Guten Morgen,
deine Schilderungen sind sehr intensiv. Ich konnte nicht aufhören zu lesen. Du schilderst eine Lebensphase, in der du eine wichtige Entwicklung durchgemacht hast. Und dazu gehört auch der Teil, der dir die meisten Probleme bereitet: Die juristische Verfolgung mit dem anschließenden (und abschließenden) Urteil.
Es ist mir nämlich ein großes Anliegen, Menschen dabei zu helfen, den Begriff der SCHULD so weit wie möglich aus ihrem Leben zu nehmen. Denn Schuld hat die sehr unangenehme Eigenschaft, instrumentalisiert zu werden. Und dabei wird oft großer Schaden angerichtet.
Ich schließe dabei immer die Form der Schuld aus, die durch Straftaten entsteht. Denn Straftaten sind schuldhaftes Verhalten. Bei dir ist mir aber aufgefallen, dass du diese Straftaten zwar begangen hast, dafür aber in aller Öffentlichkeit strafrechtlich verfolgt und verurteilt wurdest. Dabei spielt die Höhe der Strafe keine Rolle. Deine Schuld ist damit der Gesellschaft gegenüber gesühnt und darf jetzt keine Rolle mehr spielen. Dass ein großer Teil der Gesellschaft das anders sieht, ist eine Tatsache, die dich zwar beschäftigt, die du aber bewältigen kannst und solltest.
Es geht also darum, dass du irgendwann den Kopf nicht mehr unter dem Arm tragen solltest, sondern da, wo er hingehört. Aufrechter Gang und das Bewusstsein, dein Leben nun selber in der Hand zu haben. Dabei wird dir die Therapie sicher helfen. Denn du wirst natürlich damit rechnen müssen, von bestimmten Menschen als ein unehrlicher Mensch angesehen zu werden. Aber das trifft dich in dem Moment viel weniger, in dem du selber mit dir im Reinen bist.
Ich mag den Satz: "Die wahre Stärke eines Menschen besteht darin, zu seinen Schwächen zu stehen". Das scheinst du gerade auszuprobieren. Und ich möchte dir Mut machen, darin nicht nachzulassen, auch wenn du leider damit rechnen musst, dass es Menschen gibt, die das ausnutzen. Sie können damit nur dein Äußeres erreichen. Dein Inneres kannst du so schützen und stärken, dass dich das nicht mehr trifft. Wenn du mit dir im Reinen bist. Und dieses Ziel solltest du mit allen Mitteln zu erreichen versuchen.
Der Vergleich mit anderen ähnlichen Fällen schadet dir sehr, er bindet Ressourcen und wirft dich zurück. Bitte lass dich darauf nicht mehr ein. Es gibt genug, was dir schaden kann, da solltest du es nicht noch selber tun, indem du vergleichst und immer wieder in die innere Rechtfertigung gehst. Was dir helfen kann, ist die GEWISSHEIT, dass du nach der Straftat alles getan hast, um Schaden von anderen abzuwenden. Und vor allem, dass du vor unserem Rechtssystem dafür gerade gestanden hast.
Jetzt geht es darum, dir einen Kreis von Menschen aufzubauen, der in dir nicht mehr den ehemaligen Straftäter sieht, sondern alles andere, was dich ausmacht. Damit das gelingen kann, musst du erst einmal selber davon überzeugt sein, dass es diese guten und liebenswerten Eigenschaften bei dir gibt. Mach dich mit Hilfe der Therapie auf die Suche danach, begrüße diese guten und liebenswerten Eigenschaften und sieh sie als Reichtum an. Gib Menschen, die deine Schwäche als Anlass zu Verletzungen nutzen, keine Macht mehr über dich, sondern wende dich von ihnen ab. Und vor allem: Lerne einen neuen Umgang mit dem Instrument der RECHTFERTIGUNG. Es gibt Situationen, in den man sich rechtfertigen sollte und kann. Es gibt aber viele Menschen, die diese Rechtfertigung nicht verdient haben. Du vergeudest deine Zeit und deine Seelenstärke mit ihnen. Lern, dich von ihnen abzugrenzen, abzuwenden und dich denen zuzuwenden, bei denen deine Rechtfertigung positive Folgen hat. Und ich hoffe, deine ehemalige Clique gehört dazu.
Auf das Gespräch mit ihnen würde ich mich mit dem Therapeuten vorbereiten. Das kann dir viel Kummer ersparen. Denn trotz allem: DU bist wichtiger als die Clique. Und das muss dir während einer solchen Begegnung zutiefst klar sein.
Schön, dass du hier geschrieben hast, auch wenn es nicht direkt mit dem Forum zu tun hat.