Zitat von Karili:Mein erster Vorsatz ist, nicht mehr mitfühlend zuzuhören wenn jemand von seiner schlimmen Situation erzählt, für die er andere verantwortlich macht. Das appelliert viel zu sehr an meinen Versorgungsinstinkt. Ich werde bewusst fragen, welche Anteile die Person selbst an der Situation hatte.
Kurze Anekdote mit einem Ergebnis, das mir hilft, wenn ich mal wieder in die Gefahr gerate, mich von solchen Menschen nicht distanzieren zu können:
Ich machte nach Jahren der Betretuung/Pflege meiner Eltern einen Urlaub, um zu Kräften zu kommen. An meinem Tisch saßen u.a. eine ältere und eine jüngere Frau. Die ältere Frau war, wie meine Mutter, an Krebs erkrankt. Bei jedem Essen erzählte sie mir ihre endlose Leidensgeschichte. Für mich war das unerträglich, denn genau von diesem Thema wollte ich mich im Urlaub ja frei machen. Versuche, sie abzulenken, über etwas anderes zu reden, ihr zu sagen, dass ich über dieses Thema nicht reden möchte, waren erfolglos. Sie tat mir leid, ich hatte Mitgefühl. Ich stellte meine eigenen Belange dahinter zurück und litt bei den Mahlzeiten.
Die junge Frau hingegen schaltete ganz offensichtlich auf Durchzug, sobald die Monologe starteten. Die ersten Male hatte sie noch aufmerksam und mitfühlend zugehört, doch ab einem bestimmten Punkt schaltete sie auf Durchzug. Am faszinierendsten daran war für mich, dass sie dabei vollkommen unbefangen war, während ich das wohl auch gekonnt, aber vermutlich ein mir ansehbares schlechtes Gewissen gehabt hätte.
Ich fragte eines Tages die junge Frau, wie sie das machen würde. Sie antwortete nur einen Satz, der für mich jetzt häufig in solchen Situationen leitend ist:
"Diese Freiheit nehme ich mir."
Ich finde das genial. Denn es ist so einfach und hat so viel Wahres und so viel Kraft in sich. Ich nehme mir seitdem die Freiheit, weg zu gehen, mir nicht mehr jede Geschichte anzuhören, unaufmerksam zu sein, meine Gedanken schweifen zu lassen usw., wenn mir alles zu viel wird.
Natürlich mit Augenmaß, aber es hilft eben auch, wenn Freundin A mal wieder in endlose Tiraden über ein Dauerbrennerthema verfällt. Ich nehme mir die Freiheit, ihr zu sagen, dass ich das nicht mehr oder nicht in diesem Moment hören will, wo ich früher gedacht hätte: "Boah, ist das ätzend, jetzt geht das schon wieder los. Aber irgendwie ist ihr das ja wichtig und anscheinend hört ihr ja sonst keiner zu." usw. usf.
Ja, es hört keiner zu, weil die andere sich die Freiheit schon lange genommen haben, das nicht zu tun.
Ich gebe allerdings zu, bei zwei Personen in meinem Leben klappt es oft nicht, mir "die Freiheit" zu nehmen. Eine ist mein Vater und die andere ist Freundin B. Aber es ist immer noch besser als nichts.
Sorry, für den Exkurs. Aber: öfter mal ne Freiheit nehmen, sich für etwas gar nicht zuständig zu fühlen!
