Guten Morgen ihr lieben Menschen,
zunächst einmal möchte ich mich sehr herzlich bei euch bedanken. Hier ins Forum zu schreiben und meine Gedanken mit Menschen zu teilen, die mich (uns) nicht persönlich kennen, gibt mir sehr viel und eröffnet mir neue Sichtweisen, die mir nahe stehende Menschen aus der persönlichen Betroffenheit heraus gar nicht geben können.
Mein Vater z. B. sagte damals bereits nach der Absage der Hochzeit (als "wir" noch versuchen wollten, uns zu retten) "wir müssen dich da raus holen, du musst sofort ausziehen, alles kappen, Kontaktabbruch etc." und auch in den Wochen nach der Trennung verstand er nur allmählich, dass ich anders gestrickt bin, Zeit brauche und für mich nicht von heute auf morgen alles abbrechen und mein bis dato geliebtes Leben aufgeben konnte. Er machte sich einfach Sorgen wegen meines Gemütszustandes und er wollte mich beschützen - seine Tochter, die er nicht leiden sehen wollte und konnte. Ich erinnere mich an einen Abend, an dem ich auf dem Sofa saß, einfach nur da saß und unvermittelt anfing zu weinen. Er setzte sich einfach nur schweigend zu mir und hielt mich stundenlang fest, ohne ein Wort zu sagen, bis ich mich beruhigt hatte. Sein Schweigen zeigte mir, dass er es in diesem Moment verstanden hatte. Er litt stumm mit.
Zitat von LillyP:In der Summe war es eine emotionale Achterbahnfahrt, da er 50 m entfernt von mir wohnt und wenige Wochen nach dem hastigem Abgang mit ihr die Strasse langlief. Mein Herz ist damals mehrfach gebrochen.
Das tut beim Lesen schon weh. Ich vermag mir nicht vorzustellen, wie du dich gefühlt haben musst. Es tut mir Leid, dass du diese Erfahrung machen musstest...sich vorzustellen, was der andere so treibt, reicht mir bereits. Es vorgeführt zu bekommen, würde mir - genauso wie dir - das Herz brechen. Fühl dich bitte gedrückt!
Zitat von HatSieGewonnen:Mittlerweile frage ich mich:
- ist es mein veraltete Bild, das ich von ihm noch immer habe? Vermisse ich den Mann, der er in den letzten Jahren war, oder doch den, der er vor viel viel längerer Zeit einmal war.
Anna, wie ist das bei dir, welche Version von ihm vermisst du wirklich?
Zitat von HatSieGewonnen:- vermisse ich ihn oder das, was er für mich bedeutet, Sicherheit, routine, vertrautes, Freundschaft, sich sehr gut kennen, ein Zuhause haben....
Zitat von HatSieGewonnen:Ich habe oft gesagt: es ist eben Gefühl. Zuneigung.
Liebe @hatsiegewonnen, erwischt! Ich vermisse ihn, wie er bis zum Juli war. Pragmatisch, hilfsbereit, mein Fels in der Brandung. Wir hatten einen so unbeschwerten Umgang miteinander, kannten uns wie wir waren, nahmen uns an wie wir waren. Wir haben den gleichen Humor, konnten einander liebevoll aufziehen, hatten unsere Insider, unsere Rituale. Er machte mir Wärmflaschen fertig und legte sie mir ins Bett, bevor ich schlafen ging, weil ich immer kalte Füße habe, machte mir Tee, weil ich jeden Abend noch eine Kanne Tee trank. Ich bekam jedes Jahr einen tollen Adventskalender, in den er sehr viel Mühe investierte. Wir waren nicht nur Partner, sondern auch beste Freunde, ich konnte ihm alles anvertrauen, was mich beschäftigte.
All das vermisse ich unendlich.
In den letzten Monaten schien es zeitweise auch genau so. Und dann schlichen sich die Gedanken wieder ein an das, was war...an die Absage der Hochzeit, die Trennung, das aus-meinem-Leben-gerissen-Werden und vor dem Nichts stehen. Die Angst wurde größer und steigerte sich nach dem häppchenweise gestandenen Betrug ins Unendliche. Angst, Hilf- und Machtlosigkeit.
Zitat von Heffalump:Was ist dein Preis? Er darf in der Weltgeschichte seinen Willy spazieren führen, lügen, betrügen und bestimmt auch Dich als *Freundin*Partnerin* abwerten, und dafür lässt man ihn mit offenen Armen unter die Bettdecke? Zusätzlich, was er an *Krankheiten* von seinen Eskapaden mit *heim* bringt?
