Zitat:In Bezug auf Erwartungen, Bildnis und Umformung triffst Du damit den Nagel ziemlich auf den Kopf !
Zum einen stellt sich die Frage, wie hoch angesetzt und realistisch diese Erwartungen und das Bildnis dann sind.
Viel interessanter ist die Frage, welcher Art die Erwartungen sind: Es sind die schon früh frustrierten Bedürfnisse nach Anerkennung, Bestätigung und Wichtigkeit, die im Wesentlichen die Erwartungen ausmachen.
Das kann z.B. die Erwartung eines Versorgungswunsches sein (konkret: die Frau bleibt zu Hause und macht den Haushalt) oder die Erwartung, von der Partnerin immer und überall auf einen Sockel gestellt zu werden. Nicht selten aber auch, dass die Partnerin zur Demonstration des eigenen Status "vorzeigbar" bleibt (sich in Form hält, Sport macht, nicht zunimmt usw.).
Zitat:Magst Du beschreiben, was es in Dir ausgelöst und wie Du reagiert hast, wenn die Frau/Partnerin diese Erwartungen nicht erfüllt hat /erfüllen konnte oder sich nicht wie gewünscht "umformen" ließ ?
Das lässt sich folgermaßen sagen:
Ausgelöst wurden Gefühle von Kränkung, Enttäuschung, Ärger, Unverständnis und so gut wie keine Empathie.
Die Reaktionen: Entweder Rückzug und Missachtung oder offene Abwertung, Kritik, bewusstes Höherstellen, Arroganz, im Höchstfall Abbruch des Kontakts und Beendigung der Beziehung.
Das ist auch noch das Muster, das nun zum Scheitern meiner Ehe und der baldigen Scheidung geführt hat.
Zitat:Wann und wodurch wurde Dir das bewußt ?
An dem Punkt, als ich mich im Rahmen meiner Therapieausbildung noch intensiver mit den Strukturen in meiner Familie auseinandergesetzt habe. Mir ist urplötzlich aufgefallen, dass ich das selbe Spielchen wiederholt habe, das meine Eltern mehr oder weniger erfolgreich seit fast 50 Jahren spielen. Alice Miller nennt das den "Wiederholungszwang". Aus der Sozialpsychologie war mir schon länger
theoretisch bewusst, dass Attraktivität kein Zufallsprozess ist, aber
praktisch relevant wurde es erst, als ich angefangen habe aufzuwachen.
Nochmal vertieft hat sich die Einsicht durch die intensiven Gespräche mit meiner derzeitigen Partner, die ebenfalls Psychologin und Therapeuten ist und zudem einen ähnlichen Erfahrungshintergrund hat.
Zitat:Wie kam es zu dieser Erkenntnis ?
Nachdem ich 6 Wochen mit meiner Partnerin zusammen gewesen bin, gab sie mir das Buch "Eitle Liebe" von Bärbel Wardetzki. Ich habe das erste Kapitel gelesen und dann das Buch total bestürzt weggelegt, weil ich gedacht habe: "Diese Frau schreibt über mich!". Ab diesem Punkt fügten sich die vielen Puzzleteilichen, die ich schon in den Jahren vorher zusammengetragen hatte, zu einem konsistenten Bild zusammen: Die bereits frühen Erfahrung aus der Kindheit, die zu ausgeprägt narzisstischen Persönlichkeitsstrukturen geführt haben (bestätigt, als ich anfing, Alice Miller zu lesen). Die Erkenntnis, dass es einen Grund hatte, dass ich in unterschiedlichen Situationen und mit unterschiedlichen Personen immer wieder die gleichen Schwierigkeiten hatte (Rainer Sachse und das Modell der doppelten Handlungsregulation). Die Auswirkungen des Narzissmus auf Beziehungen und die Kollusion (Bärbel Wardetki). Dazu als Framework Anthony deMellos "Awareness".
Ich vergleiche das bei aller Abneigung gegen zu viel Pathos immer ganz gerne mit der roten Pille aus Matrix, die einem aus der Matrix (hier: der vor dem Hintergrund der Persönlichkeitsstörung konstruierten - ichsyntonen - Welt) herausführt und die Problematik im Kern erkennen lässt (die tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus). "Welcome to the real world!" oder "Wake up!" (Anthony DeMello).
Zuletzt wurde die Ansicht auch durch meinen Therapeuten geteilt, mit dessen Hilfe ich versuche, meinen Frieden mit der Vergangenheit zu machen, derzeit durch Auseinandersetzung mit den frühen Traumata in der Familie.
Wichtig für den Prozess ist dabei auch meine Partnerin, die selbst sehr sensible für diese Art von Verhalten ist und mir somit die unmittelbare Rückmeldung und die Auseinandersetzung ermöglicht, wenn ich z.B. wenig wertschätzend oder abwertend reagiere usw.
Zitat:Die Suche und Rückkehr zum wahren Selbst, sehr schön in Worte gefasst !
Was hat Dir auf diesem Weg bisher am Meisten weitergeholfen ?
Ist nicht von mir - sondern fast wortwörtlich von Alice Miller - will mich ja nicht (mehr) mit fremden Federn schmücken.
Wichtig auf diesem Weg war die Wiederentdeckung meines lange abgespaltenen emotionalen Erlebens - gefördert durch Supervision und Selbsterfahrung. Beinah 30 Jahre lang war ich einfach nur total rational und verkopft. Intellekt und Ratio waren die Waffen, die ich einer - für meine Wahrnehmung - oft feindseligen Welt entgegensetzen konnte. Entsprechende Leistungen in Form von Abschlüssen, Titeln usw. machten den Status mess- und sichtbar.
Das ist aber sehr anstrengend, weil ich mich kaum auf einem Erfolg ausruhen und damit zufrieden sein konnte - immer mehr, schneller, höher, weiter. Die Folge: Überforderung, Zusammenbruch, Depression - das Gegenteil der andere Seite, der Grandiosität. Aus dem Zusammenbruch heraus erwuchs die Notwendigkeit der beruflichen Umorientierung und die Rückbesinnung auf meine eigenen Bedürfnisse - statt immer nur den vermeintlichen Erwartungen der Außenwelt zu genügen und damit zu gefallen.
Eine wichtige Gefährtin auf dem Weg zurück zum wahren Selbst ist meine Partnerin. Bei ihr habe ich zu ersten Mal mehr Offenheit und Authentizität zugelassen - und es waren genau diese verletztlichen Seiten und das offene Gespräch über Gefühle, die fast vom ersten Augenblick an eine Vertrautheit und Nähe gebracht haben, wie ich sie vorher noch nicht erlebt habe.
Zitat:An dem Punkt scheitern denke ich Viele, weil es so schmerzhaft ist und das trifft auf beide Counterparts zu, sehr schmerzhaft sich solchen Thematiken zu stellen und ungeschönt in den Spiegel zu schauen, den Selbstbetrug einzugestehen, den *beep* Tatsachen ins Auge zu blicken.
Das ist wahr. Letztendlich ist etwa meine Ehe daran gescheitert, das die Veränderungsbereitschaft zu einseitig gewesen ist. Ich will jetzt meine Frau nicht durch den Kakao ziehen, sondern denke, es ist kein Nicht-wollen, sondern eher ein (noch) Nicht-Können. An mir selbst habe ich ja gesehen, dass mir die Kosten der Persönlichkeitsstörung quasi über den Kopf wachsen müssen, bis ich aufgebrochen bin, etwas zu verändern. Vielleicht ist es bei ihr einfach noch nicht an der Zeit dafür.