ysabell
Gast
Zitat:Eine Freundin von mir war Mitte dreißig, als sie eine Amour fou mit einem Endsiebziger begann - ein kubanischer Musiker, der mit ihr UND seiner 60-jährigen Ehefrau in einer Band spielte. Der Typ konnte nicht mal deutsch, meine Freundin mußte erstmal spanisch lernen. Jedenfalls war er finanziell abhängig von seiner Ehefrau, Na ja, die Kiste ging ungefähr 10 Jahre, in denen die beiden sich NUR zu festen Wochenterminen in ihrer Wohnung trafen. NICHTS anderes, NIE sind sie auch nur zusammen in ein Lokal gegangen oder spazieren - geschweige Urlaub oder so. - Abgesehen von den Probeterminen und Gigs, wo natürlich die Ehefrau dabei war.
Meine Freundin ist übrigens Psychologin, dies nur am Rande.
Dann wurde er krank. Und genau zu diesem Zeitpunkt erfuhr die Ehefrau von der Affäre, nach all den Jahren. - Fortan konnte meine Freundin ihn nicht mehr sehen und litt still vor sich hin.
Von seinem Tod erfuhr sie dann ein Jahr später von einem Bekannten... erst nach der Beerdigung, die ohne sie stattfand.
Wäre ich die Ehefrau gewesen, so hätte ich ganz anders agiert. - Ich hätte die Geliebte ans Sterbebett gelassen und zur Beerdigung eingeladen.
Zitat:Nachdem die Ehefrau es herausbekam, gab es für ihn offensichtlich keinen Grund mehr, die Affäre zu verheimlichen, oderle? Und Besuche am Pflegebett sind keine "Öffentlichkeit". Natürlich hatte er den Wunsch, in der Sterbephase die Freundin noch mal zu sehen, oder was glaubst Du?
Der Typ war also uralt und finanziell und sonstwie abhängig von der Frau (die lediglich 20 Jahre jünger war als er , nicht 40Jahre jünger wie meine FreundinDie Frau war übrigens ein recht herber Feger, aber die beiden hat eben auch viel vebunden. Sollte er sie nun etwa verlassen und zu meiner Freundin in ihre Studentenbude ziehen? Das wollten Sie gar nicht. Ihre Beziehung fand quasi auf einem fernen Stern statt, getragen von gemeinsamer Musik und Seelenverwandtschaft. Im Alltag hätte das nicht funktioniert. - Außerdem wäre dann die Band auseinandergefallen, die Band, die für alle drei DER Lebensinhalt war. - Dies zur "Menschlichkeit"
Ich kannte ihn etwas, er war eine bekannte Figur in gewissen Musik-Kreisen und hatte einen umwerfend warmen Charme.
Meine Freundin hat ja das Besuchsverbot der Frau akzeptiert. - Hat noch lange an der Geschichte zu knabbern gehabt, aber irgendwann hat sie einen gleichaltrigen Mann kennengelernt und geheiratet.
das war doch auch für die Ehefrau sehr schwer. Sie wusste, dass ihr Mann sterben wird, musste mit all den Gefühlen umgehen, ihn pflegen, ist noch mit der Affäre konfrontiert, und hat nichtmal die Zeit, den Raum für ihre eigenen Gefühle, Fragen, vielleicht Wut, Enttäuschung, Trauer usw. weil sie weiß, dass dafür vielleicht keine Zeit mehr ist weil ihr Mann im Sterben liegt. Dann noch der Gedanke, dass sie all die Jahre zu Dritt bei den Proben waren und ihr etwas vorgespielt wurde.
Das muss doch zu einem enormen emotionalen Druck, Leiden führen. Ich weiß nicht, wie ich mich in so einem Fall verhalten würde, aber ich würde in so einer Situation von keinem Menschen verlangen, dass er die Geliebte ans Sterbebett lässt.
Ich wäre wahrscheinlich sauer, enttäuscht von beiden, hätte das Bedürfnis, mich zurück zu ziehen. Geht aber nicht weil der Mann ja stirbt. Das würde mich zerreißen.
Und dann noch gütig handeln? Ich kann verstehen, dass es in so einer Situation emotional unmöglich ist. Näherliegend wäre dann für mich die radikale Konsequenz: ihr liebt euch seit 1O Jahren? Dann gehe ich und die Geliebte kann ihn pflegen und Abschied nehmen. Nicht aus Trotz oder dergleichen, aber das schiene mir emotional logisch.
Denn in welcher Rolle nahm sie Abschied, wer war sie ihm denn wenn sie als herber Feger, von dem er finanziell abhängig war, bezeichnet wird?
Zum markiertem: Hm, also brauchten die beiden ja die Affärensituation, auch eine Ehefrau, die den Alltag übernnimmt. Was ist das dann für eine Liebe?