Zitat von Kaetzchen:Na, nicht ganz. Die Entwicklung lief ja parallel - die Emanzipation befreite die Frauen von der Abhängigkeit, damit entfiel auch für die meisten die Unterwürfigkeit per se. Jetzt mag sich eine Frau halt nur noch unterordnen, wenn der Mann ihr auch wirklich überlegen ist. Und nicht einfach nur so, weil er halt ein Mann ist.
Die fast immer vorhandene körperliche Überlegenheit darf Mann aber nicht einsetzen, um der Frau ihre Rolle zu zeigen. Und schon hakt es
Hat ja Gründe, warum Frauen in emanzipierten Ländern von prügelnden Doms fantasieren

und zwar zu Millionen (siehe Shades of Grey).
Und nein, ein A...loch ist kein Alpha, aber bis Frau rausgefunden hat, ob Mann nun ein Alpha oder doch bloß ein gewöhnliches A...loch ist, dauert es halt ein bisschen. Und in Situationen, in denen der Instinkt entscheidet, ist A...lochverhalten definitiv zielführender als Nettigkeit oder gar Unterwürfigkeit.
Da muß ich doch glatt mal C+P:
Die naive Jungfrau und der böse Schläger, es ist das uralte Motiv.
Und trotzdem kann die Annahme, dass es sich bei dem Erfolg von E. L. James Wiederauflage weiblicher Unterwerfungsfantasien um Retrosex und damit um einen gefährlichen Rückfall in den Präfeminismus handelt, bei der Analyse dieses neuen SM-Erfolges getrost übersprungen werden.
Denn Sex ist nun einmal Sex. Und kein Raum der Geschlechterpolitik. Im Gegenteil: Es ist ein Raum des freiwilligen und freien Spiels mit den Rollen. Und dass die Fantasien von formaler Unterwerfung bei gleichzeitigem Lustgewinn gerade zu historisch paradoxen Zeitpunkten Konjunktur erfahren, ist ebenso wenig empörenswert wie neu. Luis Buñuels Kultfilm Belle de Jour, in dem die bürgerliche Séverine (Catherine Deneuve) sich nach Fesselspielen sehnt und deshalb ein Doppelleben im B. beginnt, in dem sie dominiert und benutzt wird, bevor sie abends wieder zu ihrem braven Ehemann ins Bett kriecht, feierte 1967 parallel zur Frauenbewegung seinen größten Erfolg. Dass sich heute, in einer Zeit, in der Frauen Männer in Ausbildung und Arbeitspensum abhängen und Familien ernähren, der Topos des ausgepeitschten Managers um den der ausgepeitschten Managerin erweitert, ist nur plausibel.
Das Ideal der romantischen Zweierkonstellation wird aufgerollt
Doch erklärt das schon das ganze Faszinosum? Taugt Shades of Grey wenn schon nicht durch seine extreme Rollenzuschreibung zum Tabubruch, dann wenigstens wegen seiner Schilderung von Sex zu einem Skandal? Anders als Catherine Deneuve pafft Anastasia Steele nicht in lasziver Beiläufigkeit eine Zig.. Stattdessen wachst sie sich anständig die Achselhaare. Sie steigt nicht mutig hinab in eine abseitige Bord., sondern wie verzaubert hinauf, in die Penthousewohnung, das Segelflugzeug, den Helikopter. Es ist keine Horde lüsterner gewaltbereiter Männer, die sie dort oben trifft, sondern immer nur ihr fürsorglicher Angebeteter, der sie schick ausführen will. Und das tut er nur, wenn Ana einwilligt, jeden Tag genug und gesund zu essen, viermal pro Woche Sport zu machen und mindestens acht Stunden zu schlafen. An keiner einzigen Stelle kommt SM bei E. L. James in seiner schmutzigen Form daher. De Sadesche Orgien mit Urin, Kot und Nekrophilie sind bei ihr undenkbar, und anders als in der Geschichte der O. endet die Quälerei, lange bevor Blut fließt oder Brandnarben entstehen könnten.
In Shades of Grey spiegelt sich der Zeitgeist vielmehr in einer sauberen, nach Seife riechenden Gegenutopie mit yogisch-ayurvedischen Wellness-Werten, die Christian Grey mit seinen Imperativen "Entspann dich!", "Vertrau mir!" bis hin zur ewig nervtötenden Frage "Hast du genug gegessen?" verkörpert. Es wird vorbildlich verhütet, immer schön geduscht, und sobald die Zeit im "Spielzimmer" vorbei ist, legt der unnahbare, dominante "Dom" Christian sich ins Bett neben Ana, umarmt sie und wispert fürsorglich "Schlaf gut".
Ist es also wirklich die Schilderung des Verhauenwerdens, die die Massenwirksamkeit dieses Buches ausmacht? Jein. Denn was in Shades of Grey geboten wird und fasziniert, ist weniger die alleinige Praxis des SM. Es ist vielmehr die exzessive Zweisamkeit, die diese Praxis mit sich bringt.
https://www.zeit.de/2012/29/Shades-of-grey