Liebe wohldosierte Narzissen
Hallo liebe Pferdediebin, lieber Whynot,
ich verstehe Deine Gedankengänge sehr gut @pferdediebin! Mein Beitrag bezog sich auch nur auf meine Empfindungen und war eine Antwort an Kontra. Keineswegs würde ich jedem verwundeten Menschen empfehlen doch bitte auch all das schöne in seinem Leben zu suchen, wenn er es gerade nicht empfindet und z.B. in einer Wut- oder Schmerzphase ist.
Ich selbst habe damals auf meiner verzweifelten Suche nach Beistand auf meinem Weg sooo unglaublich viel von Psychologen ans Herz gelegt bekommen. Ehe ich mich ausdrücken konnte, wurde mir z.B. nahe gelegt, zu verzeihen. Aha! -dachte ich, ich platze gerade vor Wut, die ich erstmals im Leben überhaupt wahrnehme, wieso darf ich sie nicht erstmal fühlen?! Ich kam mir so übergangen vor.
Oder positive Affirmationen, oder Medis oder oder oder. Ich bin schreiend weggerannt und habe aufgeatmet, als ich bei meiner Psychologin landete, die mir nämlich gar nichts nahelegte und nix steuerte, sondern mir Raum für meine Gefühle gab.
Ich bin heute noch so sauer auf diese ganzen Psycho-Typen, die mich am tieften Punkt meines Lebens mit irgend etwas zugetextet haben, statt mir erstmal zuzuhören. Gleich wurde ich ausgebremst.
Mein Gesamteindruck ist, dass viele Psychologen eine wahnsinnige Angst vor den heftigen Gefühlen traumatisierter Menschen haben. Es wird zwar immer drauf hingearbeitet, alle Gefühle zuzulassen. , tut man es aber, wird oftmals gaaanz schnell ausgebremst, am liebsten mit dem Vorschlag zu verzeihen. Der Gag aber ist, dass sich all das von ganz alleine entwickelt, wenn man dem Menschen den Raum dafür gibt. Nicht immer, aber oft.
Es ist auch für Psychologen verdammt schwer, darin zuvertrauen, dass ein hochaggressiver oder tief trauernder Mensch nur eine Phase durchmacht und sich wieder aufrichten wird.
Meine Thera hatte weder Angst vor meiner grenzenlosen Schwäche- ich kann nix und bin nix; noch vor meiner mörderischen Wut- ich habe manchen Leuten zeitweilig den Tod gewünscht. Jaaaaa!
Darum @whynot vielen Dank aber ich halte jede "Lenkung" für falsch, sei es nur durch einen Text im Wartezimmer. Und ich frage mich, ob jeder Mensch denn tatsächlich das Glück hat, auch positives in seiner Familiengeschichte zu finden. Das kann ich einfach nicht wissen. Ich habe einige filmreife Dramen erlebt, es war sehr hart, dennoch gab es meiner Empfindung nach eine Atmosphäre der Liebe daheim. Heißt, ich habe in den Augen meiner Ma, meines Bruders, meines Stiefdads usw. auch Liebe gesehen uvm.
Zitat:Denn das eigentliche Unglück ist nicht, unglückliche Erfahrungen zu machen, sondern das eigentliche Unglück ist, sich dann mit nichts anderem mehr zu beschäftigen und nur noch zu analysieren, an was allem negative Erfahrungen schuld sind. Das kann einem das Leben tatsächlich gehörig verderben und verbauen.
Und schau, genau das habe ich aber zunächst getan. Ich habe zwar nicht die "Schuld" gesucht, aber die Ursachen und habe erstmal jahrelang Ursachenforschung betrieben und alle Gefühle "nachgeholt". Wut, Angst, Abgrenzung, gigantische Trauer, Ekel, Entsetzen.
Wäre zu diesem Zeitpunkt jemand gekommen und hätte mir gesagt-integriere doch mal diese Erlebnisse in Dein Leben und sehe das Potential darin, hätte ich wohl am liebsten zugeschlagen. Denn es ist ein emotionaler Prozess, den man meiner Erfahrung nach nicht umgehen kann.
