Zitat von paulaner: Ich z.B. würde solch einen Satz nie sagen. Eben weil es vom anderen als Freibrief verstanden wird, in einer Beziehung, in der Treue abgemacht wurde, unter bestimmten Umständen doch fremdgehen zu können.
Ich habe vorhin mal nach Deinem Alter gesehen, ziemlich genau in meiner Kategorie, falls es stimmt, und nun wundere ich mich noch mehr.
Zu meiner Zeit (also zu meiner Aufwuchszeit) war das Übliche dies: Dass langjährige Ehemänner dann und wann fremdgehen, sofern sie die Möglichkeit dazu haben, war sozusagen stillschweigendes Wissen (sogar noch beim Pfarrer war das so, auch wenn man bei einem katholischen Pfarrer ja nicht so ganz genau weiß, wem gegenüber er fremdgegangen ist). Bei den Frauen waren es nur einige wenige, aber die waren dafür dann entsprechend ausgelastet mit Fremdgangsmännern. (Bzw. bei uns, in dem kleinen Dörfchen, hat es dazumals sogar zwei professionelle Damen gegeben, wodurch die paar freizügigen Dorfdamen, die es gegeben hat, natürlicherweise vorübergehend etwas ins Hintertreffen geraten sind.)
Die "betrogenen" Ehefrauen wiederum wollten explizit von diesen Seitensprüngen eben gar nichts wissen. Das war quasi die soziale Ordnung und unausgesprochene oder auch ausgesprochene Übereinkunft. Und damit waren alle zufrieden, und es gab keine Aufregungen und keine Scheidungen (mit genau einer Ausnahme).
Höchstens, wenn mal einer an sich biederen Frau, wie einmal bei einem Festchen geschehen, noch dazu war das die Volksschuldirektorin, ein Ausrutscher passiert ist, ist das durchs Dorf gelaufen, aber selbst das mit einem verschmitzten Lächeln, und nach ein paar Tagen war das wieder vergessen.
Und wenn ich, eingedenk dieses Hintergrunds, mitbekomme, was da heute so abgeht, bis hin zur Traumatherapie und jahrelanger Vernichtetheit, dann wird zumindest der eine oder die andere bei einigem guten Willen ahnungshaft nachvollziehen können, dass ich in diesen Heul-, Wut- und Tränenchor nicht einstimmen kann und bisweilen entsprechende Äußerungen mache. Nicht einmal, um vielleicht provozieren zu wollen, sondern um vielleicht zumindest mal ein paar andere Gedankengänge auf die Füßchen zu bringen.
Es muss doch jedem, der schon ein paar Jahrzehnte abgespult hat, diese Vermerkwürdigung des Menschen im letzten halben Jahrhundert mehr als deutlich aufgefallen sein. Eine solche Entwicklung hin zur Höchstempfindlichkeit und affektierten Aufgeregtheit hat es historisch bislang ja auch noch gar nie gegeben. Die betrogenen Herren aus den besten Häusern haben damals, z. B., zwar Casanova auch ins Gefängnis werfen lassen, nachdem er jeweils für ein paar Tage oder Wochen ihre Angetrauten beglückt hatte, aber gar so todernst scheint das nicht gewesen zu sein.
Aber heute geht's ja zu ...! Vielleicht schlägt sich der übertriebene P-nokonsum irgendwie unheilvoll auf die empfindlichen Nerven.
Zitat von paulaner: BTW: ich bin sicher, dass die wenigsten Menschen eine solche Beziehung abmachen: "jeder von uns darf fremdgehen, so lange es der andere nicht erfährt".
Ich bin sogar sicher, dass die wenigsten Menschen überhaupt irgend etwas abmachen, also ausdrücklich. Sondern die Dinge kommen ins Laufen und bringen Vorausgesetztheiten und Erwartungen schon selber mit.
Ich glaube kaum, das hier irgendwo lange und ernsthaft verhandelt wird über Beziehungsbedingungen. Und selbst diese Altarsprüche werden ja vorgesagt und vom Brautpaar lediglich gedankenlos bejaht. Also kann man ja nicht einmal das ernsthaft in eine Waagschale werfen.
Lebt doch einfach mal, Leute, und lasst Euch ein aufeinander! Was dann weiter geschieht, zeigt sich ohnehin von selber. Irgendwelche verbalen Abmachungen, Schwüre, Versprechungen, Schwärmereien usw. werden gegen die Wirklichkeit niemals ankommen.