Liebe Armineh,
mein Freund und ich hatten ein ähnliches Problem. Nicht so ausgeprägt, wie bei euch, aber dennoch spitzte es sich mit der Zeit zu. Leidensdruck für beide Seiten. Bei uns war ich die Gehemmte. Durch das ganze Gerede baute ich einen immer größeren Druck auf, der das Problem nur verschärfte und zog mich S.uell fast ganz zurück. Nichts ist der Lust abträglicher, als Leistungsdruck, der unweigerlich entsteht, wenn man weiß, dass der Partner unzufrieden ist.
Allein ein gut gemeintes "Lass los" empfand ich als Forderung und solche Aussagen verschlimmerten alles.
Bei uns spielten aber noch andere Themen als Hemmung mit hinein, bzw. die Hemmung wuchs bei mir durch andere Dinge, die ich gar nicht thematisieren will, denn es soll mehr um die Lösungssuche gehen.
Allerdings war ich wenigstens im Gepräch immer offen und selbst willens, dieses Problem zu beheben. Und bin auch nicht unerfahren. Mag mich selbst innerlich und äußerlich und hatte auch schon Partner, bei denen ich mich weniger blockiert fühlte.
Wir haben nun die größten Hürden genommen und der Knoten ist gelöst

Ich habe danach ein paar Glückssaltos gemacht

Habe es selbst schon nicht mehr für möglich gehalten weil es immer verfahrener wurde. Wir sind übrigens auch im 2. Beziehungsjahr.
Wir hatten bereits so viel Gesabbelt und versucht, dass wir beide schon ganz zermürbt waren.
Eines Tages kam mir in den Sinn, das ganze mal von der Liebe und Romantik und auch vom Gelingen abzukoppeln. Es ganz pragmatisch zu betrachten, was mich zuvor befremdet und von mir gewiesen hätte. Aber genau das war es, was es enorm auflockerte.
Ich bat ihn, dass wir das Thema mal so pragmatisch und nüchtern angehen sollten, wie man es auch beim Thema Rückenmassage machen würde. Da kann man sich ja auch ganz frei sagen, wie man gerne massiert werden möchte, ohne sich gleich als Versager zu fühlen, nur weil man sich noch nicht so recht auskennt.
Abgemacht war dabei, dass beide ganz offen sprechen und nichts bewertet oder beurteilt wird.
Also gerieten wir, anfangs stockend, ins Erzählen, was wir gerne haben, wie wir es gerne haben, was wir für Fantasien haben. . .Aber stellten uns auch ganz praktisch-technische Fragen. Hier und dort bin ich unsicher. . .Hat dir das gefallen? Wie hättest du es gerne. . .
Und diese Gespräche waren zwar nicht frei von Blut, Schweiß und Tränen für mich, aber sie lockerten alles sehr auf.
Schließlich hatte ich die zündende Idee, dass wir das ganze auf die Praxis erweitern

Ich schlug eine Experimentierstunde im Bett vor. Wichtig war für mich, dass wir dabei keinerlei Anspruch stellen, dass es heiß wird oder gelingt, sondern uns frei wie Teenies ausprobieren, dabei sprechen, Fragen stellen, erkunden, auch äußern, wenn wir raus aus dem Flow sind usw.
Humor,Offenheit, Fragen, statt Druck, dass es gelingen muss.
Das war der Startschuss für mich und nahm mir dieses Anspruchsdenken. Beim Zuhören, was er so über Sex zu sagen hatte, durch mein eigenes Erzählen, durch das anfangs eher technische Ausprobieren, lockerte ich mich auf und bekam richtig Lust, wurde mutiger und schließlich lüstern bis unersättlich
Ganz wichtig war es also, diesen großen Ernst, diese Wichtigkeit, das Gelingen müssen zu nehmen. Aber auch, mal weniger "idealistisch" zu sein. Also zu glauben, es müsse alles ganz von alleine perfekt wie im Film ablaufen. Blind und ohne Worte geschehen. Und dabei natürlich noch die große Romantik und Liebe.
Im Grunde sind wir es angegangen, so wie man auch andere Dinge lernt. Ob eine Sportart, eine Sprache, ein Handwerk. Da verfällt man ja auch nicht gleich in tiefe Zweifel, nur weil der erste Anlauf nicht gelingt.
Der Knoten war bei uns bereits so eng zugezurrt, dass ich das nicht mehr für möglich hielt.
Darum beschreibe ich Dir auch so ausführlich, was bei uns geholfen hat, was in mir vorging. Ich glaube, allein durch`s Reden oder Denken kann das nicht gelingen.
Mit der Zeit fiel auch der zu starke Blick auf meinen Freund ab- z.B. gefällt es ihm? Mache ich es richtig?- und ich begann mehr, meine eigenen Gelüste zu spüren. Das gelingt wohl nur durch`s Erleben, vor allem Entspannung, die erst eintritt, wenn man die ersten Mutproben bestanden hat, also hier und da mal über seinen Schatten gesprungen ist. Vorerst geht ja alle Energie in die Überwindung, dann erst kommt irgendwann die eigene Lust.
Das ganze Teenie-Erproben hat ca. einen Monat gedauert. Bin noch nicht komplett hemmungslos, hier und da noch schüchtern, aber es hat sich so viel getan, was ich für ausgeschlossen hielt. Und vor allem habe ich jetzt selbst lust, neues auszuprobieren, statt es als Forderung zu betrachten, die man an mich heran trägt. Oder als Prüfung, die ich zu bestehen habe.
Wichtig ist also auch, dass er lernt, in der Lust bei sich zu bleiben, statt den Fokus drauf zu haben, Dir ein perfekter Liebhaber zu sein. Das kannst Du fördern, in dem Du beim Experimentieren anfangs immer wieder nach seinen Empfindungen fragst. Ihn vielleicht erstmal verwöhnst und dabei sanft befragst. Immer wieder zu seinen Empfindungen führst. Sobald es dann bei ihm fließt, bekommt er ganz von alleine Lust, Dich zu verwöhnen.
Fazit: in jedem Menschen steckt ein Lustmolch
Hab noch einen Buchtip für Deinen Freund. Allerdings wäre es wohl eher kontraproduktiv, es ihm jetzt zu schenken weil es für ihn wahrscheinlich nur aussagen wird: Du hast ein Problem, bist ungenügend usw.
Hans-Joachim Maaz "Die neue Lustschule. Sexualität und Beziehungskultur"
Es beschäftigt sich eher mit psychologischen Aspekten der Lust, ist keine Praxisanleitung.