Zitat von carlos7: Doch, hat sie. Wenn du 100 beliebige Menschen fragen würdest, würden dir 99 sagen, dass deine Frau etwas Falsches getan hat. Selbst die hier versammelten Personen, die selbst Affären geführt haben, würden dir das sagen.
Kurzfassung: indeed.
Längere Fassung: Hm, schwierig. Ich gehöre ja zu den Vertretern, die sehr strikt die Personenverhältnisse auseinander halten möchten und daher den Zustand und Bestand der Ehe immer und nur bei den Ehepartnern sehen.
Entscheidet sich also ein Ehepartner, das Verhalten des anderen Ehepartners als "nicht falsch" zu bewerten, dann muß ich das in logischer Folge auch so hinnehmen. Das empfinde ich auch deshalb so stimmig, weil ich ja davon ausgehe, daß Außenstehende nie wirklich Einblick in die Komplexitäten der beide Ehepartner haben können.
Was ich aber schon machen kann, ist mir anzuschauen, wie einer oder beide Ehepartner zu der Bewertung "nicht falsch" gelangen. Das kann ich im Hinblick auf allgemeine Grundsätze der Logik untersuchen, wenn A+B=C, daher 2A+2B=2C und nicht 2A+2B=C. Daneben kann ich auch mein Verständnis von wie Umgang mit Gefühlen funktioniert, Gruppendynamik etc einfließen lassen, sowie auf meine Erfahrungswerte (anekdotisch, für empirisch fehlt es mir an repräsentativer Masse vermutlich) zurück greifen.
Die Schwierigkeit, die ich in diesem Thread mit Martin habe, ist sein Unvermögen, seine getroffene Bewertung, seine Frau hätte nichts falsch gemacht, als eine solche anzuerkennen und stattdessen daraus ein (allgemeingültiges) objektives Ergebnis machen zu wollen.
Denn in diesem Moment wird aus dem völlig richtigen therapeutischen Ansatz, daß die Beschäftigung mit der Affäre an irgendeinem Punkt Finalität braucht, sei es in Form von Akzeptanz, Verzeihen, als Ergebnis der Aufarbeitung etc, eine Umgehung der notwendigen Integration der Verletzung sowohl in das Gefühlsleben von Martin, als auch in das von beiden vereinbarte moralische System der Ehe.
Martin verkennt schlicht und ergreifend, daß Gefühle nicht erlaubnisfähig sind. Er kann sich hinstellen und sich jeden Tag erzählen, seine Frau hätte nichts falsch gemacht, das führt aber nicht dazu, daß die erfahrene Verletzung dadurch weggeht oder der offensichtliche Konflikt von Betrug ist schlecht, aber ohne Betrug gibt es diese Ehe nicht mehr, gelöst werden könnte.
Persönlich habe ich den Eindruck, daß Martin die Unstimmigkeit auch spürt und daß dies der Grund ist, warum er vehement in die Fehlanwendung logischer Grundsätze rennt.