Es ist so, dass ich ihn Anfang Januar (bevor ich von dem Betrug erfuhr) dazu aufforderte, sich komplett durchtesten zu lassen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir keinen intimen Kontakt zueinander, weil ich zunächst auf Distanz bleiben wollte und mich die Vorstellung ekelte, dass er nach mir mit einer anderen Frau geschlafen hatte. Er vereinbarte auch einen Termin und nahm diesen wahr. Nach dem Betrugsgeständnis allerdings war an Intimität noch weniger zu denken. Sowohl er distanzierte sich ja immer wieder und weiter als auch ich war in meinem Kopfkino gefangen.
Zitat von Krabbe1:Auch wenn ihr wieder zusammen kommen solltet...
Das, was ihr einmal hattet, wird nicht zurück kommen...
Dieser Bruch aus Vertrauen, Ehrlich...
Der bleibt...
Genau, das habe ich in dieser Zeit auch gemerkt. Ich dachte aber, wenn wir nur genug Zeit haben, können wir etwas Anderes/etwas Neues daraus machen und uns damit wieder gut fühlen. Ich dachte, wir lieben einander und finden einen Weg...und wenn es eben lange dauert. Das war es mir wert.
Zitat von LillyP:Da habe ich bei dir das Gefühl , du übernimmst einen zu grossen Brocken der Schuld. Er hat wirklich Mist gebaut mit dir, das war ganz respektloses Verhalten.
Zitat von LillyP:Du hast ihn lange idealisiert, jetzt solltest du bewusst eine Zeit in die Richtung gehen, dass du ihn vom Thron stösst. Und eines Tages kannst du ihn in seiner Gesamtheit betrachten, mit Stärken und Schwächen. Jetzt kümmerst du dich erstmal um dich selbst.
Ich habe über das Wochenende und generell in letzter Zeit viel gestöbert, gelesen etc. Ich weiß, dass mich das im Verarbeitungsprozess nicht wirklich weiterbringen wird, aber ich versuche immer noch zu verstehen. Ich bin auf den Begriff "Bindungsangst" oder "bindungsängstliches Verhalten" gestoßen und erkenne etwa zwei Drittel der beschriebenen Verhaltensmuster wieder - sowohl in Bezug auf ihn als auch in Bezug auf die Beziehung.
Ein Schwenk zur Vorgeschichte:
Ganz zu Beginn war es bei uns beiden damals so, dass er die Beziehung sehr schnell vorantrieb. Wir kamen uns Ende November 2015 näher. Er wollte schnell meine Eltern kennenlernen, erzählte jedem, wir seien jetzt zusammen, stellte mich seinen Eltern vor, feierte Silvester mit mir, nahm mich mit zu diversen Events, wir unternahmen viel, er holte mich ab, brachte mich heim (ich hatte kein Auto zu dieser Zeit) etc. Für mich stand ab April 2016 ein Auslandsaufenthalt an, der nur ein paar Monate dauern sollte. Je näher dieser Auslandsaufenthalt rückte, desto mehr zog er sich zurück und machte schließlich einen Monat vor meinem Abflug Schluss.
Also: in der ersten Zeit komplett überschwänglich und dann nach drei Monaten Schluss mit der Begründung, er fühle sich zu verantwortlich und spüre den Druck meiner Erwartungshaltung, wisse nicht, ob er eine feste Bindung eingehen könne und wolle....Erwartungen, die es nicht gab! Ich hatte lediglich geäußert, dass die paar Monate Spanien keine lange Zeit seien, dass er mich ja aber besuchen kommen könnte.
Rückblickend betrachtet war diese Geschichte schon DAS Warnsignal, glaube ich.
Er ließ den Kontakt zunächst sein, nahm ihn dann immer öfter wieder auf. Wir schrieben und telefonierten auch und er kam mich Ende Mai 2016 dann besuchen - drei Monate, nachdem Schluss war.
Ich war damals sehr verständnisvoll, aber auch vorsichtig um meiner selbst willen. Erst eineinhalb Jahre später zog ich zunächst bei ihm mit ein, ein halbes Jahr später suchten wir uns das gemeinsame Haus. Ich glaube, es gab ihm eine gewisse Sicherheit, dass ich zunächst mit in seine Wohnung zog und wir das Zusammenleben ausprobieren konnten.
