whynot60
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Ja, ich weiß, daß es verschiedene Kriterienpunkte gibt, anhand deren man Narzissmus diagnostiziert und sozusagen dingfest macht. Ein gewisser Joe Navarro etwa, der selber ganz offensichtlich nicht unbeschadet davongekommen ist, listet nicht nur 10 Punkte auf, sondern gezählte 130.
Für mich stellt sich einfach die Frage: Jemand weist einen bestimmten Symptomenkomplex auf und wird als Narzisst erkannt oder erkennt sich selber als solchen. Ja, und was weiter? Ich jedenfalls könnte damit nicht das Geringste anfangen, nicht anders, als würde mich jemand oder ich selber mich als Dummkopf erkennen. Das kann ich mir vielleicht irgendwo auf meinen imaginären Lebensbrief stempeln, aber mehr auch nicht.
Wenn es etwa so ist, wie Du erwähnst, daß 7 von 10 Diagnosekriterien auf jemanden zutreffen, dann könnte man es ja auch so sehen, daß es in diesem Menschen 7 Baustellen gibt oder vielmehr 7 Aufgaben (die zumeist auch zusammenhängen). An diesen, einzeln betrachtet, kann man nämlich durchaus arbeiten, während man dem Begriff Narzissmus, nach meinem Daürhalten, einfach hilflos gegenübersteht (und nicht nur man selber, sondern vielfach auch Therapeuten - gerade Narzissmus gilt ja als sehr therapieresistent).
Worum es im Grunde ja ginge, ist, gewisse Dinge nachzulernen, vor allem auf der emotionalen Ebene, die man als Kind aus diesen und jenen Gründen nicht erlernen und sich aneignen konnte. Natürlich wird das im Erwachsenenleben unter den üblichen Bedingungen schwer möglich sein, weil es hier unweigerlich zu Wechselwirkungen auf einer Erwachseneneben kommt. D. h. andere, Menschen, mit denen Du zu tun hast, erwarten von Dir in jeder Lebenslage ein "erwachsenes" Verhalten und "erwachsene" Reaktionen. Da Du diese aber nicht erbringen kannst (oder höchstens eine Zeitlang spielen), bringen Dein Verhalten und Deine Reaktionen Konsequenzen und Reaktionen aus dem Umfeld hervor, die das, was unter Narzissmus verstanden wird, erst recht bestärken, im Positiven wie im Negativen. Wenn jemand etwa für eine Firma tätig ist in höherer Position und mit brachialer Gewalt Geschäftsinteressen umsetzt, wird er dafür auch noch belohnt werden. Und klar wird so jemand nie irgend etwas nachlernen können unter diesen Bedingungen.
Wenn Du etwa von der Leere in Dir sprichst, die Dich nichts fühlen läßt, Du Dich nicht in andere hineinversetzen kannst, sondern einfach gar nichts empfindest, selbst, wenn Du jemandem in die Augen schaust, so liegt das vor allem einmal daran, daß Dir selber ein entsprechendes Gefühlsrepertoire fehlt, zumindest in den Feinheiten und Abstufungen. Ich weiß ja nicht, aber vielleicht spürst Du vor allem nur negative Emotionen wie Angst, Wut, Haß usw., während die Gegenpole dazu mehr oder weniger verkümmert geblieben sind. Entsprechend wirst Du vermutlich anderen gegenüber nicht immer nur nichts empfinden, sondern wirst auf (heftigere) negative Emotionen anderer durchaus reagieren und sie auch wahrnehmen, während Dich nur positive kalt lassen (weil Dir dafür zusosagen der Resonanzboden fehlt).
Es ist nun aber durchaus so, daß man es sehr wohl lernen kann, auch in einem positiven Sinn fühlend zu werden und dann ebenso positiv auf andere reagieren zu können, und das nicht nur gespielt. Daß in jemandem tatsächlich jedes positive Gefühl und jeder positive Resonanzboden vollkommen ausradiert wären, das ist so gut wie unmöglich, auch wenn es noch so verschüttet sein mag. Das ist weniger eine Frage des Vermögens, sondern vielmehr, ob man dieses Wagnis, fühlend zu werden, eingehen will, ob man sich das traut, vor allem, wenn in der Kindheit etwa Liebesbedürnisse, Geborgenheitsgefühle, Vertrauensgefühle immer wieder schwer enttäuscht, zurückgewiesen, nicht beachtet worden sind und sich dadurch eine Abwehr dagegen herausgebildet hat.
Vielleicht mag es Dir geradezu lächerlich erscheinen, aber versuche einmal - ganz bewußt -, Dich in ein Tierchen oder auch lediglich einen Gegenstand hineinzuversetzen, projiziere alles hinein, was Du an positivem Gefühlhaften in Dir findest. Über Menschen wirst Du das nämlich (aus den genannten Gründen) nicht können, weil es hier zu Gegenreaktionen kommt, auch, wenn diese teilweise unbewußt sein sollten. Wenn jemand z. B. Deine Angst, Deine Lieblosigkeit, Deine Aggressionen, Deine Härte usw. spürt, dann wird er ganz automatisch eine entsprechende innere Haltung einnehmen, und diese Wechselwirkung blockt gleich alles ab, oder Du projizierst die eigene Leere oder sonstiges Negative in ihn hinein. Bei einem Tierchen oder einem Gegenstand hingegen kommt es dazu eben nicht.
Es kann unter diesen Veraussetzungen nicht gleich um die große Liebe gehen, sondern man muß sich dort abholen, wo man als Kind stehengeblieben ist. Und dann ganz langsam und sachte einen Schritt um den anderen gehen. Und dort abholen wirst nur Du selber Dich können, weil Deine Ängste und Dein Mißtrauen, vielleicht auch Deine Aggressionen anderen gegenüber viel zu groß sind. Du könntest lediglich immer wieder nur dasselbe Drama wiederholen, was nichts heilen, sondern alles nur bestätigen und sogar verstärken würde.
Ich sage nicht, daß diese Aufgabe eine leichte ist, aber was ich sehr wohl sage, ist, daß sie zu bewältigen ist, wenn Du richtig an sie herangehst, nicht gleich das Große, Gesamte willst, sondern Dich vorerst mit Kleinem begnügst. Du kannst Dich, ganz unabhängig von anderen, zum Empfinden bringen und kannst zum Wachsen bringen, was vielleicht verkümmert ist. Gerade etwas wie Liebe hat eine sehr tiefe Wurzel, die wird auch nicht vernichtet, wenn schon das kleine Bäumchen, das daraus einmal hervorwuchs, umgesägt worden ist. Man muß es nur wieder zum Gedeihen bringen.
Und wenn Du auch vor dem Regenwurm erstarrst, dann sieh ihn einfach einmal als bunte, lachende Papierschlange. Den Ängsten braucht man nur ein Bild gegenüberzustellen, das die Angst nimmt. Und nicht ein Ungeheuer, das die Angst erst recht verstärkt oder überhaupt erst hervorbringt.



Dann lebst Du ja automatisch im richtigen Biotop! In dem halt Kochen vielleicht nicht vorkommt (Rohkost soll ohnehin gesünder sein