"Jugendliebe hat ein Ablaufdatum" sagte meine Freundin vor zwei Tagen zu mir. Das hört sich nach Fäulnis oder einer eitrig klaffenden Wunde an. Dabei ist die Jugendlieebe doch etwas ganz besonderes. Es gibt einige Jugendlieben, die bis ins hohe Alter, bis zum Tod halten.
Ex und ich teilten fast exakt die Hälfte unseres bisherigen Lebens als Paar. Wir wurden gemeinsam erwachsen - zumindest äußerlich - und haben uns all das aufgebaut, was sich Erwachsene nunmal so aufbauen. Erwachsene heiraten, bekommen Kinder, bauen/kaufen ein Haus und verbringen ihre ganze gemeinsame Zeit miteinander. So war zumindest unsere Vorstellung vom Leben, denn so "kannten" wir es.
"Jugendliebe hat ein Ablaufdatum". So sehr ich mich bis eben innerlich gegen diese Aussage sträubte (denn Jugendliebe ist etwas besonderes und dabei bleibe ich), so wahr erscheint mir diese Aussage wiederum auch. Die Jugendliebe hat ein Ablaufdatum. Entscheidend ist, dass man die Jugendliebe zu gegebener Zeit gemeinsam in eine Erwachsenenliebe wandelt.
Daran haben wir nie gearbeitet. Wenngleich wir nach außen erwachsen waren, so waren wir im Inneren beide bedürftige Kinder. Ex und ich teilten die Bedürftigkeit auf. Er war nach außen, also gegenüber Dritten, der Starke, der Beschützer, der Fels in der Brandung. Hier konnte ich mich völlig in meiner Bedürftigkeit ausleben. Hatte ich nur ansatzweise bei Dritten einen Konflikt mit mir in meiner Zauberkugel erahnen können, zog ich mich schwach und heulend (ernsthaft) zu Ex zurück. Er zog gleich sein Ritterkostum an und bekämpfte meine imaginären Drachen. Mein Held, mein Beschützer, mein Prinz! Oh, wie habe ich ihn dafür verehrt.
Als Dank für seine märchenhaften Heldentaten, revanchierte ich mich, indem ich den Innenbereich - also die gesamte Familie und seinen Seelenfrieden - zu meiner Kernkompetenz machte. Hier war ich die Starke, die alles und jeden am Laufen hielt und meinem Prinzen alles auf einem Silbertablett servierte. Und so hätten wir auf einem Schimmel in unseren Lebensabend reiten können, wenn... ja, wenn da sich nicht hin und wieder diese kleine Stimme gemeldet hätte. Also ist diese Stimme wohl an diesem ganzen Dilemma Schuld

In ruhigen Momenten flüsterte sie mir zu: "Emba, wenn du gleich stirbst, kannst du ehrlich sagen, du hattest ein erfülltes Leben?" Psst, sei leise, Stimme. Ich sollte zufrieden sein, ich muss zufrieden sein, denn meine Ehe läuft doch besser als ich die Ehe meiner Eltern wahrgenommen hatte und auch noch wahrnehme. Warum kann ich nicht einfach so dankbar sein? Warum ist da hin und wieder diese Stimme, die sich meldet und mich zweifeln lässt. Denn die Frage könnte ich wohl nicht ehrlich und aus Überzeugung mit "Ja" beantworten. Ähnlich ging es vermutlich auch Ex.
Vor etwas mehr als acht Monaten dann der Knall. Die Kulisse meiner selbst inszenierten Märchenwelt stürzt immer weiter ein. Der Prinz muss nun eine andere Prinzessin retten und vor dem bösen Drachen schützen. Aber huch, der Drache bin ja ich! Ich mag ehrlich gesagt keine Drachen, daher steige ich schnell aus dieser Welt aus. Und da stehe ich, in meiner zertrümmerten und so gar nicht mehr märchenhaften Realität.
In den gut acht Monaten bin ich auf jeden Fall erwachsener geworden (Erwachsen bin ich aber wohl noch immer nicht ganz und das ist auch gut so

), denn Drachen machen mir nun keine Angst mehr. Ich sehe sie als das, was sie sind: eine Phantasie in einer Kingergeschichte - ebenso wie den Prinz. So ist es jetzt auch richtig - und das fühlt sich zu 100% authentisch an -, die Jugendliebe dort zu lassen, wo sie hingehört: in die Vergangenheit, in meine Jungendzeit.
Noch gönne ich mir Zeit nur mit mir. Ich strebe weiterhin nach mehr Autonomie. Wenn ich genug davon habe, bin ich bereit für eine "Erwachsenenliebe", und zwar in meiner eigenen, neuen Realität - ganz ohne Prinzen und Frösche. Und sollte ich vorher sterben (Drama, Baby

), so kann ich der Stimme ehrlich sagen: "Ja, ich habe in den letzten acht Monaten mehr und bewusst gelebt, Dinge ausgehalten, erlebt, mich gespürt, wie in meinem bisherigen Leben nicht." Ich bin innerlich viel ruhiger und zufriedener geworden. Egal wie schmerzhaft und kräftezehrend die Trennung bislang war und gewiss auch in Zukunft noch immer mal wieder sein wird, so ist die Bilanz unter dem Strich bereits jetzt positiv und ich bin sicher, dass da noch so viel mehr gutes auf mich wartet.