Ich habe z.B. ein paar Jahre gebraucht um die Schreckensbilder meiner Kindheit zulassen zu können; sie also vor meinem inneren Auge ablaufen zu lassen, ohne sie wegzudrücken. Das hat mich etwa 2 Jahre lang schlimmste Albträume, schreien in der Nacht usw. gekostet und in dieser Zeit wollte ich mit niemandem aus meiner Familie zu tun haben. Heute kann ich diese Bilder sehen, erfreue mich gewiss nicht dran, sie machen aber keine Angst mehr.
Nochmal @pferdediebin
Zitat:Ich glaube, ich weiß was du meinst, und es geht für mich nicht darum alles wegzutherapieren, es geht darum , es überhaupt als existent wahrzunehmen.
ja, ganz wichtig. Ich verstehe.
Zitat:Ich war so blind, es war so offensichtlich, aber solange man es mir nicht so unter die Nase reibt, wie die Wardetzki, kann ich es nicht sehen.
Du hast ja auch vorher schon Massen an Psycholiteratur verschlungen, wie ich auch. Bei Dir ist es einfach Wardetzki, die ich übrigens auch las, die Deinen Nerv trifft. Und ich weiß, wie gut es sich anfühlt, wenn man sich endlich wieder erkennt. Bei mir war es die Alice Miller.
Zitat:Und ich denke, ich hätte in einer Therapie sehr lange gebraucht, um zu kapieren, was der Therapeut mir eigentlich sagen will.
meinst Du? Gute Theras sagen einem ja meiner Erfahrung nach gar nicht viel

Viel wesentlicher halte ich die neue Beziehungserfahrung- Therapeut und Patient. Dadurch kann gewaltig was ins Rollen kommen. Ich weiß nicht, ob rein rationales Verstehen allein hilft.
Ich hatte mir z.B. bewusst eine weibliche Thera ausgesucht weil ich zu viel Nähe zu Frauen nicht aushielt und schreiend davon rennen wollte. Stichwort vereinnahmende Mutter. Durch all die Jahre bei ihr ist der Fluchtimpuls nach etwa 15 Minuten weg. Nur so ein Beispiel.
Ich kann`s gerade auch nicht begründen, halte die Dynamik zwischen zwei Menschen aber für sehr wichtig beim Gesundwerden. Vieles nimmt man erst im Kontakt wahr. Dennoch will ich Dir keine Thera nahe legen. Du wirst schon genau das machen, was Du jetzt brauchst. Ich habe mich ja auch erst Jahrelang mit A Miller verschanzt und habe dann erst eine Thera gefunden.
Zitat:Ich hätte meine Fassade bis aufs Blut verteidigt. Ich brauch das anscheinend so, fertige Diagnose, Wham!
Und vielleicht. hättest Du einem Thera gegenüber gesessen, der das gecheckt hätte, und sie Dir gar nicht hätte entreißen wollen?

Sondern Dir Zeit gibt, selbst Deine Zwiebelfassaden Stück für Stück abzulegen- und wenn nötig beizeiten ein schon abgelegtes Zwiebelmäntelchen mal wieder anzulegen:)
Zitat:Und das Buch "Ohrfeige für die Seele" zeigt mir, daß ich gar nicht hätte anders handeln können, mit all dem was ich herumtrage. Es ist schon ein Glück, daß ich wenigstens meinen schwarzen Humor nicht verloren habe.
Wofür braucht man den schwarzen Humor?
Zitat:Ich verstehe, warum ich unter Stress die Nerven verliere, nicht weil ich so gestresst bin, sondern, weil ich tief gekränkt bin, ich projiziere meine Ansprüche auf meine Umwelt, und fühle mich abgelehnt, wenn ich nicht entsprechen kann.
Man hat mich schon als Kind mißachtet und ausgebeutet, und in Beziehungen und Arbeitsverhältnissen hat sich das nahtlos fortgesetzt, ich kenne nicht viel anderes, deshalb kenne ich hier keine Grenzen. Und mit einer fetten Versager-Botschaft im Rücken potenziert sich das. Ich habe den Kränkungen nie etwas anderes entgegenhalten können als meine Fassade.
