Zitat von Felsenbirne:Hallo merretich, danke für deinen Beitrag. Nach der Traumatisierung fehlten mir eben diese Schutzreflexe, ohne, dass ich dies gespürt hatte. Ich war damals einfach wahnsinnig dankbar für jeden Strohhalm an Hilfe. Ich habe so vieles übersehen und als Hilfe getarnt über mich ergehen lassen. Ich glaubte wirklich, ...
Hi Felsenbirne,
ja, das ist nachvollziehbar.
Das Ausmaß der Zerstörung, welches ein Mensch einem anderen Menschen antun kann,
anzuerkennen-nicht nur kognitiv sondern auch emotion- dies zu fühlen ist wohl die größte
Herausforderung wenn man Opfer von (sexueller oder anderer) Gewalt oder von
bösartigen Angriffen oder Manipulation geworden ist.
Daher herrscht bezüglich dieser Themen in unserer Gesellschaft ja so eine Verunsicherung,
dass man als Betroffene keine Hilfe bekommt, vieles totgeschwiegen oder tabuisiert wird.
Viele halten den Gedanken garnicht aus, dass es Menschen gibt, die andere Menschen
tatsächlich mutwillig zerstören, ausnutzen oder missbrauchen. Dabei passiert dies täglich.
Kindern und Frauen in erster Linie.
Ich denke heute, dass es das Böse wirklich gibt. Die Motive sind egal. Die entschuldigen nichts.
Vergeben kann man trotzdem. Aber das anzuerkennen, das Ausmaß der Schädigung, ist
sehr schwer.
Wichtiger finde ich für Dich, dass Du lernst, Dich selber gut zu spüren.
Du sagtest selber, dass Du dies zu dem Zeitpunkt nicht konntest.
Menschen, die keinen Bezug zu solchen Themen haben, gehen davon aus, dass jeder
Mensch sich gut schützen und seine Grenzen verteidigen kann.
Prinzipiell ist das richtig. Wenn man aber etwas erlebt hat, wie Du, ich, oder viele
andere Frauen, dann fehlt die Wahrnehmung von Grenzverletzungen.
Und wie soll ich mich schützen, wenn ich in dem Moment wo es geschieht, in
Starre verfalle und es nicht fühle. Weil an der Stelle der Thermometer kaputt
gegangen ist. Das ist schlicht unmöglich. In dem Sinne hast Du entsprechend
Deiner Erlebnisse psychisch "normal" gehandelt.
Die Seele schützt sich, indem sie taub wird.
Vielleicht fallen Dir Orte und Situationen ein, wo Du wieder lernen kannst, Dich
zu fühlen? Selbsthilfegruppen, Therapie, liebe Menschen, Natur, Sport?
Und in einem geschützten Raum den Schmerz zuzulassen über das, was zerstört
wurde an Vertrauen und Lebensfreude.
Wenn Dir das gelingt, werden Deine "Alarmsysteme" wieder gut funktionieren und
Dich künftig besser schützen können. Und dann traust Du auch Deinem Gefühl,
dass etwas "nicht stimmt" wieder mehr.
Für Frauen, die sowas erlebt haben, können Männer auch keine Ressource
oder Rettung sein.
Das ist viel zu gefährlich. Man wird emotional abhängig und sucht sich oft instinktiv
neue Täter aus.
Klar bin ich froh, dass ich jetzt einen sehr netten psychisch gesunden Partner habe.
Meine Ressourcen sind jedoch andere. Meine Sicherheit bekomme ich auch nicht
von ihm, die habe ich mir erarbeitet, in vielen kleinen Schritten.
Mach Dir vielleicht eine Liste von Dingen, die Dir gut tun und Dich in Kontakt
bringen mit Dir selber (heisses Bad? Kleiner Urlaub? Gute Buch? leckeres Essen?
Singen? Tanzen?). Und mach jeden Tag etwas davon.
Dann findest Du Kraft im Innen und bist weniger anfällig dafür, dass (ausgerechnet)
ein Mann Dich retten soll.
Du hast eine Wunde, die muss gereinigt und definfiziert und gepflegt werden.
Aber da bist Du ja schon gut dabei

Nur Mut.
Du hast nichts falsch gemacht. Im Gegenteil. Du hast etwas erleben müssen, was
kein Mensch verdient zu erleben. Das zu überwinden erfordert Mut und davor
sollte jeder Respekt haben.