Liebe Johanna,
jetzt, wo Du mehr von der Beziehung schreibst, kommt viel mehr ans Licht. Mein Ex. war wie Dein Ex. Das selbe Muster. Es ist unglaublich, aber es gibt den Typen des aktiven Bindungsvermeiders und die Mechanismen, die letztendlich den Partner auf Abstand halten sollen, sind immer dieselben.
Ich hatte ja bei Deinem ersten Post schon aufgrund eines Satzes den Verdacht was ablief, aber jetzt schreibst Du konkret von Deinen Erfahrungen.
Es ist ja eigentlich zum Lachen, weil Individuen immer zu denselben Verhaltensmustern greifen. Ja, heute kann ich darüber schmunzeln, weil es ja so durchsichtig ist. Wenn man allerdings drinsteckt, ist nichts mehr lustig, sondern bedrückend, verwirrend, traurig machend.
Was tut der aktive Vermeider?
Er vermeidet eine echte Bindung, bleibt irgendwie in einer Oberfläche hängen. Es gibt hin und wieder Situationen, wo man merkt, dass auch im aktiven Vermeider ein Herz da ist. Wo sie scheinbar auch in einer symbiotischen Beziehung befindlich sind, aber diese Situationen sind eben recht kurz.
Sie beziehen nie klar Stellung. Du stellst brennende Fragen, die Dich seit langer Zeit quälen und hast endlich den Mut, zu fragen. Was erntest Du? Verschwurbelte Äußerungen, verwirrende Aussagen, die am Ende Dir die Schuld zuweisen und - ganz beliebt - Gegenfragen. Statt einer Antwort kriegst Du den Ball wieder zurück.
Als meine Beziehung in einem starken Ungleichgewicht war und ich unter großen Sehnsüchten litt, da traute ich mich einmal, folgendes zu sagen: Du, ich möchte gerne mal mit Dir wegfahren. Nur mal so übers WE, irgendwohin.
Es hatte mich Mut gekostest und es war der Mut der Verzweiflung. Im Grund genommen wusste ich die Antwort schon, aber ein Funken Hoffnung trieb mich an, dass er vlt. mal was Nettes darauf sagen würde.
Er grummelte irgendwas vor sich hin und las weiter in seiner Zeitschrift. Die Antwort lautete: Können wir schon mal machen!
Aber ohne Begeisterung. Also war es nur so dahingesagt, dass Ruhe im Karton war.
Was passierte in mir? In Sekundenschnelle wandelte sich mein Hormonhaushalt. Abgrundtiefe Traurigkeit machte sich bemerkbar. Ich weinte nicht, aber die Traurigkeit zog mich förmlich hinunter. Er las weiter.
Irgendwann bemerkte er, dass ich so traurig aussah und er fragte mich nach dem Grund. Ich sagte nur: Du weißt schon, was Du vorhin gesagt hast, oder? Das ist traurig!
Er hatte nicht bemerkt, was er mit seiner dahingesagten Äußerung bei mir anrichtete. Er hatte irgendwie keine Empathie und konnte die Wirkung seines Verhaltens nicht einschätzen.
Das Ganze endete so, dass er es verdrehte. Denn er sagte, damit wertest Du unsere Wochenenden ab, denn sie sind Dir nicht genug!
Es war sinnlos zu diskutieren, ich fühlte Ratlosigkeit und war fassungslos. Es gelang ihm immer wieder, mich als Idioten dastehen zu lassen und im Notfall war ich die Schuldige.
Es ist wirklich interessant, sich das anzuschauen, weil zwei Menschen agieren und immer das Falsche machen.
Wäre ich innerlich gefestigt und selbstbewusst gewesen, hätte ich die Achseln gezuckt und mir gedacht. Okay, dann halt nicht!
Seine Reaktion wäre dann auch eine andere gewesen. Er stieß aber bei mir eigentlich auf Watte. Ich gab letztendlich immer nach und zeigte viel zu wenig innere Stärke. Hätte er diese bei mir gefühlt, hätte auch er sich anders verhalten können.
Es ist wirklich wichtig, zu erkennen, dass zwei hier eine Art Choreografie aufführen: einen Schritt vor, zwei zurück, einmal im Kreis herum und wieder von vorne.
