Hallo, ihr Leidensgenossinnen,
Ich bedanke mich für den herzlichen Empfang. Ich möchte meine Geschichte nun doch erzählen, habe bisher davor zurückgeschreckt, weil sie auch, wenn ich ganz viel weglasse, noch lang wird...
Ich bin 45, "er" ist 47. Mein Noch-Ehemann ist genauso alt wie ich, wir haben einen Sohn im Grundschulalter. Vor 6 Jahren habe ich über meinen Mann den Anderen kennengelernt, sie sind Kollegen.
Ich muss gleich sagen, dass ich meinen Mann liebe. Er ist wohl die Liebe meines Lebens, weil ich mit ihm alles zum ersten Mal erlebt habe. Zum ersten Mal mit einem Mann zusammengezogen, ein Kind bekommen und geheiratet, und das in einer Zeit, als es den Anderen schon Jahre gab und mein Mann auch davon wusste.
Aber der andere... Ist vielleicht meine große Liebe... Wobei ich das nicht hoffe....
Bevor mir das passiert ist, hätte ich das zwar nicht ausgeschlossen, dass man zwei Menschen gleichzeitig lieben kann. Ist mir halt selber nie passiert. Aber dann widerfuhr es mir doch. Und es hat viel Leid über einige Menschen, auch vollkommen Unschuldige gebracht.
Der Andere und ich verliebten uns jedenfalls vor 6 Jahren sehr heftig, zumindest glaubte ich es damals! dass es beiderseitig war. Wir trafen uns über mehrere Monate heimlich, es passierte auch körperlich etwas. Hauptsächlich gingen wir aber spazieren oder essen, da oft auch mein damals noch ganz kleiner Sohn dabei war.
Meinem Mann fiel schnell auf, dass etwas mit mir nicht stimmte. Und ich war auch vollkommen kopflos, tatsächlich buchten wir einen Wochenendurlaub! Dieser begann wunderschön und endete katastrophal, denn der Andere kündigte mir dort seinen Selbstmord an. Er wolle vorher alles seiner Frau sagen, mit der er zu dem Zeitpunkt schon über 20 Jahre verheiratet war und zwei volljährige Kinder hatte. Drama pur. So blieb es irgendwie zwischen uns.
Natürlich flog alles nach dem Urlaub auf. Der Andere musste sogar aufhören zu arbeiten, alles wurde öffentlich, auch seine Selbstmordankündigung, und er wurde nach einer langen Krankschreibung versetzt.
Mein Mann verzieh mir, aber es blieb eine große, nie mehr richtig zu heilende Wunde in unserer Beziehung. Ich wollte ihn nie verlassen, ich liebte ihn, ich liebte auch unsere kleine Familie.
Der Andere blieb bei seiner Gattin, einer traurig vorgealterten, verbittert wirkenden Frau, die eine Menge mit ihm durchgemacht hatte. Im Laufe der Zeit-so zumindest laut Aussage des Anderen- projizierte sie all ihren Hass und ihre Bitterkeit auf mich, obwohl ich weder die erste noch die letzte aushäusige Bekanntschaft ihres Gatten war.
Wir hatten dann erstmal anderthalb Jahre Funkstille, an der es keinen Tag gab, an dem ich nicht an ihn gedacht habe.
Ich wusste, wie falsch und ungerecht es war. Ich war mit einem so tollen Mann zusammen, liebevoll, verlässlich, männlich, ein guter Liebhaber... Und ich dachte an einen Anderen... Der weder außergewöhnlich schön noch klug noch ehrlich war, eher emotional instabil.
Wir trafen uns dann. Sprachen über unsere Liebe zueinander. Er hatte sich von seiner Frau getrennt, kurz danach kam er mit einer anderen zusammen, sie blieb eine kurze Episode.