Dagegen anleisten. Gut sein. Anständig sein.
der markierte Satz hat mich sehr berührt. Ja, das kann ich sehr gut nachvollziehen.
Aber ist "dagegen anleisten" , "gut sein" und "anständig" sein wirklich nur Fassade, um nie wieder so gekränkt zu werden? Glaube ich kaum. Es ist doch vielleicht auch Stärke. Ihr glaubt, ich sei ein Versager?- Nö, bin ich nicht!
Ich habe das Gegenteil gemacht, habe allen Negativbotschaften entsprochen. Meine Ma hat mal unter Tränen gesagt "Es ist kein Wunder, dass du nicht an dich glaubst. Wie könnte ich dir das nur wieder ausreden?!"
Man muss vielleicht. auch mal überlegen, was so einem Kind überhaupt an Optionen möglich ist und aus welcher Motivation heraus es diese wählt.
Und selbst wenn das Starksein erstmal nur aus Selbstschutz gewählt wurde, so hat es ja dennoch positive Folgen. Man kann lernen, seine Stärke auch ohne Fassade zu genießen, man kann lernen Grenzen zu setzen, ohne sich ungeliebt zu fühlen. Mal so nebenbei gefragt- wie läuft es denn so bei der Arbeit?
Meine Identifikation mit der Schwäche hat mir zwar viel verbaut und manchmal bedauere ich es, dennoch sehe ich auch die Dinge, die ich dadurch gewonnen habe bzw. ich verstehe, warum ich diesen Weg wählte.
Zitat:JETZT weiß ich WARUM! Es ändert nichts an meiner Geschichte, nichts an den Kränkungen, aber durch das Anerkennen passiert etwas. Wenn ich weiß, was mich reitet, kann ich mich selbst besser beurteilen, ich sehe die Mechanismen.
ja, es hat etwas erlösendes, es endlich zu verstehen. Kenne ich zu gut.
Zitat:Es ist wie vor einer Uhr zu stehen, ja, die macht halt ihren Job. Aber was treibt sie an? Wie greift jedes Rädchen ins Andere, und was passiert dann?
Wenn du in das Innere der Uhr gesehen hast, ist ihre Funktion kein Geheimnis und kein Mirakel.
Und so ungefähr fühle ich mich: enrätselt. Durch das Wissen verändert sich mein Handeln, ohne zutun. Meine ganze Welt hat sich verändert, nur durch das Erkennen. Es ändert nichts an der Vergangenheit, aber ich weiß jetzt WIE SEHR sie mich beeinflußt hat. Ich kann jetzt in das Geschehen eingreifen, kann Gefühle identifizieren, kann mir mit Vernunft klarmachen, warum ich so empfinde. Und das befreit mich davon, dem ausgeliefert zu sein, ohnmächtig zu sein.
Die Kränkungen treffen jetzt nicht mehr das kleine Kind, sondern eine erwachsene, fast 50jährige Frau. Und die kann ganz anders damit umgehen. Die wird sich nicht zurückziehen und traurig und alleine sein, sondern in Kontakt treten und Lösungen suchen. Sie wird im Stress nicht auf die Umwelt projizieren, wie sehr sie sich von ihr verlassen und gekränkt fühlt, und wütend und traurig werden, sondern die Hilfe annehmen, die ihr eh schon geboten wird, ohne sich wie eine Versagerin zu fühlen.
Ich weiß auch nicht, wieso das so einfach geht, ich bin so an Schwierigkeiten gewöhnt, daß ich schon mißtraurisch werde.
ja, kann ich alles nachvollziehen, klingt aber etwas öhm. anstrengend

Du musst ja keine
vollkommene Gesunde werden
Zitat:Alles geht in Richtung Gesundung, vorher war mir meine Selbstzerstörung egal. Ich habe meinen Wert gefunden?
fühlst Du ihn? Oder wie kommst Du drauf?