Klar, vom Unterlegenen wird das als Machtdemonstration empfunden, die es letztendlich auch ist.
Auch meiner zeigte sich nicht mit mir. Gut, wir kannten uns dienstlich, aber die Sparte ist recht überschaubar und da wollten wir es nicht öffentlich machen, zumal ich ja obendrein verheiratet war, was ja schon mal gar nicht geht. Ich durfte keine Erwartungen haben.
Aber dennoch lernte ich keinen seiner Freunde jemals kennen, obwohl er viel über sie erzählte. Wir gingen kaum aus und wenn dann nur in Gebiete und Lokale, wo wir nicht Gefahr liefen, gesehen zu werden. Trotzdem tat es mir weh, denn auf irgendwelche Parties, zu denen lose Bekannte mal einluden, ging er allein. Und ich blieb draußen.Nicht nur dort, sondern auch generell in seinem Leben.
Er entschied für sich Unternehmungen und ich wurde informiert, wenn ich Glück hatte. Ansprüche durfte ich keine stellen, denn es war von vornherein eine total verfahrene Beziehung. Er ledig und ich verheiratet, aber natürlich unglücklich und bedürftig.
Es sind toxische Beziehungen, in denen der eine sich immer mehr an Macht aneignet, einfach weil er es kann. Er ist ja sicher, denn er hängt weniger am Partner als umgekehrt und er weiß genau, dass er außer gelegentlichen Tränen und Vorwürfen nichts zu befürchten hat. Der andere Teil wird immer schwächer und inaktiver. Er wartet, was ja schon mal keine Aktion ist, auf bessere Zeiten, auf eine Änderung, die nicht kommt. Da nichts kommt, leidet er und das zieht sich irgendwann durchs ganze Leben.
Ich bin heute noch fassungslos, in welchen Strudel ich da hinein geraten war. Es war tatsächlich wie ein Strudel, der mich immer wieder nach unten zog, nach oben katapultierte, so dass ich kurz Luft holen konnte und es wieder von vorne los ging. Es war hochstressig, es raubte mir Energie und ich fühlte mich wie ein Hindernisläufer, der klaglos seine Runden lief, gegen Hürden stieß, im Graben stürzte und doch immer weiter lief, getrieben von ihm, meinem Partner, der mein Energiefresser war.
Das alles war nur möglich, weil ich es ihm ermöglichte. Für Parole war ich meist zu schwach, zu mutlos, zu angstvoll. Also fraß ich alles in mich rein. Die kaputte Beziehung beschäftigte mich irgendwann Tag und Nacht. Ich dachte fast permanent an ihn und über ihn nach. Ich nährte Hoffnungen, die sich nicht erfüllen und ich schöpfte immer wieder Mut, obwohl es vergebens war. Aber aufgeben kam nicht in Frage! Warum nicht?
Alles, nur keine Trennung, denn ein Leben ohne ihn erschien mir schlimmer als eines in dieser Beziehung. Ich habe mich oft gefragt: warum hast Du alles hingenommen, hast Dich kalt stellen lassen, hast Dich demütigen lassen (zumindest empfand ich es oft so), hast gelitten anstatt einmal aufzustehen und Position zu beziehen.
Die Krux ist, der passive Part setzt keine Grenzen. Er nimmt alles hin und re-agiert nur noch auf ihn, den Meister.
Grenzen spürt das Gegenüber, aber wenn dort keine Grenzen gesetzt werden, dann kann der andere immer weiter bohren. Es geschieht ja nichts. Nicht mal Wut kommt, nein, eher Verzagtheit.
Die hilflosen Mittelchen des Unterlegenen: im Stillen leiden, Tränen, die oft hinunter geschluckt werden, dann Vorwürfe, Klagen, ab und zu Forderungen, die sofort abgewehrt werden. Ein sich Wehren der Hilflosen hat sich eingeschlichen.
Natürlich spürt auch der Mächtigere das Ungleichgewicht. Da er aber oben ist, muss er ja viel weniger einstecken. Im Zweifelsfall geht er seiner Wege, macht was mit Kumpeln aus, geht zum Fußball oder auf ein Konzert und verschwindet irgendwann ganz.
