Da du es als Fragen formuliert hast, danke ich dir erstmal, dass du hier für Austausch bereit bist und nicht für Verurteilung. Das Eine schliesst das Andere nicht aus - wie auch oft eine Wahrheit dazwischen liegt und eine Entweder/oder weniger Platz hat, als ein UND.
Zitat von Binaneu:Wieso kommen die Selbstvorwürfe erst hinterher?
Hier kann ich nur von mir reden: Es ging in beide Richtungen (Affäre UND Partnerin) und auch schon währenddessen. Hier hast du aber noch die Chance etwas zu ändern - das geht "danach" nicht mehr. Der Kontrollverlust, der damit einhergeht ist auch so eine Sache, womit die meisten Männer, mir eingeschlossen, sehr schlecht klar kommen. Ich wurde als "Sieger" erzogen. Niederlagen gab es nicht in den Augen meines Stiefvaters. Kontrolle, Sieg, Autonomie und Souveränität (das weiss ich heute nach vielen Therapiesitzungen) waren die Eckpfeiler meiner Erziehung. Für Gefühle war nicht wirklich Platz. Das soll keine Verantwortungsabschiebung sein, sondern eine Erklärung, wie ich so ticke. Vielleicht bei mir extremer als bei anderen Männern (durch den Status meines Stiefvaters), jedoch glaube ich, dass sind so Sachen, die vielen Jungs ab frühem Alter mitgegeben werden. Ich beobachte sowas immer wieder. Es ist eher die Regel statt der Ausnahme.
Dieses Gefühl lähmt auch sehr stark - Du hast diese Bindung und ein Leben mit der einen Frau ("starkes Band") und dann sind da diese Gefühle und die Vorstellungen einer Zukunft mit einer anderen Frau. Eine Zerissenheit, zu der auch noch Dinge dazukommen, wie: Niemanden verletzen wollen (ja, total bekloppt), Verantwortungs- und Pflichtgefühl und das ewige Dilemma zwischen Kopf und Bauch.
Ich möchte nicht zu sehr pauschalieren, jedoch vereinfache ich meine Ausdrucksweise etwas. Frauen wird sehr früh beigebracht, mit Gefühlen umzugehen, sie zu leben und auch nach aussen hin zu transportieren. Es ist ok, wenn ein Mädchen weint - nicht so bei Jungs.
Ich glaube, es gibt bei vielen Männern eine gewisse Unfähigkeit mit Emotionen adäquat umzugehen. Wenn eine Frau sich trennt, dann ist sie sich zumeist ihrer Gefühle sicher und (das ist wichtig) sie VERTRAUT ihren Gefühlen. Anders sieht so eine Trennungssituation beim Mann aus. Nochmals: ich rede nicht von allen, sondern vom "Standardfall in meinen Augen.
Zitat von Binaneu:Wissend Leid in Kauf nehmen ( wissend!) zum Teil großes Leid...
So wirklich wollte ich das damals nicht wahrhaben. Erst als ich dann mit meiner Affäre geschlafen hatte, wurden mir einige Dinge sehr bewusst und ich habe mit meiner damaligen Partnerin geredet. Ihre Reaktion ist selbst heute noch tritt in die Euer und Schlag in die Magengrube zugleich. Ich habe dort Bilder im Kopf und es tut mir heute noch unfassbar weh, wenn ich mich an die Reaktion erinnere.
Er da wurde mir schlagartig BEWUSST (!) wie falsch mein Handeln ist. Vorher war es eher eine Art... hm... Fairnessüberlegung. Ich wollte auch mal Ansprüche und Bedürfnisse haben und leben. Das war die Jahre zuvor ganz anders. Ich war nur für meine damalige Partnerin da, die immer unfähiger wurde (wegen ihrer Erkrankung) ihr eigenes Leben zu leben oder mit mir über uns oder ihre Probleme zu reden. Ich habe es wirklich so oft versucht und es endete immer gleich: Ich bin so! (Abbruch des Gesprächs und Tränen). Ja, der Gedanke, dass ich auch mal ein Recht habe wieder Glück zu spüren, zu LEBEN, Bedürfnisse zu leben... das war stark in mir.
In einem anderen Thread verurteile ich eine Frau dafür, dass sie ihrem Mann fremdgeht - sie sagt, ich hätte kein Recht dazu, weil ich selbst mal eine Affäre hatte (ich erwähnte es).
Der Unterschied, den ich sehe: Ich habe es jahrelang versucht etwas zu ändern, habe Gespräche gesucht, Unternehmungen geplant und scheiterte hier immer wieder. Ich wurde krank dadurch und es ging Richtung Selbstaufgabe. Klar, alles grösstenteils selbst erschaffen.
Die meisten Gutmenschen hier würden hier nun sagen, dass ich einen klaren Cut hätte machen müssen. Tja, in deren Glitzer-Konfettiwelt mit Einhörnern gibt es nur das Entweder/Oder und vor allem keine Suizidgedanken oder Selbstverletzendes Verhalten. Meine Affäre war oft Ausbruch aus meiner Welt, in der ich nicht wirklich etwas für mich sah - meine Verfassung damals tat ihr übriges. Neben meiner Angsterkrankung hielt die Depression Einzug.
Zitat von Binaneu:Wieso, wenn ich selbst darunter leide, das Leid zu sehen, ändere ich dann mein Handeln, Verhalten nicht rechtzeitig...
Hierzu sage ich gerne und oft, darum gibt es auch dieses Forum: Da wo Emotionen beginnen, hört die Ratio auf.
Es ist nicht schwer von Außen (und darum gibt es hier viele Menschen, die um Rat fragen) einen sehr rationalen und somit "objektiveren" Blick auf die Dinge zu bekommen. Oftmals wird aber dabei etwas vergessen: Der Blick hier von Fremden ist nicht wirklich objektiver. Dort spielen immer eigene Erfahrungen und Trigger rein, auch kennen sie nie die andere Seite oder die Dynamik zwischen dem Ersteller eines Topics und dem Menschen, der darin erwähnt wird und für die emotionale Lage des/der TE "verantwortlich" ist.
Deshalb gehe ich das hier auch ein wenig anders an als die meisten Schreiber. Mein Grundsatz lautet, dass Änderung nur von innen her kommen kann, nicht von Außen. Deswegen arbeitet auch die Psychologie mit Selbsterkenntnis. Man kann (provokative) Fragen stellen oder Aussagen tätigen, die den Schreiber in reflektieren bringen können. Aber Tipps oder "Masteransagen" von Außen halte ich für unsinnig.
Der Bogen nun zu deiner Frage (Wissend Leid in Kauf nehmen ( wissend!) zum Teil großes Leid...): Vielleicht hätte mir genau diese Frage in der damaligen Situation sehr gut getan. Ich sage bewusst "Vielleicht", denn ich war damals ein anderer Mensch. Es gab viel Entwicklungsarbeit in und an mir, die mir gut getan hat.
Zu meinen Grundannahmen (Da wo Emotionen beginnen, hört die Ratio auf) kommt dann noch eine weitere und die kannst du gerne in deine Fragen und Überlegungen mal einbeziehen: Der Mensch ändert sich erst, wenn der Schmerz und das Leid groß genug sind.
Erst als beide Frauen sich von mir abgewandt haben, war das bei mir der Fall.