Hallo @StillRising
Ich habe deinen vorherigen Faden nicht gelesen und beziehe mich nur auf das, was du hier geschrieben hast. Es ist aussagekräftig genug, um dazu einige Gedanken aufzuschreiben. Und ich kann sehr gut nachvollziehen, wie entsetzlich du unter dem empathielosen Verhalten deines Mannes leidest.
Dazu erstens: Wenn sein Verhalten empathielos ist, bedeutet das nicht automatisch, dass er auch empathielos ist. Es kommt vor, dass Menschen, wenn sie so gegen ihr Natur handeln (und er war ja früher ganz anders zu dir) „sich selber Gewalt antun“ und jetzt ganz bewusst alles ausblenden wollen, was sie daran hindern würde, ihr Leben jetzt auf den Kopf zu stellen. Er betäubt sich dann selber, um nicht spüren zu müssen, was er dir und seinen Kindern antut. Dafür spricht vor allem auch das, wass du über die Begegnung zwischen ihm und den Kindern schreibst. Das heißt aber keineswegs, dass er nicht auch Schuldgefühle haben könnte. Und die seien ihm dann auch reichlich gegönnt.
Zweitens:
Zitat:>>Es tut so unfassbar weh, dazu die Gedanken, die sich ständig nur im Kreis drehen, dazu die Bilder in meinem Kopf, wo ich mir die beiden zusammen vorstelle…<<
Dieses Kopfkino liegt nahe und fast alle Verlassenen schauen sich solche Filme eine Zeit lang an. Es liegt aber tatsächlich ausschließlich BEI DIR, damit aufzuhören. Denn dein Film ist subjektiv erzeugt, er muss keineswegs der Wahrheit entsprechen. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass er NICHT der Wahrheit entspricht. Denn fast alle, die ihre Partner(in) verlassen, habe lange mit ihren eigenen Schuldgefühlen zu kämpfen, auch wenn sie das nicht öffentlich machen. Insofern würdest du dir selber etwas Gutes tun, wenn du dir NICHT vorstellst, dass bei ihm gerade alles auf einer rosa Wolke stattfindet, zumal die Hormone bei ihm ja sowieso langsam verdünnt werden und auch verschwinden.
Drittens:
Zitat:>>Genau dieses Gefühl von „ ausgetauscht sein „ finde ich gerade am schlimmsten. Es fühlt sich so an, als ob unsere gemeinsamen Jahre von einer Sekunde auf die andere plötzlich gelöscht worden sind und nichts mehr bedeuten.<<
Lass uns das detaillierter sehen bitte. Das Gefühl des Ausgetauscht-Seins ist real und das ist auch argumentativ nicht zu verändern. Es ist aber sicher, dass das weniger sein wird, wenn du dich langsam aus dem Opferstatus herausarbeiten kannst. Das danach beschriebene Gefühl beruht aber auf einem Irrtum. Denn egal was er jetzt tut oder war du jetzt tust –
diese 25 Jahre kann niemand löschen und wird niemand löschen. Sie bleiben von dem, was jetzt geschieht unberührt, weil sie vorher stattgefunden haben. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem er aufgrund deiner Krankheit sich langsam abzulösen versucht hat, war diese gemeinsame Zeit eine Gute Zeit. Und die bleibt in deinem persönlichen Geschichtsbuch ebenso unberührt wie auch in seinem. Das erkennt man erst später, aber es ist eine sehr wichtige Erkenntnis. Du kannst dir diese Zeit auch als ein großes buntes Gemälde vorstellen, das allerdings hinter einer Panzerglasscheibe liegt, denn man kann es nicht mehr verändern. Wohl aber kann man es anschauen und sehr viel Gutes darin finden. Und dieses Gute bleibt, wenn man möchte, dass es bleibt. Das bestimmst du alleine. Dass er jetzt ein ganz anderer zu sein scheint als früher, hat keinen Einfluss auf das, was ihr gemeinsam erlebt habt. Und eure Kinder sind ein wunderbares Beispiel dafür, wie gut diese Zeit war und bleibt.
Zitat:>>Das Gefühl, so ganz plötzlich einfach ausgetauscht zu werden nach 25 Jahren und anscheinend für ihn weniger wert zu sein als keine Ahnung was, tut total weh und schmerzt bis ins Mark.<<
Ja, gegen dieses „Entwertungsgefühl“ ist fast kein Kraut gewachsen, es ist einfach nur schrecklich. Es ist aber genau genommen nur in seiner Welt so, dass du weniger wert bist als vorher. Bei allen anderen, die euch kennen - Freunde, Kinder, Familie – bist du genauso wertvoll wie vorher. Und bei dir selber hast du genau den Wert, den du dir selber gibst. Du hast es selber in der Hand, dich genauso wertvoll wie früher zu finden und ich rate dringend dazu, das zu tun. Es geht hier also um den „Selbstwert“ und den gibt man sich selber, den erzeugt man selber, den muss man nur zu erkennen bereit sein
Zitat:>>Ich habe das Gefühl, dass mein ganzer Boden meine ganze Basis, mein komplettes Leben grad komplett wie ein Kartenhaus in sich zusammen gefallen ist.<<
Da habe ich leider wenig Trost für dich, denn genau in diesem Moment ist dieses Gefühl echt und zutreffend. Das muss allerdings nicht so bleiben, das lässt sich verändern. Es lässt sich eine neue Basis finden, um das „Haus deines Lebens“ solider wieder aufzubauen als ein Kartenhaus.
Zitat:>>Ich hab mir heute jetzt den Tag mal extra so gegönnt und bewusst versucht, die Trauer und den Schmerz anzusehen und zu fühlen und hoffe wirklich sehr, dass es morgen schon besser geht<<
Wenn du bereit und in der Lage bist, solche Tage voller Schmerz und Trauer durchzustehen, halte ich es für sicher, dass es danach wieder besser geht. Man geht ja durch den Schmerz hindurch, aber man muss ihn nicht festhalten, man kann ihn loslassen und sich einer Sache zuwenden, die weniger schmerzhaft ist, oder bei der man sogar wieder etwas Glück empfinden kann. Ich wünsche dir von Herzen viel Erfolg dabei.