Liebe Ysa,
du hast echt ein außerordentliches Talent, mich zu berühren. Nicht nur heute. Was du jetzt schon wieder geschrieben hast, verführt mich dazu, doch erst einmal antworten zu wollen, bevor ich mich den Rest des Tages in Thermalbad und Sauna sinnlich verwöhnen lassen werde.
Zitat:Heute aber, als ich dann Heim fuhr, fühlte ich, dass ich damals an genau diesem Tag mein Herz für Jahre verschlossen hatte, bis heute. Als hätte es genau dort eingefroren gelegen, ohne dass ich es nur ahnte.
Ich habe den Abschied, den ich damals nahm, im Herzen bis heute nie wirklich genommen. Und so soft ich auch bin, verhärtete etwas in mir.
Ja. Genau da sehe ich ein großes Problem. Man weiß manchmal einfach nicht, ob man schon zu Teilen cool und abgeklärt und halb transzendiert und erleuchtet ist, oder ob man einfach nur sein Herz verhärtet hat.
Für mich selbst habe ich den dumpfen Eindruck, Teile meines Herzens mein Leben lang verhärtet zu haben (ich erwähnte wohl schon einmal, dass ich echtes Mitgefühl immer nur für Tiere hatte?) und dass diese Verkrustung - die mir gar nicht so recht bewusst war - durch die Begegnung mit diesem Menschen gründlich aufgebrochen ist.
Übrig ist eine *beep* ohne jedes Haus.
Zitat:Ich habe nun das Gefühl, mein Herz endlich wieder zu haben, traurig aber heil.
Wahnsinn, als hätte ich dort mein Herz abgeholt.
Und diesen Gedanken finde ich wunderschön. Vielleicht ist es ja gar nicht so, wie man landläufig meint, wenn man in so einem Zustand ist, wie ich es jetzt bin.
Vielleicht ist das Herz gar nicht gebrochen, sondern im Gegenteil. Endlich wieder heil und ganz. Und weil es heil und ganz ist, ist es in der Lage, all diesen Schmerz zu fühlen, die Traurigkeit, die Sehnsucht. Aber eben auch die Liebe.
Zitat:Und was mich umgehauen hat ist, dass mir wildfremde Menschen wieder so unglaublich liebevoll begegneten.
Schau, das ist ein Phänomen, das ich bei mir selbst schon seit vielen Wochen beobachte. Ich selbst fühle mich völlig im Eimer, zersplittert, in Stücke gehauen.
Aber kaum gehe ich auf die Straße, werde ich angelächelt. Überall. Andauernd. Nicht etwa nur von irgendwelchen Männern, denen man unterstellen könnte, sie wollten mich anbaggern. Nein. Von Männern, Frauen, Kindern, alten Leuten. Von ganz vielen Menschen.
Und das war in meinem früheren Leben definitiv nicht so. Überhaupt nicht. Ich war nicht der Typ, den man einfach so anlächelt. Offenbar nicht. Und jetzt bin ich es anscheinend irgendwie. Auch wenn ich nicht so recht verstehe, warum das so ist. Aber es ist schön.
@Kontra
Zitat:Meine Idee dazu wäre Folgende: Du hast ja nun auch mehrfach gesagt, dass du ihn nicht hassen kannst, bzw. nicht mal wütend auf ihn sein kannst - es dir also in der Folge schwer fällt, dich emotional zu distanzieren, weil Wut sonst dein Mittel war, um dich abgrenzen zu können. Wenn du ihn also nicht blöde finden kannst, wäre es vielleicht ja eine Idee, das auf seine Frau zu übertragen
Ja. Dieser Gedanke ist in mir auch schon angeklungen. Tatsache ist, dass ich unheimlich Mühe damit habe, auch nur einen Hauch von Wut auf ihn zu empfinden. Also - einen Hauch vielleicht. Manchmal. Aber wie ein Hauch das so an sich hat, verfliegt das ganz schnell wieder.
Und ja. Ich glaube Wut war mein Leben lang eine der Kräfte, die mich am besten geschützt haben. Und sie hat dieses Mal total versagt. Es liegt sicherlich daran, dass ich genau zu verstehen glaube, was in ihm vorgeht.
Ich verstehe es einfach. Wie soll ich da wütend sein?
Und vielleicht hast du recht: Vielleicht habe ich ersatzweise versucht, zumidest ein kleines bisschen davon auf seine Frau zu projizieren. Aus alter Gewohnheit. Weil es so schön leicht ist.
Und jetzt, wo ich ein knappes Stündchen Rücken an Rücken mit ihr saß, ist es damit auch Essig

So ein Pech für mich

Nein, natürlich nicht. Ich glaube, es ist ein großes Glück für mich. Denn es ist ja wirklich die billigste aller Maschen, andere in Gedanken ein bisschen zu erniedrigen, um sich selbst ein bisschen besser und toller zu fühlen.
Er ist ein feiger Lappen, sie ist ein stumpfer, gefühlloser Halbzombie.
Wer kauft sich so etwas im Kern schon selber ab? Und wohin soll das führen?
@verliebtverliebt
Zitat:Ja, glaube ich auch. Aus der Ferne hat man oft wundersamerweise ein festgelegtes vorläufiges Bild von einem Menschen ("selbstgebasteltes Bild"), das nicht auf Erfahrung mit ihm basiert. Du hast nun so dicht bei ihr gesessen, da hat eine unsichtbare Berührung stattgefunden. Das finde ich sehr spannend, was dir da geschehen ist. Würde mich auch nicht wundern, wenn sie etwas gemerkt hat, ganz unbewusst.
Ich finde das in der Tat auch sehr spannend. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Es ist ja nicht so, dass ich äußerst geistreiche, empathische, fabelhafte Äußerungen von ihr aufgeschnappt hätte, die mich gezwungen haben, mein selbstgebasteltes Bild von ihr zu übermalen.
Ich habe so gut wie nichts von ihr gehört.
Und so wie du denke ich, dass da eine unsichtbare Berührung stattgefunden haben muss. Auf eine sehr subtile, sehr unstoffliche Art und Weise. Das ist wirklich sehr rätselhaft.
Aber es hat mir noch ein Stück mehr Frieden gegeben. Es ist ein viel schöneres Gefühl, jemanden NICHT zu verachten oder blöd zu finden. Und in diesem besonderen Fall gilt das ganz besonders.
Vielleicht sollte ich auch einfach aufhören mich zu fragen, was da geschehen ist und es einfach hinnehmen? Und mich in die Sauna legen?
Habt alle einen schönen Tag!