Zitat von BernhardQXY: Es ist dein gutes Recht, die Motivation als egoistisch zu betrachten.
An der Diskussion hier kann man einiges lernen, wie ich finde.
Ehen und Beziehungen erfordern immer eine Balance zwischen Gemeinschaftssinn und Selbstverwirklichung.
Weder den "Egoismus" aufgeben zugunsten eines kompletten aufgehens in der Gemeinsamkeit ist gesund und macht auf die Dauer glücklich, noch permanentes schieben von Egotrips unter Missachtung der Gemeinschaft wird glücklich machen.
Sowohl Selbstverwirklichung als auch Teil einer Gemeinschaft sein sind menschliche Grundbedürfnisse, folglich gilt es für jeden Menschen eine Balace zu finden.
Dass diese Balance dann auch noch für jeden Menschen anders ausschaut, ist ja logisch. Insgesamt eine sehr uneindeutige, unübersichtliche Situation.
Weiter treibt uns natürlich die Frage um, und ist ein permanenter gesellschaftlicher Aushandlungsprozess, wie wollen wir es denn gesellschaftlich handhaben? Auf was will ich mich als Mann, auf was als Frau verlassen können, wenn ich mit einem Partner ein Kind in die Welt setze? Und wenn es keine Gesetze gegen etwas gibt, dann braucht es eben die "weicheren" Regularien, Ethik und Moral. Das ist der Grund, warum sich solche Diskussionen immer so aufheizen.
Tatsache ist, Ehe, Familie, Kinderaufzucht, Beziehung ist in einem aktuell sehr beschleunigten Wandel. Tatsache ist, es ist inzwischen gradezu fahrlässig, sich darauf zu verlassen, dass die Beziehung, die man in seinen 20ern eingeht, bis ans Lebensende halten wird. Unsere Bilder und Vorstellungen hinken dem hinterher. Wir gehen nach wie vor in jede Beziehung, als wäre es unsere letzte, und ich nehme der großen Mehrheit der Menschen ab, dass sie es ernst meinen. Trotzdem kommt oft und immer öfter einfach das Leben dazwischen. In Form einer neuen Liebe, in Form neuer Bedürfnisse, in Form unterschiedlicher Entwicklungen.
Ich kann nur von mir sprechen, und ich höre das auch immer wieder in den Kreisen der Befürworter offener Beziehungen: Dass eine offene Beziehung eben genau der Spagat ist, diese Gemeinschaft, die mir und meinem Partner so wichtig ist, zu ehren, und gleichzeitig neueren Entwicklungen
und mir selber gerecht zu werden. Letztlich bin ich überzeugt, dass ein gelungenes Leben tatsächlich, Bogen zum Anfang, nur möglich ist, wenn wir diesen Spagat hinbekommen.
Weil immer wieder der Vorwurf kommt: Das hätte sie doch wissen müssen, das war ja schon schier arglistige Täuschung, dass sie die exklusive Ehe eingegangen ist, und mit ihrem Mann Kinder bekommen hat, wenn sie doch schon wusste, dass sie eher weniger exklusiv veranlagt ist...
Ich möchte es an einem weniger emotional aufgeheizten Thema zeigen: Was ist, wenn jemand immer davon träumt auszuwandern. Dann verliebt er sich in jemanden, für den das ausgeschlossen ist. Er denkt sich: Müssen ja nicht alle Träume wahr werden, hier ist es auch schön, die Liebe tut ihr übriges, und er geht die Ehe ein, in der Meinung, dass er sich diesen Wunsch schon verkneifen kann. Aber nach 10, 15, 20 Jahren kommt der Wunsch und die Sehnsucht mit Macht zurück...
Ja, schade. Ist jetzt ein Problem. Ein großes Problem. Hat sich jemand schuldig gemacht? Nein, ich bin mir sicher, dass der auswanderungswillige Partner es genauso ehrlich wollte. Er konnte zu der Zeit einfach nicht absehen, wie sich sein Traum entwickeln würde. Wäre ja auch gut möglich gewesen, dass er sich verflüchtigt hätte, oder?
Klar kann man jetzt auf die Bremse treten, und lamentieren, dass Moral und Anstand den Bach runtergehen, dass man sich auf andere Menschen überhaupt nicht mehr verlassen kann, wie Menschen Eltern zu sein haben steht sowieso immer unter besonders kritischer Beobachtung der Gesellschaft...
Ich bin dafür, zu schauen, wie solche Spagate gelingen können. Wie Eltern trotzdem noch vielleicht sogar mit guten Gefühlen gemeinsam Eltern sein können, auch das Leben uns auf getrennte Wege führt. Wo finden wir überhaupt diese dauerhaften Gemeinschaften, die für uns so wichtig sind, wenn die romantische Liebe sich als eher unzuverlässige Gemeinschaftsstifterin erwiesen hat? Wo ist es wirklich notwendig, die eigene Selbstverwirklichung hinten anzustellen, und wo sollten wir sie vielleicht im Gegenteil noch viel mehr verfolgen?
Leute verurteilen, die Wege suchen, und sich vielleicht(!) verirren ist einfach. Ich fände es besser, zu schauen, was schon gelebt wird, wo vielleicht gangbare Wege sind.