Für den aktiven Vermeidet ist es oft genug Flucht aus der Beziehung. Probate Mittel, die auch in Ehen ausgelebt werden: zeitaufwändige Hobbies, die er mit anderen teilt oder denen er alleine nachgeht, viel Engagement im Beruflichen, weitere Tätigkeiten in Vereinen, Ehrenämter und so weiter.
Alles Dinge, gegen die man nicht viel sagen kann, die aber einen Zweck haben: der Nähe zu entfliehen.
Und warum geriet ich in diese Beziehung? Bedürftigkeit war das eine. Bedürfnisse wurden auch erfüllt, zumindest am Anfang. Aber warum die Schieflage?
Weil ich es so gelernt hatte. Ich kann mich gut an meine Kindheit erinnern. Ich hatte Glück und wurde in stabile Verhältnisse geboren. Aber dennoch hatte ich oft Angst. Schlüsselfiguren waren meine Eltern, wer sonst. Eine Mutter, die oft launisch war. Einen Tag war das Loch in der Hose ein Drama, am anderen Tag war es kein Problem. Lässt sich ja flicken und fertig. Aber leider wusste ich nie, wie die Reaktion sein würde. Sie hatte was unberechenbares an sich. War oft mit sich uneins und von inneren Stimmungen abhängig.
Ich wurde kein sehr mutiges Kind, denn ich hatte oft Angst und ich fühlte mich oftmals einsam, allein, unverstanden, ungeliebt. Mein Vertrauter war mein Stoffpinguin. Ich fühlte mich oft klein.
Das hinterlässt Spuren, wird aber ins Unterbewusstsein verschoben. Die Maske, die ich mir zulegte, war eine andere. Leider wirkt das Unbewältigte aus dem Unterbewusstsein gerade in Beziehungen sehr stark nach, denn hier sind wir wirklich innerlich berührt. Und genau das lebte ich nun zum wiederholten Male in dieser Beziehung nach. Ich hatte vorher schon ab und an Beziehungen, die im Endeffekt nicht viel anders verliefen. Der Ex. allerdings wurde zu meinem Lehrmeister, denn der ließ mich tanzen und ich hing an seinen Fäden.
Er war derjenige, durch den ich mir Monate nach der Trennung auf die Schliche kam. Ich war eben irgendwie deformiert durch einige Kindheitserlebnisse. Nicht schlimm, denn ich lebte mein Leben stabil. Ich war gut in der Schule, ehrgeizig, weil es auch ein Mittel war, Anerkennung zu erreichen. Von den Eltern, aber auch den Mitschülern. Ich studierte, ging in einen Beruf und wurde recht erfolgreich. Keine Krisen, zumindest nicht von außen. Innerlich gab es sie durchaus, z.B. in der letzten Beziehung und nach der Trennung. Ich zeige ungern Schwäche, ich will immer stark erscheinen, aber mein Ex. hat mir die anderen Anteile meiner Persönlichkeit gezeigt. Die, wie es hinter der Fassade aussieht.
Ich fand mal einen Stapel Briefe beim Aufräumen im Keller, die in einem Schrank lagen und vergessen waren. Alles Briefe meiner Mutter an meinen Vater aus der Zeit vor der Hochzeit. Die Briefe waren aufgrund einer Überschwemmung nass. Erst wollte ich sie nicht lesen, aber ich legte sie dann doch zum Trocknen aus. Einige las ich und da wurde mir ganz sonderbar. Das war ja ich! Diese Briefe hätten von mir sein können!
Dasselbe vorsichtige Betteln um ein Treffen. Die Eigenwerbung, die sie betrieb, um sich in ein positives Licht zu rücken. Oh mein Gott! Ich war in der Beziehung wie meine Mutter. Auch sie hatte die unterlegene Rolle, während mein Vater sein Ding machte.
Abgeschaut, übernommen aus der Kindheit! Beziehungsmuster nachgelebt.
Mein Therapeut sagte mir mal: wir leben als Erwachsene immer das, was wir kennen. Anders geht es nicht, denn wir können kein anderes Leben leben. Wir sind geformter als wir glauben.
