Liebe Sonne,
alles, was ich dir zu deinem Problem schreiben kann, ist natürlich nicht mehr als eine ganz persönliche Einschätzunng und so solltest du es auch lesen.
Gerade in Liebesdingen ist es ja unumgänglich, dass jeder seinen eigenen Weg findet. Und gäbe es da ein Richtig oder Falsch, wäre das fatal, denn dann würden wir alle in letzter Konsequenz auf denselben Mann oder dieselbe Frau fliegen

Zumindest wäre die Auswahl an infragekommenden Kandidaten dann deutlich eingeschränkt.
Dieser Mensch indes, so wie du ihn beschreibst, wäre für mich ein Anlass, ganz schnell das Weite zu suchen. Aus mehreren Gründen.
Der eine ist die Art, wie er auf deine Absage reagiert hat. Er kann ja meinetwegen sein Bedauern zum Ausdruck bringen. auch nachfragen, warum du es dir anders überlegt hast. Was aber in meinen Augen nicht geht - ohne dass sich meine persönlichen Nackenhaare aufstellen - ist dieses Gekränktsein und der Ärger, den er dirzufolge geäußert hat. Vor allem aber die Aufforderung, du mögest doch noch einmal darüber nachdenken, wie sehr er es bedauert.
Ja - entschuldigung! Geht es denn hier nur um seine Befindlichkeiten? Sollst du dich jetzt mit ihm treffen - gegen deinen Wunsch - damit ER es nicht bedauern muss?
Überhaupt dieses Nochmal-Nachdenken. Was denken sich solche Leute? Dass man vorher nicht nachgedacht hat, sondern gewürfelt oder Streichhölzchen gezogen?
Und dass er angeblich Trauer empfindet, ist meines Erachtens in diesem Zusammenhang so überzogen, dass es bei mir Widerwillen auslöst statt Empathie.
Das ist also das eine. Dass er auf eine Absage so reagiert, wäre für mich eine Bestätigung meiner Entscheidung, mich von ihm fernzuhalten. Ich erkenne darin mindestens Respektlosigkeit.
Des weiteren empfinde ich persönlich es als unangenehm, wenn mir jemand überschwengliche Komplimente macht. Erst recht dann, wenn er mich gar nicht kennt. So etwas hat für mich einen allzu billigen und auch manipulativen Touch. Vom Wort "Beuteschema" mal ganz abgesehen. Dies kann man deutlich zwinkernden Auges in ausgewählten Situationen mal raushauen. Aber doch nicht so!
Überhaupt Augen. Die Komplimente, über die ich mich freuen würde, hätten eine Menge mit den Augen zu tun:
Leuchtende Äuglein, wenn er mich anschaut. Sichtliche Mühe, selbige von mir abzuwenden. Dann ein erkennbares Interesse an dem, was ich so erzähle, denke, von mir preisgebe. Der Wunsch, mehr zu erfahren. Der Wunsch, Zeit mit mir zu verbringen. Das sind so die Komplimente, die mir wichtig wären und die ich auch gerne zurückgebe, wenn ich jemanden mag.
Was du über seine Wohnung erzählst missfällt mir ebenfalls. Ich habe gar nichts gegen schöne Wohnungen, nichts gegen Schönheit allgemein, nichts gegen einen Sinn für Ästhetik. Überhaupt nichts.
Aber ich habe etwas gegen Leute, die so etwas - auch noch detailliert - ins Netz stellen.
Mir kommt es vor wie die akademische Variante des Porsches und des Goldkettchens.
Als Prof hat er natürlich schon mal davon gehört, dass so etwas peinlich ist. Aber Interesse für Architektur und Innenarchitektur? Das ist natürlich ganz was anderes!

Das ist cool, das ist en vogue. Das passt zu seinem Habitus.
Ich muss dir aber ehrlicherweise sagen, dass ich an dieser Stelle ganz besonders empfindlich bin. Überempfindlich vielleicht. Aber dieses Zurschaustellen, das heute so extrem einfach ist und auch so weit verbreitet, dass kaum noch jemand sich was dabei denkt, ist mir zutiefst zuwider.
Dabei ist es mir auch wurscht, ob jemand das von sich aus macht oder ob er "gar nichts dafür kann", weil sein Beruf als Bildhauer, Popstar, Stararchitekt oder Politiker das einfach mit sich bringt. Die Anführungszeichen deshalb, weil man immer etwas dafür kann. Schließlich hat man sich so ein Leben ausgesucht.
Mir wäre das auch deshalb unerträglich, weil ich Grund zu der Annahme hätte, im Falle einer Beziehung mit so jemandem in diese Öffentlichkeit mit hineingezogen zu werden.
Vor allem aber würde ich bei diesen Porsche-Goldkettchen-Typen wohl nicht zu unrecht befürchten, dass sie mich lediglich als weitere Bestätigung ihrer Großartigkeit betrachten würden. Ein nettes Accessoire, das sich gut auf dem Beifahrersitz (oder dem Designersofa) macht. So malerisch, dass die Kumpels glatt neidisch werden.
Wobei - so großartig fühlen sich solche Leute ja im Kern gar nicht. Wäre es so, wozu dann die ganzen zur Schau gestellten Nachweise ihrer Großartigkeit?
Das denke ich übrigens auch immer bei diesem Hollywood-Schmus. Du weißt schon: Typ lädt Herzensdame zum ersten Date ein und bringt sie ganz überraschend zu seinem Privatflugzeug, weil er ja mindestens in - sagen wir - Las Vegas mit ihr essen gehen möchte. Und das Mädel schmilzt dahin. Und das Publikum auch.
Bei mir könnte damit keiner landen. Erstens würde ich vermutlich auf dem Weg vor Unterzuckerung echt schlechte Laune kriegen und zweitens würde ich denken:
Wozu diese Superlative? Gab es denn im Umkreis von - sagen wir mal - dreißig Kilometern so gar kein schnuckeliges, hübsch gelegenes Restaurant in dem das Essen schmeckt?
Mit leuchtenden Äuglein vielleicht?
Ich würde mich fragen: Ist denn an dir als Mensch so wenig dran, dass du davon mit diesem ganzen Brimborium ablenken musst?
Die Japaner können das, was ich hier seitenweise versucht habe zu erklären, ja mit wenigen Zeichen auf eine Wandrolle pinnen. Kennst du das?
Der Kaiser rief nach dem
besten Mann im Staate.
- Der aber steht am Ufer und angelt.
(Kôyô)
Woraus natürlich auch hervorgeht, dass all das, was ich dir geschrieben habe, nichts mit meiner Bescheidenheit zu tun hat. Eher im Gegenteil.
Ich persönlich suche ja immer noch einen solchen Angler und hoffe, ihn eines Tages zu finden. Irgendwo, in der Abgelegenheit, an seinem Flüsschen stehend.
Und hey: DEN machst du mir bitte nicht abspenstig, solltest du ihn vor mir entdecken, ja?
