen, geregelt und in Watte gepackt („was, ne 5 in Mathe? Dagegen klagen wir!“ „Timo war im Kindergarten gemein zu Dir? Wir wollen einen Elternabend!“ tbc.)
Beim Mittdreißiger stirbt die Oma - was natürlich ein persönlich total schlimmer Verlust ist! Aber eben auch der normale Lauf der Zeit - und er verfällt in so heftige Depressionen, dass es als Entschuldigung gilt, wenn er keine Beziehung mehr führen kann. Die Endzwanzigerin fühlt sich nach ganzen zwei Monaten im neuen Job gemobbt und unglücklich - Ergebnis sind Depressionen und Beziehungsunfähigkeit.
Es gibt zum Zeitpunkt der Geburt nicht das verbriefte Recht auf ständiges Glücklichsein. Genau das wird aber meiner Meinung nach oft vorausgesetzt und eingefordert.
Haben „früher“ Beziehungen länger gehalten? Vermutlich ja - weil früher war einiges anders, aber deshalb noch lange nicht besser. Da blieb man in einer Beziehung, weil man (nee, eher frau) finanziell abhängig war, weil es sich so gehörte und überhaupt „was sollen die Leute sagen!?“ Aber auch früher wurde belogen, betrogen, manchmal geschlagen und sich letztlich auch mal in der Ehe gehasst.
„Früher haben wir auch alle über nen Balken geschissen“ (Zitat von VictoriaSiempres sehr weisem Opa. Den ich schmerzlich immer noch vermisse, aber er war alt und hat sein Leben gelebt).
Ich finde es echt müßig, ständig auf das Umfeld zu gucken und Schuld und Verantwortung woanders zu suchen. Andere konnte man auch früher nicht ändern, nur sich selber.