J_Eulenspiegel, Du beschreibst aus meiner Sicht sehr gut eine männliche Herangehensweise. Sehr linear und auf das schnelle Herstellen eines anderen Zustands konzentriert.
Dem möchte ich mal das andere Extrem gegenüberstellen:
Zitat von J_Eulenspiegel: Unterglieder wieso er das gemacht hat, weshalb so lange, usw.
Das finde ich nicht wichtig. Es gibt ihm nur die Möglichkeit, sich in weitere Rechtfertigungslügen und Halbwahrheiten zu verstricken und bei AngelsWings Kopfkino auszulösen.
In der Regel ist in AngelWings Konstellation (lange Beziehung, 2 Kinder) der Grund für eine Affäre in 99% der Fälle: Der Alltag zu Hause erscheint wenig attraktiv oder eintönig und man sieht sich selbst neben den Kindern zu wenig gesehen. Eine neue Person tritt ins Leben, die einen wieder "frei und lebendig und gesehen" fühlen lässt und bei der man sich ganz neu präsentieren kann, sein kann, wer man will und keine Verpflichtungen hat. Flirtet diese Person, trifft diese Anerkennung anders als die Anerkennung durch den Partner und man flirtet zurück, etc. pp.
Warum so lange? Weil beides zu haben das Ideal ist und er Gründe fand, es sich gönnen zu dürfen und niemandem etwas zu nehmen oder weh zu tun, so lange es geheim bleibt.
Aber das kann oder wird er ihr so nie erzählen. Daher ergeben aus meiner Sicht die Gespräche nach dem "Warum" erst dann Sinn, wenn der Partner aus einer sicheren Position heraus sich selbst damit beschäftigen möchte (wollen die wenigsten). In der jetzigen Situation, in der AngelsWings Mann nur seinen Verbleib in der Familie retten will, wird er ihr erzählen, was er glaubt, was sie hören will, damit er bleiben kann.
Zitat von J_Eulenspiegel: dann ist das nicht richtig, es bekommen viele Alleinerziehende hin ohne Partner und da sind die Kinder auch noch jünger
Doch, im Moment ist das richtig. Im Moment hat sich das Paar die Betreuungsaufgabe geteilt und die Arbeitszeiten darauf ausgerichtet. Das zu ändern, erfordert nicht nur Kraft, die man nach einem solchen Schlag ins Kontor nicht hat. Es erfordert auch Umstellungen, die man niemandem wünscht.
Dass sämtliche Alleinerziehenden das hinbekommen, bedeutet nicht, dass es einfach oder besser wäre. Wir bekommen es hin, weil wir müssen.
Und AngelsWings wird es auch hinbekommen, weil auch sie es voraussichtlich hinbekommen muss. Das Argument "andere können das schließlich auch" nützt ihr in ihrer Situation nur nichts, weil es sie nicht stärkt, sondern in die Pflicht nimmt, jetzt zum Dank für den Betrug auch noch die Arbeit ihres Mannes zu übernehmen.
Zitat von J_Eulenspiegel: Die Entscheidung musst du relativ zeitnah treffen.
Sehe ich anders. Sie kann und darf sich Zeit lassen. So viel wie sie braucht. Ein Trennungsjahr lang.
Dass die meisten Frauen vorher schon Wege finden, ohne den Ex-Partner alles allein zu schaffen, liegt nicht daran, dass das die beste Lösung für alle wäre. Sondern daran, dass auf den Partner nach Aufdeckung von Betrug und entsprechend dicker Luft zu Hause häufig gar kein Verlass mehr ist, es sei denn, man verzeiht alles und tut so, als wäre nie etwas geschehen.
Dass die Option, dass ihr Mann ihr aus den Augen geht, auszieht, und dennoch weiterhin vollumfänglich seiner Betreuungsaufgabe nachkommt, sieht hier keiner, weil es in der Realität auch nur in den seltensten Fällen funktioniert. Die häufigsten Optionen sind, entweder verzeihen und den Partner nicht mehr nerven oder nicht verzeihen und sich damit seine Arbeit mit aufladen. Den Mann als Partner nicht mehr zu akzeptieren und ihn als Vater dennoch weiterhin in die Pflicht nehmen zu dürfen, sollte der Normalfall sein, steht aber häufig gar nicht zur Debatte. Wie soll sie sich da "schnell" entscheiden?
Zitat von J_Eulenspiegel: Ich denke irgendwie, wenn du ihm die lange Affäre durch gehen lässt und er dafür nicht "bestrafft" wird, was könnte er als nächstes "anstellen".
Und ich denke, dass es nicht um Bestrafung, also um Wiederherstellung von Würde und Ego geht. Sondern darum, zu erkennen, dass nicht die eigene Würde angekratzt wurde, sondern der Partner sich durch sein Verhalten nur selbst entehrt hat.
Es geht meines Erachtens auch nicht darum, den Partner jetzt zu erziehen und weiteren Betrug durch Sanktionen zu verhindern. Sondern darum, herauszufinden, wo man selbst verletzt wurde und wie diese Verletzung wieder heilbar ist.
Ist das Hauptthema das erschütterte Vertrauen durchs Lügen/Hintergehen oder ist das Hauptthema der Verrat an der sexuellen Exklusivität?
Das kann man bei sich durch ein Gedankenexperiment ergründen:
Der Mann ist aus dem Haus gegangen und zurück gekommen, ohne zu sagen, dass er sich während seiner vermeintlichen Arbeitszeit mit einer Frau trifft.
Mal angenommen, der Mann wäre statt dem körperlichen Betrug in diesem Jahr wie üblich zur Arbeit gegangen, obwohl er die verloren hat, was er zu Hause verheimlicht hat. Er hätte die ganze Zeit erhofft, wieder neue Arbeit zu finden und musste es jetzt beichten, weil das Arbeitslosengeld ausläuft und die Konten leer sind.
Würde dieser Betrug dann als genauso schlimm, weniger schlimm oder schlimmer empfunden als der tatsächliche Betrug?
Dann lässt sich abgrenzen, ob es um den Vertrauensbruch, das Verheimlichen von wichtigen Informationen oder um die sexuelle Exklusivität geht. Und ob und wie das verziehen oder geheilt werden kann.
Das ist das andere Extrem der Herangehensweise.