Zitat von Pascal90:Du hast glaube ich eine sehr gute Therapeutin.
Ja, ich habe wahnsinniges Glück mit ihr. Dass ich sie schon eine Woche nach der Trennung fand, habe ich natürlich dem Psychiater zu verdanken, der an dem Abend, als ich im Zentrum für Psychiatrie unserer Uni-Klinik aufschlug, Dienst hatte. Nach dem Notfall-Gespräch mit ihm, konnte ich richtig sehen, dass er überlegte und ein Für und Wider im Kopf abwog. Dann schaute er im Kalender nach, schrieb etwas auf einen Zettel mit den Worten: "Sie haben in drei Tagen einen Termin bei einer Psychotherapeutin in unserem Haus." Dass es dann mit ihr und mir sofort passte, war das zweite Glück.
Zitat von Pascal90:Sie belog mich nicht oder ging fremd soweit ich weiß.
Muss ja auch nicht sein. Mein Mann hat gelogen, um "gefährlichen Situationen" entgehen zu können. Ein Verhaltensmuster, dass ihm in seiner Kindheit geholfen hat, drohendes Unheil abzuwenden. Eine sehr wichtige Überlebensstrategie also.
Aber es ist ja auch nicht so, dass er ständig gelogen hat. Aber wenn, dann so, dass er selbst am Ende davon überzeugt war, dass es genauso war, wie er es schilderte.
Zitat von Pascal90:Ich fange immer wieder an mich schweigend zurück zu ziehen und in meiner Luftblase zu schweben. Man nimmt dran teil aber irgendwie doch nicht.
Das kenne ich. Gleich nach dem Auszug meines Mannes kontaktierte ich einen alten Freund, der sofort für mich da war. Er sagte, dass er es nicht zulassen würde, dass ich mich verkrieche. Ich "musste" mit auf Goth-Parties. Meine Szene, zu der ich schon länger den Kontakt verloren hatte. Ich wurde in die lockere Runde bei ihm zu Hause integriert, die sich alle 4 Wochen zum Essen und Quatschen bei ihm traf.
Ich erinnere mich noch gut, wie ich mich anfangs fühlte. So als wäre ich durch eine dünne Haut von dem allen getrennt. Ich war da, aber mehr so, als wenn ich daneben stand und all dem Treiben völlig gefühlstaub zusah. Bin aber weiterhin weg gegangen, auch wenn ich mich manchmal echt selbst treten musste.
Auch andere Menschen ließen nicht locker. Meine Tante, die mich mit in eine soziale Anlaufstelle schleppte, wo man jeden Tag recht günstig zu Mittag essen kann. Als ich das erste Mal da war, dachte ich nur "Oh mein Gott,
so tief bist Du nun gesunken?". Aber ich ging weiterhin brav mit.
Der zweite Mann meiner verstorbenen Mutter. Stundenlang "musste" ich im Frühjahr mit ihm und seinem Hund am Strand spazieren gehen. Selbst bei Regen. Oder wenn der Wind vom Meer drohte, mich direkt aus dem Mantel zu pusten. Ich fuhr mit ihm zu seinen Geschäftsterminen in anderen Städten und vertrieb mir dort die Zeit, während er zu tun hatte.
Ich machte also viele Dinge, die ich vorher nie gemacht oder gar kein Interesse dran hatte. Und irgendwann verschwand diese Haut, die mich von dem Leben da draußen trennte. Ich konnte auf einmal wieder wahrnehmen. Auf andere Menschen und Themen eingehen. Ich bemerkte zu der Zeit, dass ich gar keine Empathie mehr besessen hatte. Zu sehr war ich damit beschäftigt, um meinen Borderliner zu schwirren und kaum noch anderes, was um mich herum geschah, wahrzunehmen.
Kein Wunder - er und ich waren die perfekte Symbiose. In den 20 Jahren hingen wir fast täglich 24 Stunden aufeinander, arbeiteten sogar in derselben Firma. Er wollte nicht ausgehen und möglichst keine Leute hier haben. Ich war eigentlich immer das Gegenteil, passte mich aber im Laufe der Zeit von mir unbemerkt an. Wir hatten uns, unsere schöne Wohnung, unsere Tiere. Ab und zu mal Kontakt zu anderen Menschen. Mehr brauchten wir nicht.
Ich bin jetzt gerade zu faul, hier im Thread zu suchen. Aber jemand schrieb, dass eine Symbiose für ihn erstrebenswert scheint. Glaubt mir, dass ist es nicht
Ich bin all diesen Menschen so dankbar, dass sie sich meiner angenommen und vom Wegesrand wieder auf die Straße geführt haben. So viel habe ich verloren, am meisten mich selbst. Jetzt gehe ich wieder meinen Weg. Noch langsam, immer wieder mal gelähmt durch die Depression. Aber auch das wird besser werden. Nicht heute, nicht morgen, aber ich mache weiter und werde auch das noch schaffen.
Zitat von Pascal90:Danke wieder mal für deine Worte und Ehrlichkeit Emma.Ich wünsche dir im neuen Jahrzehnt nur das beste.du hast es verdient
Danke

Wir alle haben es verdient.