Zitat von ZSaschaZ: Die erste Frage ist aber auch, ob sie überhaupt nochmal schreibt und die zweite ist dann, wie kann ich sie darauf aufmerksam machen, dass sie das Thema annimmt und sich klar macht.
Die viel wichtigere Frage ist natürlich auch wie ich an meinen Verlustängsten arbeiten kann. Ich merke das ja auch extrem an toxischen Freundschaften, bei denen ich alles jedem Recht machen will.
OT: Einige Informationen/Details kann ich auch noch nachliefern.
Weitere Informationen sind da gar nicht nötig. Es ist die klassische Beziehung zwischen zwei defizitären Menschen. Der eine sucht Nähe, gefühlte Verschmelzung, weil er dann eine große gefühlte Übereinstimmung fühlt, die er immer wieder erreichen will. Und der andere driftet immer wieder ab, weil die Nähesehnsucht des Partners einen Fluchtreflex auslöst.
In der ersten Begeisterung sind Bindungsängste nicht spürbar. Im Gegenteil, beide sind der Meinung, dass es dieses Mal halten wird, es dieses Mal eine wunderschöne Beziehung wird. Da wird von Liebe gesprochen, obwohl man eigentlich nur verliebt ist. Aber es fühlt sich so intensiv an, das kann doch nicht lügen.
Und früher oder später kommt dann auf leisen Sohlen der Abschied. Der eine, der aktive Bindungsvermeider, erobert sich seinen Freiraum zurück und ist froh über alles, was erst Mal Distanz schafft. Da kommt sogar eine Coronaquarantäne genau zur rechten Zeit. Und der Nähe Suchende ist der passive Bindungsvermeider.
Alles klar? Vermutlich nicht, denn Du willst ja Nähe und Zusammensein, ja, bist fast schon süchtig danach. Du suchst eben diese gefühlte Verschmelzung, weil diese Dir Deine Verlustängste nimmt. Die Ängste sind aber mächtig und kommen immer wieder hoch, vor allem wenn der Partner sich gefühlt entfernt, irgendwie anders, irgendwie kühler wird.Das registrierst Du mit feinen Antennen sofort und dann fühlst Du die Angst und die Ratlosigkeit. Was kann ich tun, damit ich wieder Interesse und den Wunsch nach Nähe wecke?
Der aktive Bindungsvermeider reagiert dann oft zwiespältig. Einerseits ja, dann wieder nein, Du hängst gefühlt in einem Jein fest.
Der aktive Bindungsvermeider hat ja auch innere Sehnsüchte, wünscht sich auch, dass irgendwann der Partner kommt, der ihm seine inneren Ängste nimmt. Die inneren Ängste spürt er weniger, denn sie kommen verkleidet daher. In Unabhängigkeitsstreben, Freiheitsdrang, sein Ding machen wollen, den Partner ein wenig im Regen stehen lassen.
Und so kommt es eben zu den klassischen On-Off-Beziehungen. Sie kann noch nicht ganz ohne Dich, aber mit Dir auch nicht. Hat sie ihren Sicherheitraum, die Distanz, wieder hergestellt, dockt sie wieder an. Du stehst parat und bist glücklich, weil sich Dein Warten und Hoffen und Deine Geduld auszahlen. Aber nur auf Zeit, denn dann beginnt das Spiel von Neuem.
Ein Schritt vor, zwei zurück, einmal im Kreis herum und wieder von vorne. Das sind die Beziehungen zwischen zwei Bindungsvermeidern. Der eine boykottiert aktiv und der andere in der untergeordneten Position beginnt zu leiden, unterbrochen von diesen wundervollen Gefühlen der Übereinstimmung. Auf die wird der passive süchtig, eben weil sie so schwer zu erreichen sind. Und daher werden diese meist kurzen Phasen auch hoffnungslos überstilisiert.
Etwas was eigentlich selbstverständlich in einer gesunden Beziehung ist, wird zum Ausnahmezustand und daher sehr kostbar.
Du wirst sagen: aber ich habe doch keine Bindungsängste!
Ich sage, doch, die hast Du. Sie sind beim passiven Vermeider nur maskiert, sie verstecken sich hinter einem extremen Bindungswillen, im Suchen nach Übereinstimmung. Man will doch nur eine glücklich Beziehung, aber warum sucht man sich dann unbewusst genau das Gegenteil?
Es ist immer wieder dasselbe. ich verstehe das nicht, ich will doch nur eine Beziehung und Nähe spüren. Ich bin liebevoll, friedfertig, ehrlich, konfliktvermeidend, unaggressiv und dennoch! Ich lande immer wieder bei Partnern, mit denen eine Beziehung auf Dauer gar nicht möglich ist.
Da werden Partner gefunden, die zu alt, zu jung oder bereits vergeben sind. Oder eben solche, die Deine inneren Leerstellen triggern und Deine Leidenschaft wecken, wobei Dein Unterbewusstsein schon genau weiß, dass es wohl eh nichts wird. Das merkst Du auf der bewussten Ebene auch nicht. Du leidest, Du suchst, zermarterst Dir Dein Gehirn, fragst Dich was kann ich nur tun, was habe ich falsch gemacht? Das lässt sich doch alles regeln! Das ist die bewusste Ebene, Dein Unterbewusstsein aber lehnt sich entspannt zurück, denn es weiß, es wird eh nichts.
Da Du Dich mit Psychologie beschäftigst, könntest Du das begreifen. Menschen sind nicht immer so, wie sie zu sein glauben. Und meistens kommen zwei zusammen, die wie Topf und Deckel aufeinander reagieren. Siehe ihre Zukunftspläne zu einem Zeitpunkt , der noch viel zu früh ist! Und Du eingelullt in Deiner rosa Wolke.
Es gibt ganze Bücher darüber, was mir auch neu war. Ich kann Dir die Autorin Stefanie Stahl empfehlen: Jein, Bindungsängste erkennen und bewältigen. Es gibt auch andere Titel.
Erkennen kann man sie, aber bewältigen? Das ist ein langer und steiniger Weg und viele wollen ihn gar nicht gehen. Zu schwierig, da lebt man doch lieber weiter wie bisher und sucht sich den/die Nächste/n.
Ich bin selbst von dieser "Krankheit" betroffen und es dauerte Jahrzehnte, bis ich tatsächlich eine zufriedenstellene Beziehung leben konnte. Mal war ich der aktive Bindungsvermeider und stieß den Nähe suchenden Mann weg, oft genug aber auch der passive, leidende Teil. Ein Chamäleon. Glücklich wurde ich damit nicht, aber ändern konnte ich es auch nicht.
Es wird schwer, mit diesen Defiziten eine glückliche Beziehung führen zu können. Vor allem, weil man sie erst nach und nach durchschaut.
Was kannst Du tun? Erstmal Dich abnabeln und den Abschied verdauen, was schon schwer genug ist. Und dann vielleicht mal eine Rückschau halten auf die glorifizierte Beziehung und ganz allgemein auf Dich und Dein Leben.
Bindungsängste werden meist früh erworben und ganz verschwinden sie in der Regel nicht. Man kann damit leben, aber es bleibt doch immer ein kleines Aber übrig.
Du willst sie festhalten und sie läuft weg. Dann läuft sie Dir wieder zu und dann wieder weg, bis sie dann ganz weg bleibt.