Warum leidet man dann und das freiwillig? Doch nicht nur, weil man es gelernt hat? Dahinter steckt was Anderes: die Seele leidet durchaus, sie wird aber abgeschoben, klein gehalten. Sie strebt nach Heilung. Das kann sie nicht selbst tun, ohne uns und unser Bewusstsein. Ihr einziges Mittel ist die Wiederkehr in bekannte Situationen. Wieder eine Beziehung, die so endet und in der ich die Unterlegene war. Ein Mechanismus, der mich, Dich, uns auf etwas hinweisen will.
Sieh hin, da tut es weh! Das ist nicht verarbeitet, das wütet im Untergrund und darum musst Du Dich kümmern.
Es geschieht nichts umsonst, es hat fast alles seinen tieferen Sinn. Durch die Verknüpfung mit der Kindheit erschloss sich mir manches. Ich wehrte mich zu wenig, weil ich auch das nicht gelernt hatte. Lieber klein beigeben, sich ducken und zurück ziehen, keine Probleme zu machen, waren meine Strategien. Andere Kinder wählen andere wie Wildheit und Aufbegehren.
Mir erschloss sich manches und irgendwann beim Frühstück erkannte ich es dann. Ca. zwei Jahre nach der Trennung erst. Lange hatte ich nicht mehr an ihn gedacht, aber an diesem Morgen fiel er mir ein. Was machte er wohl? Interessierte es mich? Eigentlich nicht. Und dann machte es Klick und ich sah unsere Beziehung wie ein Theaterstück auf der Bühne. Ein Zweipersonenstück, in dem zwei Menschen aufeinander reagieren und agieren und oft das Falsche taten. Beide hatten ihren Anteil und beide hatten Schuld, aber es war ausgewogen. Der Unterlegene agierte aus dem Untergrund, der aktive Teil offen. Im Grund genommen gab es kein schuldig und unschuldig.
Irgendwie aber doch, denn mir wurde auf einmal klar, was ich von ihm gewollt hatte: Erlösung von meinen inneren Dämonen. Bitte beweise mir, dass ich es wert bin geliebt zu werden. Bitte zeige Du mir, dass ich geachtet werde, damit ich endlich an mich selbst glauben kann.
Das war verwerflich, denn ich hatte ihn unbewusst instrumentalisiert. Mir geht es schlecht, hier hast Du mein Herz. Ich gebe es Dir. Richte Du es und gib es mir geheilt zurück. Er sollte das für mich erledigen, weil ich es selbst nicht konnte. Weil ich nicht wusste, wie ich mit mir umgehen sollte.
Seither bin ich anders. Reflektierter, bewusster und ich kann jetzt sogar eine Bindung gut aushalten. Ich stehe mir nicht mehr selbst im Weg und suche nicht mehr dort nach Liebe, wo sie nicht ist.
Bin ich geheilt? Sicher nicht, es gibt noch viele Baustellen. Die können auch bleiben, denn ich darf vor lauter Baustellen eines nicht vergessen: zu leben und es mir gut gehen zu lassen!
Noch was zum Schluss. Du fragst Dich warum er in der Beziehung blieb, obwohl er keine endgültige Beziehung mit Dir wollte. Er hat Dich ausgenützt, Dich hingehalten und Dich ausgenützt. Das ist die Variante die Du siehst. Aber das ist sicher nicht die ganze Wahrheit. Er blieb, weil auch er was davon hatte. Nicht im Negativen Sinn, nein. Diese Beziehung hatte einen Wert für ihn, auch wenn es für Dich nicht so aussieht. Sonst hätte er es ja schon früher hingeschmissen.
Und vielleicht dachte er sich auch, dass er mit der Zeit schon beziehungsfähig werden würde. Vielleicht wollte auch er sich eine Chance geben.
Er ist auch nur ein Spielball seiner unbewussten Mechanismen und Du auch. Einen kleinen Teil können wir ans Licht holen, denn was im Licht, also Bewusstsein ist, tut nicht mehr so weh. Es darf da sein, es ist ein Teil von uns, aber wir müssen nicht mehr daran zerbrechen.
Begonie