Um es abzukürzen: immer wieder in den letzten 6 Jahren hatten wir Kontakt und dann wieder nicht. Bis auf das erste Mal nach anderthalb Jahren, wo ich ihm schrieb, kam jede Kontaktaufnahme von ihm ( mit Ausnahme in diesem Jahr, wo ich ihm zu seinem Geburtstag gratulierte). In den gesamten 6 Jahren dachte ich jeden Tag an ihn. Immer wieder nahm er den Kontakt auf, meist blieb es schriftlich, mal telefonisch, meist endete es in Dramen, von seiner Seite, immer wieder bekam es mein Mann mit, immer wieder tat ich ihm durch meinen Egoismus weh. Dabei wollte ich doch nur mit dem Anderen befreundet sein. Sagte ich mir und meiner Umwelt. Ich kann bis heute nicht sagen, was ich eigentlich wollte bzw. will. Von Polyamorie und solchen freie Liebe Konzepten halte ich nicht viel, das mag schöne Theorie sein, lebenslange Treue empfinde ich aber als genauso schwer.
Der Andere war und blieb mein Sehnsuchtsort, der Grund, eine Therapie zu machen. Mein Mann und mein Sohn waren meine Konstante, die ich brauchte und liebte, die aber, solange ich an ihnen festhielt, verhinderten, dass ich dem Anderen näher kam. Der sich sowieso immer wieder entzog, so, wie es ihm beliebte.
Dieser kehrte zu seiner Frau zurück. Die Jahre gingen vorüber. Dann hatten wir über anderthalb Jahre Kontakt. Versuchten so etwas wie eine Freundschaft. Unsere Partner wussten davon, litten. Und wir hatten schlechtes Gewissen, also ich zumindest. Körperlich passierte nie wieder etwas zwischen uns. Fast nichts. Küssen und Umarmen schon... Aber nicht mehr.
Ich kaufte mir zig Bücher, über Selbstliebe, über Loslassen, über das höhere Selbst, das im Hier und Jetzt sein. Die Sehnsucht blieb, denn er entzog sich mir immer wieder.
Spielte Spielchen, ich wusste nie, ob er es ernst meinte, wenn er z. B. sagte, dass ich seine große Liebe sei.
Dann brach er seiner Frau zuliebe den Kontakt zu mir ab. Monate später flippte mein Mann aus und verknallte sich Hals über Kopf in eine sehr viel jüngere Frau und zog aus, obwohl ich ihm sagte, er solle es ausleben, so lange, bis sich seine Hormone abgebaut hätten, um dann noch mal zu schauen, was Bestand habe in seinem Leben.
Denn das kannte ich ja von mir selbst:
Da hatte sich in all den Jahren nichts abgebaut. Der Andere blieb meine Sehnsucht, meine Fata Morgana, mein Ideal. Mein Verstand wusste das. Dass er lediglich ein Symbol war für einen inneren Mangel, er war ein Türenöffner zu anderen, ja höheren Bewusstseinszuständen. Er selbst war eigentlich nur bestenfalls Durchschnitt, was ich in mir selbst erlebte, das war wohl das, was mich so an ihn band. Oder bindet...
Natürlich meldete er sich, sobald er von meinem unfreiwilligen Singlezustand hörte... Er und mein Mann sind ja wie gesagt Kollegen, wenn auch nicht mehr zusammen arbeitend... Aber der Flurfunk...
Wir schrieben uns dann eine Weile, auch, als ich mit meinem Sohn verreist war, um Abstand zu gewinnen. Dann schrieb er mir, er habe sich schrecklich doll verliebt, sie sei seine nächste große Liebe.
"Leider" sehr jung. Wie sich herausstellte, 24. So alt wie seine jüngere Tochter. Er müsse sich nun sofort von seiner Frau trennen.
Das tat er dann. Brach dann den Kontat zu mir ab ( er blockiert mich dann immer gleich bei WA). Dann trennte sich mein Mann wieder von seiner jungen Freundin. Gab seine Wohnug auf, die er kurzfristig angemietet hatte, und wollte die Familienwohnung halten, die wir bereits gekündigt hatten.
Wir stellten fest, dass wir uns noch liebten, aber zu viel vorgefallen war. Ich sah und sehe auch meinen großen Anteil an dem ganzen Dilemma. Meinen Egoismus. Meine Zerrissenheit.
