Lieber Mick,
auch wenn ich kaum noch etwas hier schreibe heißt das nicht, daß ich Deine Geschichte nicht schon über eine längere Zeit sehr interessiert verfolge. Ich finde, dass es sehr schwierig ist, überhaupt irgendetwas dazu zu sagen - jedoch möchte ich mich nicht an der Erstellung psychologisch pathologischer Befunde á la Borderliner etc. beteiligen, denn ich denke, dass wir das zum Einen ohne alle Betroffenen und ihr wirkliches bisheriges Leben zu kennen und zu hören und ohne die geeignete Qualifikation gar nicht können und zum Anderen glaube ich inzwischen, dass alle Beteiligten einfach nur auf ihrer ureigensten Art in ihrer ureigensten Rolle in jeweils ihrem eigenen Leben gefangen sind und sich zwangsläufig dann auch dementsprechend verhalten.
1) Du hast Deine Trennung in den zurückliegenden mehr als 2 Jahren inzwischen verarbeitet (von dem kleinen Rest Wehmut der trotzdem bleibt, reden wir hier mal lieber nicht). Du bist bereit für etwas Neues. Dein Wunsch nach einer Beziehung ist einfach übermächtig. Du möchtest nur zu gerne wieder Liebe geben und auch empfangen. Und Du möchtest auch nicht mehr allein sein. Selbst der "Maßstab", den die überwundene Beziehung anfangs zu stellen schien, ist inzwischen auch weg. Und ich glaube, dass Du es geschafft hast - trotz all der Verletzungen während und nach Deiner Trennung - Deine Ex irgendwo in einer Ecke Deines Herzens weiter zu lieben und Du weißt inzwischen auch, dass genau dort noch jede Menge Platz frei ist. Du bist bei Dir und Deinen Wünschen und Bedürfnissen angekommen.
So weit, so gut...denn so geht es mir nämlich auch und korrigiere mich bitte, wenn ich bei Dir damit irgendwie falsch liege

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Doch was passiert als Nächstes ? Dummerweise erst einmal gar nichts. Und zwar so richtig gar nichts. Man lebt vor sich hin, mal besser, mal schlechter, mal ist man richtig glücklich mit sich selbst und seinem Leben, mal wieder traurig, mal fühlt man sich gut, mal schlecht, mal glaubt man, ganz allein zu sein aber man lebt endlich wieder. Gleichzeitig wachsen aber auch diese oben genannten Wünsche im Kopf.
Und irgendwann, wenn man es noch nicht einmal wirklich erwartet, lernt man jemanden kennen und plötzlich fühlt man wieder etwas. Was es ist, weiß man anfangs selbst noch nicht einmal so genau. Gefühle kommen auf. Man ist glücklich, euphorisch und irgendwie verliebt. Ein einfach toller Zustand nach all dem, was vorher war.
Und nun ? Um alles in der Welt will man möglichst keinen Fehler machen, denn man will ja aus Altem lernen. Doch was ist richtig ? Was ist falsch ? Um es vorweg zu nehmen - ich weiß es auch nicht. Man verfällt in eine Art innere Hektik, will den anderen nicht überfordern mit all dem angefüllten "Liebesdrang", man hält sich zurück (ob das gut ist, sei auch mal dahingestellt), macht sich gleichzeitig aber trotzdem Hoffnungen, genießt unendlich das aufgekommene neue tolle Gefühl und man will das und den Menschen, mit dem es verbunden ist, unter keinen Umständen wieder verlieren. Plötzlich, genau so unerwartet wie der Anfang, bekommt das Ganze einen Dämpfer - ausgelöst durch eine Geste, ein Gespräch oder was auch immer (2002 war das bei mir ein Gespräch nach 6 Monaten Beziehung über die Vorstellung von Beziehung). Plötzlich gehen alle Alarmlampen an (die vielleicht auch schon vorher einmal oder auch mehrmals aufgeglimmt hatten, was man aber im "Rausch" geflissentlich übersehen und auch ein wenig ignoriert hatte). Das Gehirn arbeitet auf Hochtouren: "Was ist los ?" "Was habe ich falsch gemacht ?" "Wo liegt das Problem ?" "Wie kann ich es lösen ?" "Was passiert nun ?" usw. usf. immer mit all der bisherigen Lebenserfahrung im Kopf und dem Wunsch, das Krisenmanagement diesmal besser als bei den Malen davor hinzubekommen. Ob man es aber tatsächlich schafft, läßt sich dummerweise jedoch wirklich erst im Nachhinein beurteilen, genau so ob es gut war, die ersten Anzeichen zu übersehen oder nicht. Manchmal gab es dafür vielleicht noch nicht einmal die Chance. Ich las letztens einen Satz, den ich für sehr weise halte: "Man kann auch "verlieren", ohne einen Fehler gemacht zu haben. Das ist kein Fehler, das ist das Leben."
Sorry Mick...es ist nun doch eher eine Beschreibung meines "Tickens" in diesem Lebensbereich geworden, aber - und das hatten wir früher schon bemerkt - ich sehe da viele Parallelen zu Dir und Deinem Verhalten. Und langsam akzeptiere ich für mich, daß ich mich, was dieses Verhalten angeht, kaum ändern kann, so sehr ich mich auch dazu zwinge. Was bleibt - sollte das Gespräch morgen negativ für Dich enden und das Aus für Eure Beziehung bedeuten - ist erneute Trauerarbeit um den Verlust, die Überwindung der Ablehnung und dann zurück zu Punkt 1) (Wobei man dann noch darüber philosophieren kann, ob das Leben nicht immer in ähnlichen Endlosschleifen abzulaufen scheint

).
Ich hoffe jedoch wirklich für Dich, daß dieses Gespräch positiv endet und alles vielleicht doch noch einen guten Verlauf für Dich nimmt. Und ich bin extra nicht auf Ihr Verhalten eingegangen, denn auch sie wird dafür ihre ureigensten Gründe und Anlässe haben, über die wir hier eh nur rein spekulativ philosophieren könnten.
Ich wünsche Dir alles Gute, viel Glück für morgen und trotz allem ein schönes Weihnachtsfest, einen guten Rustsch ins neue Jahr und für 2004 die besten Wünsche.
Liebe Grüße
Jens(i).