Bei folgenden Merkmalen des bindungsängstlichen Verhaltens erkenne ich ihn z. B. aktuell wieder:
Wirkliche Verantwortung und Verpflichtungen werden abgelehnt (bevorstehender Auslandsaufenthalt direkt zu Beginn, bevorstehende/näherrückende Hochzeit), Erwartungen des Partners werden als sehr einengend empfunden und lösen Fluchtreflexe aus (mehr Paarzeit, Bedürfnis nach Nähe meinerseits), Betroffene flüchten sich in bspw. Hobby oder Untreue, um sich vom Partner zu distanzieren, in der Distanzierung und Trennung vom Partner werden alle möglichen Begründungen herangezogen, die für den Partner unverständlich bleiben, Ablehnen von Verbindlichkeit, viele oberflächliche Verbindungen, große Probleme dabei, über Gefühle zu sprechen, Sprunghaftigkeit, Rückzug (zeitweise wollte er am liebsten seine Ruhe, mich 10 min später wieder sehen oder dachte daran, wieder zusammenzuziehen).
Ursache für dieses Verhalten sind meist Verlustängste und die Angst vor dem Verlust der eigenen Autonomie aufgrund von negativen Erfahrungen in Kindheit oder Beziehungen (er wurde für einen anderen verlassen + keine Exklusivität bei der Partnerin vor mir) und einem daraus resultierenden schwachen Selbstwert, der es schwer macht, anzunehmen, dass man bedingungslos liebenswert ist. Eigentlich besteht der sehnliche Wunsch nach Nähe, Vertrautheit und Innigkeit. Deshalb erzeugen die Betroffenen diesen Zustand möglichst schnell, empfinden wohl auch zunächst so, malen sich wirklich eine Zukunft aus. Wenn die Nähe jedoch zu groß wird und der Partner sich tatsächlich einlässt, werden die Ängste getriggert, die Gefühle verändern sich schnell ins Gegenteil und der Abwehrmechanismus wird aktiviert.
Ich erinnere mich an einige Äußerungen in ferner und naher Vergangenheit, die mich schon wunderten und nun stutzig machen:
"Du siehst so viel besser aus als ich, was willst du überhaupt mit mir", "Ich habe Angst, dass du mich irgendwann verlassen könntest", "Ich habe Angst, dass du mich nicht mehr lieben kannst" (nach dem Betrugsgeständnis), "Ich habe Angst, dich zu verlieren", "Ich war nicht ehrlich genug, um zu allen Fehlern zu stehen, weil ich Angst hatte, dass du mich nicht mehr willst", "Du bist die erste und einzige Person, deren Loyalität ich mir immer sicher sein konnte" etc...die Liste geht noch weiter.
Wenn Betroffene sich zurückgezogen oder Schluss gemacht haben, fallen Druck und Last im Laufe der Zeit ab und das Vermissen setzt ein. On-Off-Beziehungen können entstehen, wenn der Partner sich nicht selbst abgrenzt.
Zitat von Heffalump:Ich mein ja nur. Deinen Wert legst du fest. Denn kann ich dich nicht haben, steigt der imaginäre Wert - aber bekomme ich dich für ein Fingerschnippen ... dann sinkt dieses Wertesystem ins Bodenlose.
Unabhängig von den Überlegungen, die ich da anstelle, hast du vollkommen Recht. Ich war schnell wieder verfügbar, wenngleich nicht vollkommen offen.
Zitat von Heffalump:Aber ich möchte schon was wert sein, und wenn es nur der Wert der Ehrlichkeit ist, weil uns ne lange Zeit verband. Ja, Liebe kann enden. Aber musste er es so beenden, das du verzweifelt am Boden liegst? Hätte er es auch *mit Anstand* tun können?
Auch hiermit hast du vollkommen Recht. Das sehe ich ganz genauso, auch wenn ich noch Liebe für ihn im Herzen trage. Egal, was letztendlich der Hintergrund ist - warum, wieso, weshalb - der Umgang damit war und ist absolut daneben, nicht rücksichts- oder verantwortungsvoll mir gegenüber.
Zitat von LillyP:In einem anderen Forum scheint die Nachfolgerin aufgeschlagen zu sein, hat auch schon (berechtigt) Zweifel. Er ist und bleibt der gleiche.
Das schaue ich mir jetzt mal genauer an, ich danke dir sehr @LillyP
Bitte entschuldigt, dass dieser Text so lang geworden ist!
Viele Grüße und einen guten Start in die neue Woche
Anna