Dann meldete sich der Andere wieder. Ich war so wütend auf ihn. Trotzdem traf ich mich. Das kennt ihr ja alle. Ich wollte Nähe, Klärung, "das" Gespräch. Ob alles nur Gerede war.
Er war mit dem Küken zusammengezogen, und die große Liebe war recht schnell zusammengeschrumpft auf eine Lebensabschnittsgefährtin, die ihm eigentlich nur den Abbsprung aus seiner schon langen unglücklichen Ehe ermöglicht hatte, weg von seiner offenbar hochgradig abhängigen Frau. Seine Tochter, so alt wie seine Neue, redete kein Wort mehr mit ihm. Sein Sohn, älter als seine Neue, schon.
Der Altersunterschied schien ihn doch recht schnell zu stressen. Am Anfang zeigte ich ihm deutlich meine Wut, dann wurde ich wieder weicher. Am Ende lagen wir uns wieder in den Armen und küssten uns und dann ging jeder wieder seiner Wege. Einen Tag später schrieb er mir, dass er sich mit dem jungen Ding gestritten habe, weil er nun doch zwei Wohnungen bevorzuge. Dann blockierte er mich wieder.
Kurz nachdem ich meine Wohnung bezogen hatte, das postete ich als Status bei WA, meldete sich der Andere wieder. Ich hatte es so formuliert, dass er hätte denken können, an meinem Leben sei nicht nur die Wohnung neu, und er gratulierte mir.
Ich bin nach wie vor Single, das fand er schnell raus. Er schrieb mir, dass er sich trenne wolle, das junge Ding aber Stress mache. Dann telefonierten wir an einem Abend, während sie betrunken neben dem Klo lag. Er hörte sich müde und resigniert an, und ich bot ihm mein offenes Ohr an.
Einen Tag später blockierte er mich wieder.
Ich schickte ihm dann zwei Mails, in denen ich noch einmal über meine Gefühle für ihn schrieb ( es gab hunderte dieser Art von beiden Seiten). Er antworte mit einigem Abstand, es sei etwas passiert, ein Schicksalsschlag, über den er nicht reden wolle. Es sei schlimm, er müsse erst mal zu sich kommen.
Das ist der letzte Stand der Dinge. Irgendwie hört es sich wahrscheinlich so an, als wäre er eigentlich ein toller Typ. All die negativen Seiten schreibe ich ein andermal. Und dann weniger wortreich .
Ich verbringe also übermäßig viel Zeit mit Nachdenken über zwei Männer. Den einen sehe ich ja regelmäßig, und das nicht nur wegen unseres Sohnes.
Bei dem anderen schwanken meine Gedanken zwischen: jetzt könnten wir es doch versuchen! Und: er kann mich nicht lieben, wenn er in schweren Stunden überall ist, aber nicht bei mir.
Meine Freundin sagt: mehr als 25% am Tag an Typen zu denken ist Lebenszeitverschwendung.
Wie recht sie hat! Und das ist doch eigentlich schon zu viel!
Bei diesem Anderen war es bisher so: Kontaktabbruch: Ich leide. Mal mehr, mal weniger. Gerade wieder mehr. Ziemlich sogar. Deshalb habe ich euch ja gefunden.
Dann wird es langsam besser. Dann geht es mir auch wieder richtig gut, so sehr, dass ich kurz davor bin, zumindest viele Stunden nicht an ihn zu denken, und wenn, dann nur kurz, nach dem Motto: Ach, ich habe ja noch gar nicht an "ihn" gedacht. Und kurz, bevor er wirklich in meinem Bewusstsein verblasst- Bamm! Die nächste WhatsApp, die nächste Mail von ihm.
Obwohl ich jedesmal denke, dass er sich nun nie wieder melden wird, auch, weil er das schön öfter angekündigt hat...
Und diesmal, sollte er sich irgendwann noch mal melden, möchte ich alles anders machen.
Ich will endlich frei sein...
Danke an alle, die es geschafft haben, bis hierher zu lesen...