Zitat von 6rama9:Ein guter Charakter ist Teil einer Persönlichkeit, die den eigenen Nutzen und den für seine Mitmenschen in Einklang bringt und sich und anderen soziales, intellektuelles und emotionales Wachstum ermöglicht.
Nun hat jeder so seine eigenen Vorstellungen davon, was Nutzen und Einklang und Wachstum bedeuten, sprich: was am Ende des Tages einen guten Charakter ausmacht.
Ich persönlich finde zum Beispiel, dass es Teil eines guten Charakters ist, im Umgang mit sich selbst und anderen
fehlerfreundlich zu sein und sich moralischer Bewertungen möglichst zu enthalten.
Ich finde auch dass es Teil eines guten Charakters ist, komplexe emotionale Situationen differenziert und wertneutral betrachten zu können und
allen Beteiligten eines Systems gegenüber Empathie zuzulassen.
Das könnte man sicher noch ausgiebig im Detail fortführen und käme nie auf einen Nenner, weil die Menschen nunmal so verschieden sind wie sie sind. Am Ende käme man wohl zu dem Schluss, dass es sehr viele unterschiedliche gute Charaktere gibt, aber keinen einzigen guten Charakter, der sich ohne Fehler, Schwächen und Lernprozesse geformt hätte.
Ständiges Beharren auf moralisch einwandfreiem Verhalten wirkt auf mich bisweilen verstörend anankastisch, leugnet es doch schlichtweg die Realität der menschlichen Natur. Wir SIND fehlerhafte Geschöpfe, wir sollten dem Rechnung tragen und nach Lösungen suchen anstatt nach Schuldigen.
Zitat von paulaner:Aber dass der ungebundene AP JEGLICHE Mitverantwortung von sich weist...das geht mir auf den Keks. "Was interessiert mich der Mensch, dem durch mein Verhalten großes Leid zugefügt wird. Mir doch egal".
Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass das einfach mit "egal" erklärbar ist. Die Dynamik ist ja oft eine andere.
Bei einer rein se*uellen Affäre finde ich die Antwort einfach: Wer sich mir als reiner Bettgenosse anbietet, dessen weitere Verhältnisse können mir doch wirklich egal sein. Kaum jemand wird vor jedem ONS oder Techtelmechtel akribisch prüfen, ob der geplante Akt nicht womöglich zum Nachteil eines vom Gegenüber verheimlichten Dritten geschieht.
Bei einer emotionalen Affäre spielen ganz andere Dinge eine Rolle. Verliebtheit, insbesondere verbotene Verliebtheit, ist ein unglaublich starker Motor. Man sehnt sich so sehr nach etwas, von dem man in dieser Phase tatsächlich überzeugt ist dass das eigene Seelenheil davon abhängt. Der betrügende Part befeuert dieses Sehnen in der Regel durch bewusste oder unbewusste Manipulation, z. B. einseitige Darstellung seiner oh so belastenden Beziehung und suggiert, der Affärenpartner sei eigentlich die bessere Wahl... Durch das Ausspielen des im Dreieck zweigleisig fahrenden Partners entsteht eine massive Konkurrenzsituation, die die Empathiefähigkeit der dritten Person noch weiter einschränkt.
So, und jetzt zeig mir mal die Menschen, die empathisch und großzügig mit jemandem umzugehen vermögen, zu dem sie in einer für sie hoch bedeutsamen Angelegenheit in Konkurrenz stehen. Die wenigsten Menschen, die sich von einer Mangelsituation bedroht fühlen, sind in der Lage oder willens sich einzufühlen oder gar zu teilen. Es ist im Grunde ganz ähnlich zur Mangelsituation der Betrogenen beim Auffliegen der Affäre, die können sich in ihrer Not genauso selten in ihre Konkurrenten einfühlen wie umgekehrt. Da herrscht auf allen Seiten Angst, Wut, Misstrauen und das Gefühl, dass einem etwas ganz Wichtiges weggenommen werden soll. Diesem Gefühl ist mit "Moral" nicht beizukommen. Erst mit emotionalem Abstand reguliert sich der emotionale Druck so weit, dass man auseinander sortieren kann, was da eigentlich passiert ist und wer welche Anteile daran hat(te). Genau das findet man dann oft hier: das Aufarbeiten, nachträgliche Analysieren von Affären, egal aus welcher Perspektive. Und in
dieser Phase erkennen die Leute auch oft ihre eigenen Anteile, und zwar im Idealfall alle drei Beteiligten/Betroffenen.
Für so eine Aufarbeitung halte ich das Beharren auf rigiden, teils naiv anmutenden Moralvorstellungen im Sinne von "das macht man einfach nicht" für nicht hilfreich. Denn offensichtlich machen die Leute es ja doch, haben es immer schon gemacht und werden es wohl auch immer machen.
Zitat von paulaner:Da tun sich zwei zusammen gegen einen, der noch nicht mal etwas davon ahnt. Und das ist einfach ein schändliches Verhalten.
Da stimme ich dir zu. Die Heimlichkeit ist in einer emotionalen Affäre in der Regel das, was am meisten verletzt. Die betrogene Partei in Kenntnis zu setzen, obliegt der Verantwortung des Betrügers, nicht der dritten Person.
Zitat von Abendrot:aber sie haben eine tolle Umgangsform miteinander die Probleme zu lösen , nämlich reden ..
Liebe Abendrot, das habe ich auch alles, und mein damaliger Partner ebenso, und dennoch hat er gegen unsere Abmachungen verstoßen und mich heimlich betrogen, und ebenso eine andere ehemalige Partnerin von ihm. Ob seine Mutter davon weiß? Würde mich wundern
